Modetrend
60er-Jahre-Ikone diente als Inspiration: 2020 wird zum Jahr der gehäkelten Kleider

«Crochet» lautet der Modetrend für diesen Sommer. Die gehäkelten Kleider erinnern an den Look der jungen Sängerin Jane Birkin.

Helen Lagger
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Liess mit Häkelkleidern tief blicken: Jane Birkin im Jahr 1969, mit Serge Gainsbourg an ihrer Seite.

Liess mit Häkelkleidern tief blicken: Jane Birkin im Jahr 1969, mit Serge Gainsbourg an ihrer Seite.

Bilder: Getty Images

Sie hauchte – und trug oft einen Hauch von nichts: Jane Birkin ist Schauspielerin, Musikerin, Autorin und Stilikone. Die gebürtige Britin prägte als Wahlfranzösin den «french chic» wie keine andere. Zusammen mit dem französischen Enfant terrible Serge Gainsbourg interpretierte sie 1969 den Skandalsong «Je t’aime...moi non plus» und stöhnte sich damit in die Herzen der Welt.

Sie war die Bohémienne par excellence, trug einen geflochtenen Korb zur Abendgarderobe und liebte Häkelkleider, die tief blicken liessen. Schliesslich waren es die Jahre der sexuellen Befreiung, es galt, alles Bürgerliche über den Haufen zu werfen. Diesen Sommer kehrt der Hippielook zurück. Gehäkeltes spielt dabei eine gewichtige Rolle.

«Crochet» lautet der Trend der Stunde. Bei dem italienischen Label Marni kommt der Look besonders flamboyant daher. An der Mailänder Fashion Week staksten die Models zu tropischem Vogelgezwitscher über den Laufsteg. Die Kleider haben Muster, als hätte sie in den Siebzigerjahren ein Kind mit Fingerfarben gemalt. Ein bodenlanges, leuchtgrünes Häkelkleid mit Sonnenblumen auf grünem Grund und überlangen Ärmeln reizt in seiner psychedelischen Optik regelrecht das Auge.

Auffällige Naturfarben gibt es dieses Jahr beim Modehaus Marni.

Auffällige Naturfarben gibt es dieses Jahr beim Modehaus Marni.

Bilder: Getty Images

Chefdesigner Francesco Risso trägt dick auf und verleiht dem Label seit Herbst 2017 mit unerwarteten Silhouetten und viel Color-Blocking neue Energie.

Nachhaltigkeit ist für Risso mehr als ein Lippenbekenntnis. Er nutzt wiederverwertbare Textilien und organische Baumwolle und bezeichnete seine Kollektion als «fröhlichen Protest», als eine «Hommage an die Natur». Das Häkeln passt ganz gut dazu. Schliesslich wollten auch die Hippies zurück zur Natur oder gar Selbstversorger werden. Häkeln ist etwas, das lange dauert und langfristig hält und früher oft in der Gemeinschaft betrieben wurde, wenn unter meist bürgerlichen Frauen wortwörtlich aus dem Nähkästchen geplaudert wurde.

Von bauchfrei bis Business

Kleider, die aussehen, als seien sie von Hand gefertigt, schlägt auch das Label Altuzzara vor. Bodenlange Strickkleider werden hier mit Blazern kombiniert, wobei eine gewisse Irritation entsteht: Will Frau nun am Strand unter Hippies feiern oder doch im Büro am Business-Apéro teilnehmen? Man macht eben heutzutage beides, ist rollenflexibel geworden. Pullis und bauchfreie Tops erinnern in Textur und Muster an Grossmutters Topflappen.

Die Chefdesignerin von Altuzarra liess sich von Jane Birkin inspirieren.

Die Chefdesignerin von Altuzarra liess sich von Jane Birkin inspirieren.

Bilder: Getty Images

Damit das mondän statt albern aussieht, braucht es die richtigen Kombinationen. Beim Modehaus Missoni ist kunterbunter Strick seit jeher mehr als eine Mission. Das Zickzack-Muster, das an den Blick in ein Kaleidoskop erinnert, ist unverkennbar. Kreativchefin Angela Missoni liess sich bei ihrer aktuellen Sommerkollektion von einer per­sön­lichen Inspiration leiten. Sie erklärte:

Ich dachte an einen Mann und an eine Frau, die untereinander Kleider tauschen.

Das Paar, das sie im Kopf gehabt hatte, sei Serge Gainsbourg und – wer sonst? – Jane Birkin gewesen. Klar, dass auch in dieser Kollektion das Gehäkelte nicht fehlen darf. Dabei bleibt Missoni der Tradition des Hauses eng verbunden und setzt auf Streifen, Zickzack und Polka Dots.

Auch bei Fendi sehen die Kleider aus, als könnten sie der jungen Jane Birkin gefallen haben. Grossmaschig Gestricktes lässt viel Haut sehen. Natur­töne wie Camel, Beige, Dunkelbraun oder Senf nehmen eine für die Seventies typische Farbpalette auf.

Fendi setzt dieses Jahr auf Erdfarben.

Fendi setzt dieses Jahr auf Erdfarben.

Bilder: Getty Images

Wem das alles zu selbst gestrickt daher kommt und bei Maschen an den unlieb­samen Handarbeitsunterricht denkt, kann sich mit einem Accessoire an das Thema herantasten. Gehäkelte Taschen von Valentino und Bottega Veneta beweisen: Gehäkeltes kann ultraedel wirken. Die raffinierten Statement-Stücke haben nichts mehr mit einem bewusst lässigen Hippiestil zu tun. Jane Birkin – die Namensgeberin der legendären Birkin Bag – wären sie möglicherweise zu prätentiös.