100'000 Kilo abnehmen: Eine übergewichtige Stadt speckt ab

Jeder dritte Einwohner von Narón ist laut Schätzungen übergewichtig. Damit soll bald Schluss sein: Insgesamt 100'000 Kilogramm will der Ort kollektiv abnehmen.

Ralph Schulze, Madrid
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Mehr Bewegung für alle: Schüler in Narón benutzen ein Standvelo während des Lesens. (Bild: Miguel Riopa/AFP (13. September 2018))

Mehr Bewegung für alle: Schüler in Narón benutzen ein Standvelo während des Lesens. (Bild: Miguel Riopa/AFP (13. September 2018))

«Wir sind keine Stadt der Dicken», sagt Naróns Bürgermeisterin Marián Ferreiro. «Sondern wir sind ein ganz normaler Ort, wo es – wie in jeder anderen Stadt auch – Probleme mit dem Übergewicht gibt.» Aber eines ist doch aussergewöhnlich in Narón: Sie ist die erste spanische Stadt, die ihren Bürgern eine kollektive Schlankheitskur verschrieben hat, um die überschüssigen Kilo zu verlieren – nach dem Motto «gemeinsam geht es besser».

Das Abspeckrezept scheint zu funktionieren: Tausende Personen machen dabei mit. Und sie sorgen dafür, dass sich die Stadt in der Region Galicien zum Gesundheitsvorreiter Spaniens und zu einem Modell für ganz Europa entwickelt.

Hausarzt hatte die Idee fürs Massenexperiment

Die Latte wurde in der Kleinstadt am Atlantik, in der 39'000 Einwohner leben, hoch gehängt: Die Menschen sollen dazu motiviert werden, im Laufe von zwei Jahren rund 100'000 Kilogramm abnehmen – zusammengerechnet natürlich. Die Gesundheitsbehörden Naróns schätzen, dass rund ein Drittel der örtlichen Bevölkerung zu viel auf den Rippen hat – ähnlich sieht es übrigens in ganz Spanien aus. Wenn jeder Übergewichtige in Narón im Schnitt zehn Prozent leichter werde, dann sei das 100'000-Kilo-Ziel schnell erreicht, hat das Rathaus ausgerechnet.

«100'000 gewichtige Gründe» heisst die Abnehmkampagne, die nun schon seit Jahresanfang in Narón läuft. Mit grossem Erfolg: Mehr als 4000 Bürger erklärten sich bereit, ihre Pfunde zu bekämpfen. Zum Beispiel Teresa Rodríguez, die bereits zwölf Kilo verlor. «Ich wog vorher 82 Kilogramm, jetzt sind es nur noch 70», berichtete sie dieser Tage im lokalen Radiosender. «Und ich fühle mich nun sehr viel besser.»

Sogar die 41-jährige Bürgermeisterin Ferreiro stellte sich öffentlichkeitswirksam auf die Waage und verkündete, dass die angezeigten 75 Kilo Gewicht zu viel seien. Seitdem probiert auch sie das schlichte, aber effektive Schlankheitsrezept aus, das im städtischen Gesundheitszentrum allen Übergewichtigen verordnet wird: kalorienbewusstere Ernährung und wenigstens eine Stunde Bewegung am Tag. Die Idee zu diesem Massenexperiment hatte Carlos Piñeiro, einer der Hausärzte Naróns. Er will damit der sich ausbreitenden Fettleibigkeit entgegensteuern. Das bringe den Menschen mehr Lebensqualität, und es helfe zugleich den Patienten wie dem Gesundheitssystem, Kosten für teure Behandlungen zu sparen. Piñeiro erinnert daran, dass die Bekämpfung des Übergewichts bei der Vorbeugung von Krankheiten, besonders von Herz- und Kreislaufproblemen, eine grosse Rolle spiele.

Kollektiv und gesellig zum Ziel

Der Schlüssel zum Abnehmerfolg sei die «gemeinsame Herangehensweise», glaubt der Arzt. Also keine einsamen und quälenden Abmagerungskuren, sondern kollektive und gesellige Aktionen, bei denen sich die Teilnehmer gegenseitig motivieren.

Piñeiro sorgt deswegen dafür, dass sich seine Patienten täglich zum Walking, Tanzen oder zur Gymnastik treffen. Das Rathaus und Vereine unterstützen die Kampagne mit Sport- und Ernährungskursen. Sogar die Restaurants im Ort machen mit und haben «schlanke Menus» auf der Karte. «Wenn man gesund isst, schmeckt es noch besser», proklamieren die Küchenchefs. Schon Naróns Schulkinder lernen im Unterricht, wie man Übergewicht vermeidet. Zudem wurden ihnen mehr Aktivitäten verordnet: In der öffentlichen Jorge-Juan-Schule etwa wurde die Zahl der wöchentlichen Sportstunden erhöht. Auch in der grossen Pause heisst es vermehrt: bewegen statt sitzen.

«Als wir anfingen, haben einige Leute gelacht»

Gesundheitsexperten und TV-Teams aus ganz Europa pilgern inzwischen nach Narón, um Spaniens «schlankste» Stadt zu besuchen. Der Europäische Verband für die Erforschung der Fettleibigkeit (Easo) zeichnete diese Gesundheitskampagne als vorbildlich aus. Und Naróns Hausarzt Carlos Piñeiro freut sich, dass seine kollektive Abspeckkur immer mehr Anhänger findet. «Als wir anfingen, haben einige Leute gelacht», erinnert er sich. «Heute sind die Menschen stolz, dass sie zu einer Stadt gehören, die einen gesunden Lebensstil fördert.»

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