Für seine interaktive Kunst ist Jean Tinguely beliebt. Auf den Werken des Malers und Bildhauers lässt sich herumklettern, man darf auf rote und schwarze Knöpfe drücken und sich am lauten Geschepper von Eisenschrott und Holzrädern erfreuen. Tinguelys teils über sieben Meter hohe Bauwerke sind eindrucksvolle Apparaturen mit spielerischer Mechanik. Dass diese Werke nicht nur Kinder faszinieren, wird bei jedem Museumsbesuch deutlich.

Quietscht und rattert: Tinguelys «Grosse Méta Maxi-Maxi-Utopia» aus dem Jahre 1987.

Quietscht und rattert: Tinguelys «Méta-Maxi-Maxi-Utopia» aus dem Jahre 1987.

Auch der deutsche Choreograf Sebastian Matthias erlebt Tinguelys Kunst als reizvollen Handlungsspielraum für seine neue Performance «maneuvers / groove space». Im Museum Tinguely kreiert er in Zusammenarbeit mit sechs Tänzern, einem Musiker und einem Bühnenbildner eine Performance auf und rund um Tinguelys «Méta-Maxi-Maxi-Utopia»-Skulptur. Sie untersuchen den Groove des Raumes und seiner Besucher. Kommenden Freitag und Samstag werden sie ihr gesammeltes Bewegungsmaterial zeigen, bis dahin kann jeder Museumsbesucher am Nachmittag bei den Proben zusehen und sich, wenn gewünscht, selbst in die Performance einbringen.

Nino Baumgartner, der 2013 den Swiss Performance Award gewann und letztes Jahr vom Kanton Zürich ein Werkstipendium erhielt, hat für «maneuvers / groove space» mobile Kunstobjekte kreiert, die von Tänzern und Zuschauern durch den Raum geschoben werden können. Baumgartner hat dafür XXL- Proteinpulverdosen mit Beton gefüllt. Vor Ort kann man sich neben ihn stellen und ihm bei der Fertigstellung der Objekte zusehen. Er bohrt Löcher in die Betondosen und steckt lange, feine Alustangen in den Sockel. Daran lässt sich halten, drehen, biegen und schieben. Proteine sorgen für Power, meint Baumgartner und bringen somit zusätzliche Energie in den Raum.

Das Publikum als Teil der Kunst

Drei Performer, darunter der Basler Tänzer Kiriakos Hadjioannou, drehen an einer der Dosen und fordern zwei irritierte junge Männer zum Mitmachen auf. Diese verweigern sich jedoch freundlich. Mitmach-Theater gefällt eben nicht jedem. Die Aufforderung zur Beteiligung an der Performance kann verunsichern, nerven oder, im Idealfall, erfreuen. Vor allem die jüngsten Museumsbesucher reagieren sichtlich verstört auf die Performer, die sich zwischen die Zuschauer quetschen und deren Bewegungen aufnehmen. Als eine Tänzerin sich unaufgefordert auf die Bank neben ein Mädchen setzt und sich gelenkig zu Boden windet, ergreift das Mädchen erschrocken die Hand seiner Mutter und schaut fragend zu ihr hoch. Diese kann nur stumm lächeln. Wie die Zuschauer auf die Kontaktherstellung zwischen Performern und Publikum reagieren, ist stets ungewiss. Und gerade darin liegt wohl die Herausforderung.

Ob die Performance am Ende überzeugen wird, hängt auch davon ab, ob und wie die Truppe Wege vorbei an der prominenten Skulptur findet. Um sie herum bleibt nämlich wenig Platz: Der Sichtkontakt unter den Tänzern wird vom Eisenschrott-Giganten gestört, und auf ihm drohen die Tänzer derzeit noch zwischen Verstrebungen und Walzrädern unterzugehen. Allerdings kann sich das im Verlauf der Proben noch ändern. Mal sehen, wer dann am Ende den Raum dominiert: Skulptur oder Performance.

Öffentliche Proben: 3.–5. März von 12–14 und 15–17 Uhr. Vorstellungen: 6. und 7. März um 20 Uhr im Museum Tinguely. Tickets an der Museumskasse.