Jacob Burckhardt ist der Mann, den die Schweiz ehrt, indem sie ihn auf der aktuell gültigen 1000er-Bankote verewigt. Geboren am 25. Mai 1818 in Basel und am 8. August 1897 in der gleichen Stadt gestorben, ist er der eigentliche Begründer der Kulturgeschichte als eigene wissenschaftliche Disziplin. Seine «Cultur der Renaissance in Italien» ist nicht nur bis heute das Standardwerk für eine geschichtliche Epoche, es prägte den Begriff der «Renaissance» als Übergang in die Moderne.

Der 200. Geburtstag ist für Basel Gelegenheit und Pflicht gleichermassen, um Burckhardt zu gedenken. Er trägt die Buchstaben -ckdt im Namen, was ihn automatisch zu einem Angehörigen des Basler Bürgertums, des «Daig», macht. Als viertes von sieben Kindern des Münsterpfarrers wurde er mitten in die feine Gesellschaft geboren.

Das Studium der Theologie brach er rasch wieder ab, studierte dafür an der Universität Berlin Geschichte und Philologie. Mit 25 Jahren promovierte er, zwei Jahre später ernannte ihn die Universität Basel zum ausserordentlichen Professor. Drei Jahre lehrte er noch an der ETH in Zürich, dann kehrte er als Professor für Geschichte und Kunstgeschichte nach Basel zurück, wo er bis zu seinem Lebensende blieb. Burckhardt war auch in diesem Sinne ein echter Basler: weltgewandt im Geist, lokalfixiert im Irdischen.

Anti-Fortschrittlich und Anti-Vorbild

Ein Verein hatte sich konstituiert, um die Jubiläumsfeierlichkeiten zu koordinieren. Stiftungen haben Beiträge gesprochen, die Stadt über 200 000 Franken aus dem Swisslos-Fonds freigegeben. Doch wie soll Burckhardt gefeiert werden?

Als vor zwanzig Jahren der 100. Todestag begangen wurde, entstanden Ausstellungen, über die der «Tages-Anzeiger» schrieb: «Eine akademische Pflichtübung: korrekt und langweilig wie eine Dissertation.» Kurz darauf legte der Historiker Aram Mattioli Burckhardts Antisemitismus offen, wie er zwar nicht in seinen wenigen publizierten Werken, dafür aber in zahlreichen, aus dem umfangreichen Nachlass edierten Briefen hervortritt. Die Nationalbank, die sein Porträt auf die teuerste aller Banknoten gehievt hatte, erklärte auf Druck des Bundesrates, die antisemitischen Äusserungen seien «zu verurteilen».

Dass es Basel schwerfällt, Burckhardt nun auf den Sockel zu hieven und sich mit ihm als seine Heimatstadt zu feiern, ist aber nicht allein seinem zeittypischen Antisemitismus geschuldet. Denn Burckhardt, geselliger Junggeselle und geschätzter Sonderling, war überhaupt dagegen: er war anti-demokratisch, anti-fortschrittlich, anti-liberal, anti-kapitalistisch. Burckhardt vertrat Werte, in welchen sich die Stadt weder wiedererkennen noch mit denen sie sich gemeinmachen will. Wie also lässt sich dieser Mann feiern?

Den Auftakt macht eine virtuelle Installation im Historischen Museum, die angeregt wurde durch Lucas Burkart, Burckhardts später Nachfolger an der Universität Basel. Umgesetzt wurde sie von Mischa Schaub, dem ehemaligen Leiter des Hyperwerks, der Abteilung für postindustrielles Design der Fachhochschule der Künste.

Wer sich eine Brille aufsetzt und einen Joystick in die Hand nimmt, kann, von einem starken Rechner unterstützt, durch eine dreidimensionale Welt navigieren. Sie zeigt eine Sammlung von Burckhardt Porträts, das Konvolut seiner Briefe, die umfangreiche Sammlung der kunstgeschichtlichen Fotografien, bildnerische Darstellungen Basels im Wandel, Stelen, auf denen aphoristische Zitate montiert sind. Ausgangspunkt ist die virtuelle Nachbildung des Schreibtisches, an dem Burckhardt seine Briefe und Bücher geschrieben wie seine Vorträge skizziert hat, die er dann in freier Rede vortrug.

Das Bemühen der Bildungsinstitutionen, mit den Mitteln der Zeit einen Denker der Vergangenheit greifbar zu machen, ist ebenso erkennbar wie dessen Scheitern. Wer vorher wenig von Burckhardt gewusst hat, ist danach zwar virtuell animiert und vielleicht von der Bilderwelt etwas sturm, aber kaum gescheiter.

Burkart räumt ein, es sei schwierig gewesen, angesichts der technologischen Herausforderungen die «Inhalte» zu retten. Und Museumsdirektor Marc Fehlmann sieht die Installation als Extremlösung einer digitalen Umsetzung. Das Museum müsse in Zukunft noch die Balance finden zwischen der Zurschaustellung historischer Objekte, die sich in den Lagern stapeln, und digitaler Aufbereitung.

Das Medium formt das Denken

Einen Zusammenhang der virtuellen Arbeit «Desktop» mit Burckhardts Wirken will Burkart aber doch festgehalten wissen: Burckhardt habe als Erster vom Bild her gedacht und seinen Studierenden ausgehend von seiner systematisch aufgebauten Fotosammlung die Kunstgeschichte nahegebracht. Und wie der konservative Burckhardt ein neues Medium nutze, stelle sich nun die Frage, was die Geisteswissenschaften in einer digitalen Gesellschaft noch zu leisten vermögen.

Auf der virtuellen Reise begegnet der Museumsbesucher dem grossen, weissen Roche-Turm. Wer davon weiss, kann erkennen, was die Nachbildung zu bedeuten hat: Der Turm, das noch höchste Bauwerk der Schweiz, stehe emblematisch für die aktuelle Transformation Basels von einer Stadt mit einem prägenden mittelalterlichen Kern zu einer Stadt, deren Silhouette von Bürotürmen geprägt ist. Ein Umbruch sei dies wie zu Burckhardts Zeiten, als sich die Bevölkerungszahl in kurzer Zeit verdoppelte.

Umbrüche, Zäsuren, Krisen wären denn wohl auch die zentralen Themen, die Burckhardt aktuell machen und die seine «Anschlussfähigkeit» für zeitgenössische Debatte unter Beweis stellten. So ist seine «Cultur der Renaissance» in erster Linie eine Strukturanalyse der norditalienischen Stadtstaaten, der Machtspiele seiner Fürsten, des Zerfalls «göttlicher» Strukturen, des Erwachens des Individuums.

Anders als die Vertreter der fortschrittsgläubigen Vernunftsphilosophie erkannte Burckhardt in diesen aber nicht den Weg zum Besseren. Im Gegenteil. «Weder Seele noch Gehirn der Menschen haben in historischen Zeiten erweislich zugenommen», meinte der Skeptiker.

Der Erforscher der Umbrüche

Burckhardt richtete sein historisches Interesse systematisch auf krisenhafte Umbrüche. Taugten sie damals zur Beschreibung des Aussergewöhnlichen, so ist die Krise heute zum Dauerphänomen geworden. Burkart, sein Beforscher, sagt, es entbehre nicht einer gewissen Ironie, dass die heutige Gesellschaft, die historisch betrachtet gerade nicht in einer Krise stecke, davon ausgehe, es herrsche eine Dauerkrise.

Dazu könnte Burckhardt ebenso befragt werden wie zur Frage, wie aus historischer Sicht «disruptive Technologien» zu bewerten seien, die mit der Behauptung auftreten, das Nachher verdränge vollständig das Vorher.

An wissenschaftlichen Kolloquien, die in diesem Jahr Burckhardt noch gewidmet sind, werden solche Fragen wohl wieder auftauchen. Im öffentlichen Raum verweisen Plakate mit Burckhardt-Zitaten auf des Historikers Geburtstag und im Herbst wird die virtuelle Würdigung schliesslich in Zürich aufgebaut.