Geschichte

Auf den Spuren Wilhelm Tells in Küsnacht: Die Hohle Gasse steht nicht mehr für Mord, sondern für Mobilität

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Der Ort am Rigi hat eine neue Umfahrung. Damit kennt sich die Besucherin aus dem Aargau aus. Angelockt hat sie aber die Hohle Gasse.

Der Mann in der Gondel sagte: «Hohle Gasse … mit Gessler und Tell? Wusste nicht, dass sie hier ist.» Wir fuhren auf die Seebodenalp an der Rigi, Küssnachts Sonntagsausflugsziel. Doch es war Dienstagnachmittag. Ich hatte Küssnacht durchquert, die Senioren auf dem Tennisplatz gesehen, den Schwimmer im See beneidet, der rief: «Es ist noch warm!», bei der Küferei Suppiger einem Arbeiter zugeschaut, wie er den Metallring an die richtige Stelle eines Weinfasses hämmerte.

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Gestartet bin ich an der Bushaltestelle «Immensee, Hohle Gasse». Ziel und Zweck der Reise.

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Denn kennen tut sie jeder, die Hohle Gasse, aber wer war tatsächlich dort? Anders als die Rigi hoch oben oder Luzern ennet dem See ist die Gasse kein touristischer Hotspot. Küssnacht selber, gelegen am Ende eines Arms des Vierwaldstättersees und von wenigen Kursschiffen besucht, ist es auch nicht. Zu Unrecht.

Es ist morgens um 9 Uhr. Die groben Steine der Gasse liegen im Dunkeln des Wäldchens, weit hinten leuchtet die Kapelle in der Sonne. Hier erzählten Väter ehrfürchtig zuhörenden Söhnen jeweils von Tells Schuss, sagt mir der Wirt des Restaurants Hohle Gasse später. Inszenierte Literatur sei das.

Aber ich trage seit der Schulzeit die Enttäuschung in mir, dass all die eindrücklichen Geschichten um die Gründung der Schweiz Erfindungen waren. Die Informationen der Lichtshow am Beginn der Gasse machen es nicht besser: Bis 1935 stimmte, was Schiller schrieb («Durch diese Hohle Gasse muss er kommen, es führt kein anderer Weg nach Küssnacht»).

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Als Autos durchfahren sollten, gab es Proteste, es wurde eine Umfahrungstrasse gebaut – und die Gasse auf ursprünglich gemacht. Sie wurde verengt und mit unwegsamen Steinen gepflastert. Sinnbilder für Unabhängigkeit waren gerade wieder gesucht.

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Die Legende vom Helden, der ein Volk aus der Knechtschaft führt und eint, wurde schon früher gebraucht: 1512/13 gab es erstmals ein Tellenspiel – zur Zeit, als die Konfessionen das Land zu spalten drohten.

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Im Ohr der Verkehr, im Kopf das Märchen für die Volksseele

Was soll ich mit der gefakten Gasse? Die Schüler des Gymnasiums Immensee, das sich am Ende der Gasse befindet, benutzen sie nicht, sie nehmen den Spazierweg, der parallel verläuft, Laternen hat und keine Stolpersteine. Die Gasse ist ein idyllischer Ort für die Augen, in den Ohren hat man den Autoverkehr der Hauptstrasse. Im Kopf ein Märchen für die Volksseele.

Ich bin als protestantische Aarauerin nicht mit historischen Helden aufgewachsen. Ich denke nüchterner: Wie soll etwas eine Bedeutung haben, wenn es erfunden ist? Doch Bruchstücke sind wahr: Ein Vogt Gessler hat gelebt, das ist belegt, aber nicht in Küssnacht, sondern ausgerechnet im Aargau. Die habsburgische Familie war Vogt über Wiggwil im Freiamt.

Sein Bürgerort liege im Freiamt, sagt der «Hohle Gasse»-Wirt. Er steht eingangs Gasse mit seinem Mops an der Leine. Ich fragte Benno Huwyler, wie es sei, an diesem besonderen Ort täglich mit dem Hund spazieren zu gehen.

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Aber von ihm sind keine schwärmerischen Gemeinplätze zu bekommen. Seinen Gästen erzählt er zwar gerne wilde Geschichten, wie die, dass sein Hund von einem Mops der Familie Gessler abstamme. Aber Huwyler, einst Student und Künstler in Zürich, seit 15 Jahren Wirt eines traditionellen Lokals, das er zusammen mit seinem Partner führt, ist auch Mitglied der Operation Libero. Jener politischen Bewegung, welche sich quer durch fast alle Parteien für eine weltoffene Schweiz einsetzt.

Huwyler sagt über den Vogt von Küssnacht, der nicht Gessler, sondern Eppo II. geheissen hat, der wegen zu harter Steuern verhasst, 1302 von Bürgern überfallen und beinahe umgebracht worden war:

Es habe damals ohnehin in der Bevölkerung gegärt, und der Vogt sei eigentlich einer der ihrigen gewesen, jedenfalls kaum bessergestellt als einer wie Tell, der laut Schillers Erzählung an einem normalen Arbeitstag Zeit hatte, nach Altdorf zu gehen, und dabei eine wertvolle Waffe trug.

Inzwischen hat mich Benno Huwyler auf einen Kaffee unter die Kastanienbäume eingeladen. Er sagt, hier würden alle satt, und darum gehe es doch, dass man sich zusammenraufe, um etwas zu erreichen. Huwyler:

Aber man habe auch unglaubliches Glück gehabt, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu leben.

Später wandere ich von der Seebodenalp hinunter zur Gesslerburg. Sie ist nur noch eine Ruine, aber man darf auf den Mauern (mit Geländer) balancieren.

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Hier zeigt sich, wie Küssnacht fast eingeklemmt zwischen dem Zuger- und dem Vierwaldstättersee liegt.

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Wieder unten im Dorf staune ich ob der Autos, die durch Küssnachts schönste Flanier- und Restaurant-Gasse bis zum Parkplatz am See fahren. Seit einer Woche ist zwar die Umfahrung des Zentrums fertiggestellt. «Für eine autofreie Zone am See braucht es wohl noch ein paar Jahre Zeit», sagt der Aufseher im Heimatmuseum. Der Verkehr durchs Oberdorf sei immerhin schon zurückgegangen, aber es dauere halt noch, bis alle Navi-Geräte die Route angepasst hätten.

Die Gasse steht nicht nur für Mord, sondern auch für Mobilität

Im Museum steht eine bronzene Tell-und-Walterli-Skulptur. Sie stand einst auf dem Kreisel im Zentrum, aber sie wurde zu oft umgestossen von der Fracht der Sägerei-Transporter. Jetzt wird der Kreisel aufgehoben und ein schöner Brunnen kommt in die Mitte. Tell und Walter bleiben im Museum.

Neben all den tatsächlich historischen Nachweisen: Ein Bruchstück der Frontscheibe von Königin Astrids Auto, die hier 1936 tödlich verunglückte.

Königin Astrid von Belgien stürzte bei Küsnacht mit ihrem Wagen eine Uferböschung herunter.

Königin Astrid von Belgien stürzte bei Küsnacht mit ihrem Wagen eine Uferböschung herunter.

Belege, dass die Bevölkerung den Habsburgern die Fische wie Rötel und Balchen sowie Eier und Fasnachtshühner hat abliefern müssen. Ziegel, Waffen, ein Schädel. Römische Münzen von der Ausgrabung für die Umfahrung.

Mit Umfahrungen und Diskussionen um autofreie Altstädte kenne ich mich als Aargauerin aus. Und während ich noch versuche, mit historischen Quellen Wahrheit und Fiktion zu trennen, fällt mir ein: Strassen und die grossen Transitachsen waren und sind fürs Land ebenso prägend wie Legenden. Und die Frage, wem sie nutzen. Das hat sich geändert.

Küssnacht liegt längst nicht mehr an der Handelsroute in den Süden, als man wegen holpriger Wege am liebsten via See-Weg reiste. Viele Fassaden im Oberdorf bräuchten eine Renovation. In den Ausgang gingen sie nach Luzern, sagen zwei Jugendliche. Europas Nadelöhr zu sein, hat der Schweiz Reichtum und wohl auch die Neutralität beschert. Heute ist es Fluch und Glück zugleich, abseits der Achsen zu leben.

Gerade ist es mein Glück. Ich stehe am Ufer, sehe den See, in der Ferne die sich in allen Blau-Grau-Schattierungen türmenden Berge.

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