Musiktherapie
Als Sonny Rollins zu «Tosca» das Solo spielte - zum Glück gibt es Youtube

In seinem Buch «Musiktherapie» erklärt Musiker Petro Leveratto, welche Musik wir hören sollen, damit es uns besser geht.

Von Christoph Bopp
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Gute Musik findet immer ein offenes Türchen in uns hinein. Und wenn nicht: Gibts mindestens eine gute Geschichte.Thinkstock

Gute Musik findet immer ein offenes Türchen in uns hinein. Und wenn nicht: Gibts mindestens eine gute Geschichte.Thinkstock

Getty Images/iStockphoto

Es gibt Bücher, deren Titel zum Lesen zwingt. Beispiele braucht man nicht anzuführen. Jeder kennt sie. Es gibt auch Bücher, deren Titel vom Lesen abschrecken. Hier darf man die Beispiele nicht nennen.

Dann gibt es die Bücher, deren Titel das Lesen eigentlich verbieten sollten. Bei denen es aber extrem schade wäre, wenn man das zuliesse. Ein solches Buch ist «Die Musiktherapie» des italienischen Kontrabassisten und Musikwissenschafters Pietro Leveratto.

Denn bei diesem Titel denkt man an all den Schwachsinn, den man der Musik schon andichtete. Dass die Griechen sie als Geheimwaffe gegen wilde Tiere empfahlen, das kann man noch hinnehmen.

Dass sie hingegen – und vor allem der göttliche Mozart – den Kühen zur effektiveren Grasverwertung verhelfen sollte, ist skandalös. Und dass derselbe Mozart vorgeburtlich den IQ unschuldiger Babys beeinflussen sollte, – lassen wir das. Wir empfehlen Mozart nachgeburtlich, aber nicht zu früh.

«Zu viel zu früh»

Von all diesen Dingen handelt Leverattos Buch verdienstvollerweise eben gerade nicht. Es folgt zwar vordergründig den billigsten Ratgeberanordnungsweiseprinzipien, erweist aber im Hintersinn seinen Wert. Der nicht unterschätzt werden kann.

Wir finden darin die erwarteten Stichworte wie «Aggression» – nein, es beginnt mit «Abnehmen wollen» – bis «Zorn», enden tut es aber mit «Zwanghaftigkeit», und das zweitletzte Lemma ist das, was man mit guter und schöner und ergreifender Musik immer verbindet, «Zu viel zu früh». Das muss reichen, um anzudeuten, wie das Buch aufgebaut ist und was man erwarten darf.

Vertieft man sich drin, ist allerdings noch viel und weit mehr da, als was man erwarten darf. Leveratto weiss schlicht Bescheid. Er kennt nicht nur die jeweils angemessenen Stücke zu seinen Stichworten, die er ebenfalls zielsicher dem Leben abgeschaut hat und nicht der gängigen Ratgeberliteratur, sondern auch alle anderen und vor allem weiss er zu diesen Trouvaillen die spannendsten Geschichten und Anekdoten zu erzählen.

Zum Glück gibts Youtube, damit man auch weiss, wies klingt.

Leveratto kennt sich nicht nur aus – das müssen Bassisten –, er beweist auch eine enorme Überbrückungsfähigkeit.

Unter dem Stichwort «Kaufzwang» finden wir eine Miniature zu einem Musiker des 12. Jahrhunderts namens Pérotin, man belässt ihn lieber französisch, denn sein «Viderunt omnes» wurde in Notre-Dame zu Paris aufgeführt. Bemerkenswert ist, mit welch beschränkten Mitteln dieser Komponist eine tolle Musik herzustellen wusste.

«Mithilfe einer Seilrolle, eines Holzlöffels und eines Eimers» hätte er eine Kathedrale gebaut, sagt Leveratto, und entschuldigt sich gleich für seinen Vergleich: ein besserer sei ihm nicht eingefallen, wie sollte er auch?

Und der Verweis am Ende des Artikels weist auf das Stichwort «Kleptomanie». Wir bleiben aber in der Gegend und staunen, wie er unter «Klaustrophobie» die Gavotte aus Johann Sebastian Bachs Französischer Suite Nummer 4 unterbringt (und Bach damit keineswegs Unrecht tut).

Sein Meisterstück in dieser Hinsicht liefert er mit Bob Marley, über den man getrost geteilter Meinung sein darf. Aber wo finden wir ihn? Unter «Schönheitschirurgie». (O. k., der Titel hier ist das unverwüstliche «One Love», dem aber auch mancherlei angetan wurde, was weder das Lied noch Bob Marley verdient haben. Obwohl er es aus Bruchstücken von «People Get Ready» von Curtis Mayfield zusammengebastelt habe, schreibt Leveratto. Mag sein.)

Dass Mahlers Siebte unter «Sehnsucht» rubriziert wird, überrascht hingegen nicht. Gewisse Dinge sind so, dass man es mit dem Spass nicht übertreiben sollte. Dasselbe gilt für Anton Bruckners «Nullte Symphonie». Über jenen Bruckner schrieb Leveratto übrigens ein völlig kitschfreies, sauberes Kurzporträt.

Bachs Dominanten-Abwärtslauf

Lang ist der Artikel «Täuschen und Getäuscht werden», aber keineswegs langweilig. Er beginnt mit «Tüdädüüü – tüütüdädätüüdü», Bachs berühmtestem Stück (Toccata in d-Moll), von dem man aber nicht weiss, ob es überhaupt von Bach oder für Orgel ist. Auch ich neigte einst der Version zu, es handle sich um eine Transkription eines verschollenen Stückes für Violine solo (natürlich schon von Bach), aber Leveratto sagt, «man solle sich seiner Sache nie zu sicher sein». Womit er sicher recht hat. Denn dann folgen viele Namen berühmter Virtuosen und Komponisten, die es aber leider nie gegeben hat – ausser auf Plattenhüllen.

Und natürlich dürfen in diesem Kapitel «The Monkees» nicht fehlen, die erste Retortenband, die sich immerhin noch die Mühe machte, sich die Handhabung ihrer Instrumente und des Gesangs noch so passabel anzueignen, dass sie einigermassen bühnentauglich wurden. Was ihre Nachfolger, unter anderem «Milli Vanilli» nicht mehr der Mühe wert erachteten. Leider kam «The Last Train to Clarksville» bei den Monkees zur Erwähnung und nicht die schöneren «I’m A Believer» oder «Daydream Believer».

«Für Elise» – forever

Spass muss immer sein in diesem Buch. Aber das Ernste kommt nicht zu kurz. Zu Beethoven – und um die Sache auf die Spitze zu bringen: zu «Für Elise» – fällt Leveratto die Wendung ein: «Beethoven hat die Fähigkeit, aus einer Rübe Blut zu zapfen.» Das stimmt, wenn auch nicht für «Für Elise», wofür er (Beethoven) nichts kann. Und ich weiss nicht, ob es die Sache besser oder anders macht, wenn ich gestehe, dass meine erste Lesart war: «Beethoven kann aus seiner Rübe Blut zapfen.»

Der sogenannten «ernsten Musik» widmet Leveratto genügend Raum und hält auch hier Preziosen bereit, die man sonst nicht gefunden hätte. «A Song of Summer» von Frederick Delius zum Beispiel oder Fanny Hensel (die Schwester von Felix Mendelssohn mit ihrem «Prélude für Orgel». Sie komponierte es für ihre und in der Nacht vor ihrer Hochzeit, weil der Bruder es vergessen hatte und nichts mehr zustande brachte. Immerhin hat er den Klassiker im Mittsommernachtstraum dann doch noch geschafft.

Nicht zu kurz kommen die Giganten des Jazz. Duke Ellington, Louis «Satchmo» Armstrong, der übrigens einen ebenbürtigen Epigonen und Weggefährten gehabt haben soll: Cladys «Jabbo» Smith. Nicht zu vergessen Miles Davis, Sonny Rollins, Charlie Mingus, Gil Evans, Dexter Gordon, Cannonball Adderley, Wayne Shorter, Lester Young, Charlie Parker und . . . und . . . – diejenigen, die ich vergessen habe, mögen mir verzeihen, sie kommen alle vor.

Ja, Heino, auch du kommst vor.

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