Flexible Arbeitsmodelle
Arbeiten in den eigenen vier Wänden: Das Büro zu Hause bleibt oft ungenutzt

Heute ist «Home-Office-Tag». Werbung in dieser Sache tut denn auch not: Denn trotz der immer besseren technologischen Voraussetzungen stagniert der Anteil der zu Hause arbeitenden Menschen. Dabei sind positive psychische Wirkungen belegt.

Matthias Niklowitz
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Thomas Mann Mitte der 1930er-Jahre bei der Heimarbeit in seinem Haus im zürcherischen Erlenbach. Thomas-Mann-Archiv/Keystone

Thomas Mann Mitte der 1930er-Jahre bei der Heimarbeit in seinem Haus im zürcherischen Erlenbach. Thomas-Mann-Archiv/Keystone

KEYSTONE

Unser Bild zeigt Thomas Mann (1875 bis 1955) beim Home Office: Der Literat hielt sich bei der Ausübung seines Berufs an einen strikten täglichen Stundenplan. Für die vielköpfige Familie galt in dieser Zeit ein Lärmverbot.

Freisprechanlage und gute Apps erleichtern die Home-Office-Tage

Es gibt ein paar Tipps, mit denen sich Interessierte das Arbeiten zu Hause deutlich erleichtern können. Experten raten zu folgenden Punkten:
- Sehr guter Stuhl. Noch besser als der im Büro. Der Tisch sollte höhenverstellbar sein, beim Licht sollte ebenfalls nicht gespart werden.
- Oft vergessen wird: Bequeme Kleidung, die bei Videokonferenzen doch noch professionell aussieht.
- Weil man zu Hause auch mal laut sein darf: Freisprech-Einrichtung, damit man nicht immer das Headset auf dem Kopf haben muss.
- Gesunde Ernährung und genug zu trinken. Nicht in Griffweite, sondern in der Küche lagern, damit man immer wieder mal einen Grund hat, aufzustehen.
- Eine App, die einen periodisch daran erinnert, aufzustehen und die Glieder zu bewegen (wie «Pauses» für den Mac). Oder ein Küchentimer.
- Falls man mit dem Laptop arbeitet: Externer Monitor, externes ergonomisches Keyboard, Maus. Falls kein externer Monitor drinliegt, dann wenigstens ein Halter für den Laptop, damit der Bildschirm auf Augenhöhe ist. Plus ein zweites Netzteil für den Laptop, damit man das nicht immer hin und her zügeln muss. (Nik)

Später dann sollte das Schreibtischschaffen von zu Hause aus auch für andere Geistesarbeiter gelten: In den 1970er-Jahren, mithin vor der Erfindung des Personal Computers, wurde «Telearbeit» breit propagiert.

«Tele» wurde im Sinn von «aus der Ferne schaffend» gebraucht. Denn der Raum zwischen Suburbia und dem fernen Downtown-Büro sollte mit Datenleitungen überbrückt werden. So sparen Angestellte Zeit, Nerven und Energie.

Gerade die Sache mit der Energie geht indes nicht auf, wie eine Untersuchung des Bundesamtes für Energie (BFE) zeigte: Home-Office-Arbeit führt oft zur Zunahme privater Mobilität, wenn beispielsweise Einkäufe nicht gleich auf dem Arbeitsweg gemacht und durch eine weniger ortsgebundene Büroarbeit mehr Aussentermine wahrgenommen werden. Den Einsparungen für Heizung und Lüftung im Büro steht ein Mehrverbrauch zu Hause gegenüber.

So ist es zu erklären, dass sich Home Office vor allem in wissensintensiven Dienstleistungsberufen und da vorwiegend in der Privatwirtschaft durchgesetzt hat. «Ein typischer Home-Office-Arbeitender ist in der Regel mittleren Alters, hat sich eine gewisse Autonomie und Position im Unternehmen erarbeitet und ist nicht selten männlich», sagt Hartmut Schulze, Professor an der Hochschule für Angewandte Psychologie an der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Sie befassen sich mit Aufgaben, die keine fixe und andauernde physische Anwesenheit im Betrieb erfordern. «Selbst Topmanager legen gelegentlich einen Tag im Büro ein», sagt Jens Meissner, Professor für Organisationale Innovation und Kommunikation an der Hochschule Luzern.

Diese Arbeitenden kommen denn auch in den Genuss der unbestrittenen positiven Effekte: «Home Office bewährt sich als Refugium ungestörter Arbeit»», sagt Schulze. «In unseren eigenen Studien geben überzeugte Home-Office-Nutzerinnen und -Nutzer, die etwa einen Tag pro Woche von zu Hause aus oder von unterwegs aus arbeiten, übereinstimmend an, dass sie im Home Office Arbeiten erledigen können, die sie im Grossraumbüro nicht so gut erledigen können, dass sie zufriedener mit der Arbeit sind und sich die Arbeitsleistung verbessert.»

Ausserdem schätzten sie es, mehr Nähe zur Familie zu haben sowie Arbeits- und Privatleben besser in Einklang bringen zu können.

«Es gilt wie immer im Leben ‹Keine Freiheit ohne Verantwortung›: Man muss sich selbst antreiben, sich Ziele setzen, zudem mit dem Chef und eben auch den Kollegen die Präsenzerwartung verhandeln», sagt Meissner. Die Arbeit von zu Hause aus müsse für alle tragbar sein. Das sei anstrengend. «Und auch für die Familie gilt: Anwesenheit reicht nicht zu einem gelungenen Familienleben», sagt Meissner, «zudem muss man sich zuhause ständig abgrenzen.» Es werde etwas anstrengender. Aber es sei eine Frage der Balance. «Wer darüber mitbestimmen darf, wann er wo arbeitet, wird über längere Zeit eine grössere Bindung an den Arbeitgeber entwickeln», so Meissner.

Unter dem Strich überwiegen die positiven Aspekte. «Wir sind sicher, dass ein Anteil Home Office im Umfang von ein bis zwei Tagen pro Woche zur Steigerung des Wohlbefindens und der Arbeitsleistung beiträgt und sich die Mitarbeitenden den Anforderungen des Arbeitsalltags gegenüber besser gewappnet fühlen», sagt Schulze.

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