Alle sind wir wohl schon einmal auf einer Landi-Bank gesessen oder haben an einem alten WC-Spülkasten den schwarzen Knopf betätigt. Hinter diesen Design-Klassikern steckt ein Mann, dessen Name kaum jemand kennt: Alfred Altherr junior (1911–1972). Obwohl das Schaffen des Designers und Architekten unzählige Bauten und Möbel umfasst, wird das Werk des Zürchers erst allmählich wieder neu entdeckt. Zu verdanken ist dies seinem Sohn Jürg Altherr sowie Joan Billing und Samuel Eberli.

Mit sechs Plastikkisten voller Pläne, Notizen und Skizzen klopfte Jürg Altherr im vergangenen Jahr bei den Organisatoren des Vintage-Salons Design+Design an, von deren Fachwissen er wusste. Designerin Joan Billing und Architekt Samuel Eberli staunten nicht schlecht, welcher Schatz ihnen da in die Hände gelegt wurde. «Die Landi-Bank war zwar auch uns ein Begriff, schliesslich sieht man sie noch heute in jedem Park. Den Gestalter dahinter aber kannten wir nicht», erzählt Joan Billing.

Sie begannen zu sortieren, recherchieren, lesen – und staunen. «Es scheint uns unverständlich, dass Alfred Altherr junior trotz seines grossen Werkes wieder in das öffentliche Bewusstsein geholt werden muss.»

Geprägt von Le Corbusier

Schliesslich setzte sich Altherr während Jahrzehnten für die Förderung der Schweizer Wohnkultur ein – nicht nur als Dozent und Ausstellungsmacher, sondern später auch als Direktor und Kurator am Gewerbemuseum Winterthur und der Kunstgewerbeschule und des Kunstgewerbemuseums Zürich. Vor allem aber als Geschäftsführer des Schweizerischen Werkbundes. So initiierte er 1956 die erste «neutrale Wohnberatungsstelle» in Winterthur. Denn was nützte die in jenen Jahren neu aufkommende moderne Möbelproduktion, wenn die Menschen nicht wussten, wie man sich damit einrichtete? Also bot er Kurse an, um die neue Wohnkultur unter die Leute zu bringen.

Geprägt von seinem Vater, der von 1912 bis 1938 an der Kunstgewerbeschule Direktor war, entschied sich Alfred junior schon früh für den Weg des Architekten und Designers. Mit nur 20 Jahren konnte der gelernte Bauzeichner bei der Firma Embru seine erste Stahlrohrliege entwickeln. Embru war zu jener Zeit Dreh- und Angelpunkt der wichtigsten europäischen Designer der Moderne. Entwürfe von Marcel Breuer, Werner Max Moser, Le Corbusier oder Alvar Aalto wurden dort ausgeführt.

Ebenso dürfte ihn das Praktikum bei Le Corbusier und Pierre Jeanneret in Paris beeinflusst haben. Denn schon bald führte er seine ersten eigenen Bauten aus wie etwa im Auftrag von Eduard von der Heydt, einem grossen Sammler ostasiatischer Kunst, auf dem Monte Verità oder seiner Schwester in Herrliberg.

Dies dürfte ausschlaggebend gewesen sein, dass er als jüngster Architekt an der Landi 1939 nicht nur die erwähnte Bank gestalten durfte, sondern auch das Jugendhaus und ein Wohnhaus mit Werkstatt. Auch die Kriegsjahre hinderten ihn nicht daran, seinem Stil treu zu bleiben und das Thema der Typenmöbel voranzutreiben.

Später beschäftigte er sich mit der Konstruktion von Betonbauten, die noch heute in Wettingen, Suhr oder auf der Forch anzutreffen sind. Er entwickelte Fertigteilhäuser, zahlreiche Ferienhäuser im Tessin sowie Schulhäuser und heilpädagogische Spezialschulen zum Beispiel in Dielsdorf oder Rapperswil.

«Besonders in seiner Arbeit für den Schweizerischen Werkbund wird deutlich, welchen Einfluss er auf die junge Generation der Schweizer Designgarde hatte», betont Joan Billing. «Seine Bauten und gestalterischen Arbeiten haben bis heute nichts von ihrer Faszination verloren.» Deshalb war für sie und ihren Partner Samuel Eberli bald klar, dass die verborgenen Schätze nicht einfach in den Plastikkisten bleiben sollten.

Sie haben den Nachlass nach der Sichtung ausgewertet und nun daraus eine Ausstellung konzipiert, die ab dem 8. November im Architekturforum Zürich gezeigt wird. Neben Plänen und Skizzen werden auch alte und neue Fotografien sowie ein Film über die Gartenliege zu sehen sein. Dazu auch einige seiner Original-Möbel wie die Embru-Liege von 1931 und der Holzstuhl aus den 1960er-Jahren. Zur Ausstellung haben Billing und Eberli eine kleine Re-Edition dieses Klassikers beim Tessiner Silvio Pellanda anfertigen lassen, der den Sessel schon in den 1960er-Jahren für Altherr schreinerte.

Viele Nachlässe gehen verloren

Dazu wird auch das allererste Buch über das Schaffen von Alfred Altherr junior erscheinen, das die beiden Badener mit verschiedenen Fachspezialisten wie Arthur Rüegg, Claude Lichtenstein oder Susanna Koeberle verfasst haben. An diesem Crowdfunding-Projekt können sich Interessierte finanziell beteiligen. «Sein Nachlass ist ein Glücksfall für die Schweizer Design-Geschichte. Denn viele Nachlässe von Architekten und Industriedesignern sind bereits vernichtet worden und damit für immer verloren gegangen», sagt Samuel Eberli.

Fast wäre das auch mit Altherr junior so gegangen, diesem Gestalter, der zeitlebens nie nach Aufmerksamkeit gesucht hatte, dabei aber ein wichtiger Protagonist der Schweizer Wohnkultur ist. Vielleicht wird sich das bald ändern, wenn einer breiten Öffentlichkeit bewusst wird, wie sehr dieser Gestalter unsere Wohnkultur beeinflusst hat.