Weihnachtsgeschichte
Amar – und es gibt ihn doch!

Eine Weihnachtsgeschichte von Schriftsteller Andreas Neeser für die Leser der «Nordwestschweiz».

Andreas Neeser
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«Und dann steht so einer da. Vielleicht fünf, vielleicht sieben. Sagt kein Wort, und geht nicht mehr weg.»

«Und dann steht so einer da. Vielleicht fünf, vielleicht sieben. Sagt kein Wort, und geht nicht mehr weg.»

Illustration Philip Bürli

Nordmann, ja. War gar nicht leicht zu bekommen. Ich meine, wer will zu Weihnachten ein Bäumchen mit Wurzeln. – Das Ganze wird übrigens nicht lange dauern, hab ich dir ja gesagt. Und was das Plätzchen betrifft, bin ich nicht wählerisch. Hauptsache Wald, Hauptsache ordentlich eingebuddelt.

Andreas Neeser, geboren 1964, studierte Germanistik, Anglistik und Literaturkritik an der Universität Zürich. Von 2003 bis 2011 Aufbau und Leitung des Aargauer Literaturhauses Lenzburg. Andreas Neeser lebt mit seiner Familie in Suhr. Für sein vielfältiges literarisches Schaffen wurde er mehrfach ausgezeichnet, zuletzt 2014 mit einem Werkbeitrag der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia. Zuletzt erschienen im Haymon-Verlag Innsbruck der Bretagne-Roman «Zwischen zwei Wassern» (2014) und der Gedichtband «Wie halten Fische die Luft an» (2015), zudem im Orell-Füssli-Verlag das Kinderbuch «Ravi & Oli in Grünland» (2015), geschrieben zusammen mit Lea Guidon. Die Erzählung «Amar» ist M. F. gewidmet. www.andreasneeser.ch

Andreas Neeser, geboren 1964, studierte Germanistik, Anglistik und Literaturkritik an der Universität Zürich. Von 2003 bis 2011 Aufbau und Leitung des Aargauer Literaturhauses Lenzburg. Andreas Neeser lebt mit seiner Familie in Suhr. Für sein vielfältiges literarisches Schaffen wurde er mehrfach ausgezeichnet, zuletzt 2014 mit einem Werkbeitrag der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia. Zuletzt erschienen im Haymon-Verlag Innsbruck der Bretagne-Roman «Zwischen zwei Wassern» (2014) und der Gedichtband «Wie halten Fische die Luft an» (2015), zudem im Orell-Füssli-Verlag das Kinderbuch «Ravi & Oli in Grünland» (2015), geschrieben zusammen mit Lea Guidon. Die Erzählung «Amar» ist M. F. gewidmet. www.andreasneeser.ch

Zur Verfügung gestellt

Setz dich doch! Ich habe eine Decke mit. Wir können auch ein Feuer machen, der Dorfverein sorgt immer für trockenes Holz. – Und danke. Selbstverständlich ist das nicht, Freundschaft hin oder her. Ohne dich würde ich es wieder nicht tun. Wie ich es die ganzen Jahre nicht getan habe.

Wie lange ist das eigentlich her? Es war dieser kalte Winter, nicht? Minus zehn, minus fünfzehn Grad, während Wochen, das Eis kroch einem ins Herz. Fünf Jahre, genau. Die letzten Weihnachten mit Nadine und den Kindern. – Nicht, dass du mich falsch verstehst; natürlich habe ich etwas getan. Zu wenig, das Falsche, das habe ich immer gewusst, irgendwie. Aber ich habe etwas getan.

Einen Namen habe ich ihm gegeben. Wenn dir etwas fehlt, musst du es benennen können. Weisst du, was ich meine? Das Abwesende braucht einen Namen; nicht das, was da ist. Deshalb habe ich ihm einen Namen gegeben. Amar.

Vor Weihnachten suchte ich jeweils auf allen Friedhöfen der Umgebung sein Grab. Amar gab es nicht. – Da, nimm einen Schluck! Pflaume. In der Buchegg machen sie das noch selbst, und es wärmt von innen.

Schöne Festtage!

Die Redaktion wünscht Ihnen schöne Festtage!

Kindisch, einen, der nie gestorben ist, bei den Toten zu suchen. Natürlich ist das kindisch. Aber es hätte mir geholfen, ihn zu finden. Das bilde ich mir wenigstens ein. Die Gewissheit, verstehst du. Einer ist nicht mehr da, und es ist deine Schuld; dann hilft dir nur die Gewissheit. Mir hätte es geholfen, und das würde es noch immer. Aber in einer halben Stunde wird das keine Rolle mehr spielen, denn wir werden dieses Tännchen pflanzen, ein bisschen Leben. Das muss reichen für den Tod, der keiner ist. Das muss reichen für immer. Und heute ist der richtige Moment.

Zu Hause liegt der Gerichtsentscheid, ab Anfang Jahr habe ich das alleinige Sorgerecht. Marta und Nino werden zu mir ziehen. Nach über vier Jahren – und deshalb verabschiede ich mich heute von Amar. Wir werden ein tiefes Loch ausheben, für den Baum, die Wurzeln, und für die Bilder, die immer wiederkommen.

Wie er unter der Tür stand. In Trainingshose und Sweatshirt. Die schmutzig grüne Daunenjacke trug er offen, die viel zu grossen Schnürschuhe waren vom Schneematsch dunkel verfärbt. Er stand einfach da, sagte nichts.

Das musst du dir mal vorstellen. Du schmückst für die Kinder den Weihnachtsbaum, beschriftest die glitzernden Geschenke, deckst den Tisch; Nadine schneidet schon den Rollschinken. Wie wir das immer gemacht haben, die Kinder fanden das zauberhaft, wenigstens Marta, die war ja schon drei. Heiligabend wie vor hundert Jahren.

Ich gebe zu, ich habe das auch gemocht. Und vielleicht –. Aber dann klingelt es an der Tür, und vor dir steht ein Junge. Unter der Kapuze des Pullovers ein schmales, kantiges Gesicht. Und diese Augen. Ein klarer, starrer Blick, der einen nie trifft. Und da ist kein Licht. Du schaust in eine Ausgeleertheit, in eine Verlorenheit, die es nur in Dokumentarfilmen gibt.

Illustration Philip Bürli

Und dann steht so einer da. Vielleicht fünf, vielleicht sieben. Sagt kein Wort, und geht nicht mehr weg. – Holz gibt es da hinten, Splitter auch, unterm Wellblech. Warte mal, irgendwo hab ich hier noch eine Zeitung. – Hallo, Kleiner, habe ich gesagt, was möchtest du? Wie heisst du denn? Brauchst du etwas? Willst du uns etwas verkaufen? Verstehst du mich überhaupt?

Ich lege die Hand auf die Klinke, und er tritt in die Wohnung. Keine Regung auf seinem Gesicht. Er schaut erst zu Boden, dann auf den Baum mit den flackernden Lichtern. Nadine steht jetzt auch da, mustert den Jungen, schaut mich zugleich fragend und fordernd an. Wo wohnst du denn, sagt Nadine und beugt sich zu ihm hinunter. Du bist ja ganz durchfroren. Sprichst du Deutsch? You can’t hierbleiben, sagt sie, verstehst du, you must go home, es ist ja schon dunkel.

Ich mache einen Schritt auf ihn zu, will den Arm um seine schmalen Schultern legen, ihn hinausbegleiten. Der Junge weicht zurück, ohne uns anzusehen. Keinen von uns sieht er an. Dann schlurft er auf die Lichter zu, bis etwas durch seinen Körper geht. Mit dem Rücken zu uns steht er da wie einer, der gekommen ist, um zu bleiben. – Ich weiss noch genau, dieses kaum merkliche Zucken in seinen Schultern hatte etwas Endgültiges. – Also gut, sage ich, und Nadine nickt.

Ich ziehe dem stummen Gast die Jacke und die durchnässten Schuhe aus, was er ohne sichtbare Regung mit sich geschehen lässt. Nadine holt aus dem kunterbunten Kinderkleidervorrat im Keller einen Wollpulli, Socken, Schuhe und kleidet ihn neu ein. So essen wir also zu viert, Marta im Hochstuhl, Nino schläft bereits in seiner Wippe.

Der Junge scheint keinen Hunger zu haben, oder er mag Rollschinken nicht. Er schweigt, seine dunklen, ausgeweideten Augen sprechen Bände. Wir können ihn nicht wegschicken, sagt Nadine, nicht heute. Hierbleiben kann er doch auch nicht, sage ich. Wenigstens müssen wir die Polizei verständigen, zu irgendjemandem muss er doch gehören. Jeder gehört zu irgendjemandem. – Wie das knistert und spritzt und knackt. Und der Rauch. Hat einen erdigen, modrigen Stich; feucht ist das Holz eben doch.

Ich weiss, was du denkst. Wieso Amar und nicht Alois. Es hätte nichts geändert, natürlich nicht. Wenn du keinen Namen hast, spielt es keine Rolle, woher du kommst. Aber was solls. – Während Marta ihre Puppenstube auspackt, drücke ich dem Jungen die Schachtel mit dem für Nino gedachten Teddy in die Hand. For you, sagt Nadine, nimm! Der Junge reisst die Verpackung auf, emotionslos, nimmt den Teddy aus der Schachtel, presst ihn auf die Knie. Ein Freund, sage ich, versuche ein Lächeln.

Er legt sich das Tier zurecht, fasst es gezielt um den Hals, mit beiden Händen, und würgt. Wieder das Zucken in seinen Schultern. Er hebt den Kopf, zum ersten Mal, und schaut mich an. – Ein einziger Blick, dann ist er weg. Wortlos, davongerannt. Als ich bei der Tür bin, hat ihn die Dunkelheit schon verschluckt. Während Wochen habe ich nach ihm gefragt, an jeder Tür geklingelt, auch im Flüchtlingszentrum im Nachbarort. Diesen Jungen gab es nicht.

Und es gibt ihn doch! Da, ein Spaten für dich, einer für mich. Bringen wir es hinter uns. Für den Anfang. Denn das soll es sein. Ein bisschen Leben, ein Bäumchen für den kleinen Stummen, der für einen Abend mein Gast war. Auf dass er Wurzeln schlage.

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