Theater

«Zitig läse – Stopp!» in der Aarauer Tuchlaube: Handy auf laut, das Theater beginnt

Isak Gurja, Liselotte Berner und Berhane Tesfay stehen für «Zitig läse - Stopp!» auf der Bühne.

Isak Gurja, Liselotte Berner und Berhane Tesfay stehen für «Zitig läse - Stopp!» auf der Bühne.

Das neue Stück des interkulturellen Generationenclubs «Bundt» zeigt in der Aarauer Tuchlaube Szenen im Stil von Informationsbrocken.

Das Handy ist bereits im Flugmodus in der Tasche verstaut, als sich die Schauspieler mit einer ungewöhnlichen Bitte an die Zuschauer wenden: «Nehmt bitte alle eure Handys hervor.» Murmeln im Saal des Aarauer Theaters Tuchlaube. Doch die Besucher gehorchen, zücken Smartphones aus Hosen- und Handtaschen. «Und nun stellt sie auf laut», sagt eine der Schauspielerinnen. Mit verdutzten Gesichtern und leisem Kichern befolgen die Zuschauer auch diesen Befehl. Schon jetzt ist klar: Das wird kein Theater im klassischen Sinn.

«Zitig läse – Stopp!» heisst das neue Stück des interkulturellen Generationenclubs «Bundt», das am Mittwoch in der Aarauer Tuchlaube Premiere feierte. Die Produktion beschäftigt sich mit dem Thema Information. Wie erhalten wir sie, wie verarbeiten wir sie? Werden wir wegen Smartphones und Social Media mit Informationen überflutet und wie können wir sie filtern? Mit Fragen wie diesen setzten sich die 13 Schauspieler und Schauspielerinnen auseinander und entwickelten daraus unter der Leitung der Theaterpädagoginnen Carine Kapinga Grab und Anouk Gyssler ein Stück.

Gelungene Szenen, fehlende Dramaturgie

Die Ansätze sind interessant: Zu Beginn des Stücks beispielsweise, als sich die Schauspieler gegenseitig fragen, woher sie kommen. Aufgrund ihres Wohnorts teilen sie sich selber ein und machen dem Zuschauer schnell bewusst, dass wir Menschen sofort zu schubladisieren beginnen, sobald wir Informationen über sie erhalten. Sei dies das Aussehen, ihr Alter, der Wohnort oder die Menge an Körperbehaarung, die auf der Bühne schon als nächstes verglichen wird. Man beginnt selber, Informationen zu sammeln, sich für die Personen zu interessieren, die da auf der Bühne stehen und gegenseitig ihre Brust- oder Beinhaare analysieren. Doch dann ist die Szene vorbei, abrupt kommt ein neues Setting.

Die Schauspieler stehen hinter einem Rollo versteckt, das sie jeweils öffnen, um kurze, teils absurde Informationsbrocken von sich zu geben. Nilüfer Darcan spricht über Tourismus, Ludovic Dejonghe über die Liebesbeziehung von Rachel und Ross in der Serie Friends, zwischendurch klingelt im Publikum ein Handy. Solche Sequenzen entlocken den Zuschauern ein Schmunzeln, sogar ein herzhaftes Lachen.

Was jedoch fehlt, ist ein roter Faden, der die einzelnen Szenen verbindet. Alle Sequenzen beinhalten zwar in einer Form die Information – das Sortieren der Schauspieler am Anfang oder die Interpretationen von Information und Überflutung in der letzten Szene. Doch zwischen Anfang und Schluss einen Spannungsbogen zu spannen, hätte man sich beim Zuschauen gewünscht.

Wenn Hendschiken und Eritrea aufeinandertreffen

Während dem Stück eine eigentliche Geschichte fehlt, hat es andere Stärken. Es zeigt, was aus theaterpädagogischen Projekten wie diesem entstehen kann. Die Zusammenarbeit zwischen den Schauspielern ist beeindruckend: Da gibt es die 19-jährige Sodaba Bashiri aus Afghanistan, die 75-jährige Liselotte Berner aus Hendschiken oder den 19-jährigen Eritreer Berhane Tesfay. Und jeder der 13 Charaktere ist präsent, hat seinen Teil zum Stück beigetragen.

Carine Kapinga Grab und Anouk Gyssler haben es geschafft, Menschen aus diversen Generationen, den unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen und den verschiedensten Einstellungen zum Thema zusammenzubringen. Sie wirken verbunden, zusammengeschweisst durch die vergangenen Monate. Und das ist die wesentliche Information, die man als Besucher mitnimmt.

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Autor

Kelly Spielmann

Kelly Spielmann

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