Kunst

Zwischen Kunst und Wissenschaft: Eine Schottin greift nach den Sternen

Die Spiegelkugel versetzt den Raum in Rotation. Sie trägt 10 000 reflektierende Darstellungen von allen bisher registrierten Sonnenfinsternissen.

Die Spiegelkugel versetzt den Raum in Rotation. Sie trägt 10 000 reflektierende Darstellungen von allen bisher registrierten Sonnenfinsternissen.

Als Grenzgängerin zwischen Kunst und Wissenschaft zählt Katie Paterson zu den innovativsten Künstlerinnen.

«Ich bin unendlich neugierig», sagt sie. Und das Unendliche ist keine Koketterie, sondern ein Sog, der die Künstlerin auch vor den grössten Dimensionen nicht innehalten lässt: nicht vor Billionen Sternen, die am Firmament verglühen und nicht vor der gewaltigen Ausdehnung geologischer Zeiträume. «Mich interessiert, wie wir Ideen und Instrumente entwickeln, um bis vor die Entstehung des Universums zurückzuschauen. Angesichts der grossen Dimensionen von Zeit und Raum schweift meine Vorstellung dann in alle Richtungen aus.» Mit unbestechlichem Sinn für Bilder, Materie, Klang und deren Herkunft bewegt sich Katie Paterson auf der Zeitachse zwischen dem Ursprung des Universums und einer noch spekulativen Zukunft. Das Centre PasquArt in Biel widmet der 1981 in Schottland geborenen Künstlerin die erste Schweizer Einzelausstellung.

Innovative Zeitgenossenschaft

Felicity Lunn, Direktorin des Hauses, sagt Katie Paterson Grosses voraus: «Sie ist eine der innovativsten Künstlerinnen, die ich als Kuratorin in 30 Jahren kennen gelernt habe. Ich bin mir sicher: Sie ist über kurz oder lang Anwärterin auf den Turner Prize, den bedeutendsten Kunstpreis Grossbritanniens.» Die Prognose kommt nicht von ungefähr. Denn wie weit, wie interdisziplinär und eigenständig die Vorstellung der Künstlerin nach vorne und zurück schweifen kann, hat Paterson in zahlreichen Ausstellungen und Projekten international unter Beweis gestellt. Für ihre sinnliche Übersetzung von abstrakt anmutenden Fragestellungen sind ihr wichtige Auszeichnungen zugesprochen worden. Dieses Jahr etwa ein Stipendium der US-amerikanischen Shifting Foundation — bezeichnenderweise im Rahmen einer Kulturförderung, die inhaltliches und formales Neuland zum ersten Kriterium macht.

Naturwissenschaft und Poesie

Ihre Installationen sind das Ergebnis oft mehrjähriger Recherchen. Da, wo der naturwissenschaftlichen Tiefenschärfe ein irrationaler Zauber anhaftet , hat die Künstlerin ihr Feld. Genauer: geht sie Kooperationen ein. Denn ohne die fachliche Expertise von Astronomen, Geografinnen, Biochemikern, Paläontologinnen oder Duftspezialisten wäre ihr Schaffen nicht denkbar. Sie simuliert Mondlicht und lässt den Duft von Planeten in schmelzendem Kerzenwachs aufgehen. Zeiträume bleiben der rote Faden durch Patersons Werk. Ihr «Fossile Necklace» etwa reiht gleichmässig geschliffene Perlen aus 3.5 Billionen Jahren Evolutionsgeschichte zu einer ebenso raffinierten wie archaischen Kette auf. Für den Moment eines Meteoriteneinschlags, das Werden der ersten Blume oder den aufrechten Gang des Homo sapiens vereint das Erbstück von Mutter Erde Materialspuren aus allen Kontinenten. In isländischen Gletschern hat Paterson Tonträger aus Eis gewonnen; die natürliche Komposition, die der Plattenspieler nur auf Zeit wiedergeben kann, bleibt konserviert im Video. Lautstark fallen Erinnerung und Verlust ineinander.

In einer Vitrine ist eingangs eine lange Serie von Kondolenzbriefen ausgelegt: «Dear Professor Ellis, I am sorry to inform you oft the death oft he star, GRB 2013b.» Paterson hat über Monate diese Zeile verfasst — jedes Mal, wenn ein Teleskop das letzte Aufglimmen eines Gestirns registriert und ihr elektronisch dessen Aus übermittelt hatte. Adressat war unter anderen ein Kosmologe, der in einem Observatorium auf Hawaii über die frühesten Galaxien wacht.

Die Information hoch technisierter Messinstrumente trifft in den «dying star letters» auf eine Gedenkkultur von anrührender Nähe. Die Hommage an unbeseelte Materie zeugt nicht zuletzt von menschlicher Verletzlichkeit – und teilt die Vorstellung mit, dass Leben Licht sei und Gestirne unsere ewigen Begleiter. Paterson bleibt anschaulich, wenn sie Kulturtechniken mit dem Umfang des Universums kurzschliesst. Fast beiläufig und ohne didaktische Anmassung wird ihr Schaffen an der immer bewegten Unermesslichkeit zum Plädoyer für einen weitsichtigen Umgang mit unserem Planeten. Im grössten Saal der Ausstellung spielt ein Konzertflügel Beethovens «Mondscheinsonate». Paterson hat die originale Partitur in Morsecodes zum Mond schicken lassen und eine veränderte Komposition zur Antwort bekommen: Mondkrater behielten Informationen für sich.

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