Zwingli? Ja, klar, der Reformator aus Zürich. Hatte aber Krach mit Luther. Und ja, er starb in der Schlacht bei Kappel. Erschlagen von den Eidgenossen. Nein, nicht damals bei der Milchsuppe, beim zweiten Mal. Und sonst? – Hm. zwinglianisch, irgendwas mit lustfeindlich, muss eine rechte Spassbremse gewesen sein. Und wenn man ganz hartnäckig weiter fragt, kommt vielleicht noch die Zwingli-Bibel.

Zwingli gibt es noch, das schon. Aber er existiert vor allem in den Vorurteilen. Das mag auch damit zusammenhängen, dass man – irgendwann – misstrauisch wird. Gegenüber den grossen historischen Bewegungen. Da geht es der Reformation ähnlich wie der Aufklärung. Immerhin hat die Reformation ein Datum, sodass man sie feiern kann. Wir sind ja gerade daran. 1517 nagelte Luther seine Thesen an die Kirchentür und machte Wittenberg – 500 Jahre später – zur Luther-Stadt. Dort «begann» die Reformation. Wir kennen das von der Bastille von Paris. Das Gedächtnis, das historische, will halt Orte und Daten.

Wenn wir ein bisschen nachsichtiger sind – gegenüber denen, die es nicht mehr so genau wissen, kommen schon noch ein paar Dinge ans Licht. Die Kirche hatte doch damals ein Problem. Die Päpste gebärdeten sich nicht immer so, wie sich das der katholische Christenmensch (der heutige und der damalige) vorstellte. Die Pfarrherren auch nicht. Und überhaupt, es ging mehr um Pfründe und Status als um Seelsorge und Verkündigung. Das ist – einigermassen anerkannt – das Basiswissen zur Reformation.

Alles wegen der Religion?

Meist beginnt man dann im Geschichtsunterricht ein neues Kapitel. Titel: «Religionskriege». Voll krass, was da abging. Zwei Jahrhunderte voll mit Chaos, Zerstörung, massenhaftem Tod und Elend. Schwer begreiflich. Ein bisschen schrauben an der Religion und die Welt gerät aus den Fugen.

Das liegt sicher auch daran, dass uns «die Reformation» in Schweizer Schulstuben im Luther-Sound vorgespielt wird. Theologie vor allem, eher nicht Politik. Und wer es damals ein bisschen besser wissen wollte, erinnert sich vielleicht an Thomas Müntzer und daran, dass Luther in den Bauernkriegen ungehemmt Partei ergriff für die Fürsten. «Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern» – so der Titel einer Schrift von 1525 mitten in den Bauernkriegen.

Nein, die Reformation war keine nur theologische Angelegenheit und auch nicht eine Sache, die nur die Kirche anging. Sondern sie ging einher mit sozialen Umwälzungen, sie war unter Umständen eher eine ökonomisch-soziale Angelegenheit als eine theologische.

Doch das ist ein bisschen spitzfindig. Es ist natürlich beides. Nur merkt man das bei Luther nicht so. Und sollte sich deshalb besser an Zwingli wenden. Wenn man denn schon an historischen Persönlichkeiten hängt.

Dafür muss man die Vorurteile zur Seite räumen. Zwingli war anders. Im Gegensatz zu Luther war er ein Politiker. Auch wenn er von der Ausbildung her ein Geistlicher war. Luther hockte auf der Wartburg und übersetzte die Bibel. Zwingli wirkte in Zürich und war mittendrin und dabei. Am Schluss drängte er – das lässt sich nicht wegdiskutieren – zum Krieg. Zum Krieg gegen die eidgenössischen Bruderorte. Im heutigen Verständnis war es aber eher eine Intervention. Zwingli war überzeugt, dass die Eidgenossen der fünf Orte, die «normalen Leute», nicht die Mächtigen, eigentlich auf seiner Seite stünden. Dass sie auch lieber eine freiere, gerechtere, vielleicht auch demokratischere Gesellschaft hätten. Ob das berechtigt ist, wie sich die Eidgenossenschaft entwickelt hätte, wenn damals die Evangelischen, die Reformierten, gewonnen hätten, wissen wir nicht. Denn es kam ja anders.

Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als es wieder zum Krieg kam, fiel die Entscheidung zugunsten der anderen Seite aus. Nach dem Sonderbundskrieg entstand die moderne Schweiz. Nicht ganz die heutige, aber eine andere als die von 1531 – der Schlacht bei Kappel – bis 1847/48 – zum Sonderbundskrieg.

Der Reformator als Politiker

Wie Zwingli zum Reformator wurde, wissen wir nicht. Franz Rueb, der Autor dieser Biografie, tut sein Möglichstes. Aber vieles über den jungen Zwingli bleibt Spekulation. Bei seinem Tod war bei den Innerschweizern derart verhasst, dass sie es nach der Schlacht nicht beim Totschlagen beliessen, sondern den Leichnam vierteilten und verbrannten. Dazwischen gibt es Zeugnisse, Briefe und Schriften von seiner Hand auch. So wissen wir, dass Zwingli ein Intellektueller war, der von den Geistesgrössen der damaligen Zeit durchaus ernst genommen wurde. Dass er ein begnadeter Prediger war, leider sprach er immer frei, Mitschriften sind kaum erhalten, ein paar Predigten hat Zwingli später zu Papier gebracht. Und er war ein gewandter Redner, der sich in den Disputationen (theologischen Streitgesprächen) hervorragend schlug. Zwingli war auch mehr Reformer als Luther. Er beteiligte sich an den politischen Prozessen und lenkte sie als Berater. Er wusste, dass ohne «die Obrigkeit», die seine Ideen teilte, eine Reform der Kirche folgenlos bleiben musste. Messe abschaffen, Evangelium predigen, Bilder aus den Kirchen entfernen – das würden Veränderungen an der Oberfläche bleiben. Als Politiker, auch das lässt sich nicht wegdiskutieren, war er sehr geerdet, hielt Mass und wusste die Realitäten richtig einzuschätzen. Zwingli war kein religiöser Utopist, kein Schwärmer – und kein Fanatiker.

Franz Rueb Zwingli. Widerständiger Geist mit politischem Instinkt. Verlag hier und jetzt Baden 2016. 254 S., 39 Fr. Buchvernissage: Donnerstag, 25. August, um 18.30, Kulturhaus Helferei Zürich.

Franz Rueb Zwingli. Widerständiger Geist mit politischem Instinkt. Verlag hier und jetzt Baden 2016. 254 S., 39 Fr. Buchvernissage: Donnerstag, 25. August, um 18.30, Kulturhaus Helferei Zürich.