Die weisse Kirchenfassade beherrscht die Szenerie, das Denkmal mit dem sterbenden Winkelried und der ansteigende Hügel bilden den dunklen Hintergrund, davor unterhalten sich auf dem gepflästerten Dorfplatz von Stans die schwarz gekleideten Figuren in kleinen Gruppen in der Sonne. Hart sind die Kontraste, scharf die Schatten. Der Blick von oben ist geschickt gewählt, lässt er die Menschen doch klein erscheinen, ihr Handeln und ihre Verteilung wie vom Fotografen arrangiert. Einfluss auf die Verteilung hatte Leonard von Matt bei seiner Aufnahme in den 1940er-Jahren natürlich nicht – aber Gespür und Geduld. Die Archivkarte des Fotografen zeigt sechs verschiedene Aufnahmen dieser sonntäglichen Szene nach der Messe: Mal zoomt er näher auf die dichtere Ansammlung, mal fokussiert er nur auf die Menschen und einmal zeigt er den Platz in seiner ganzen Ausdehnung mit einer Fensterbrüstung im Vordergrund, die das Geschehen in die Weite und Tiefe des Bildes entrückt. Angekreuzt hat er als Favoriten aber diese Aufnahme, die nun im schön gestalteten Bildband gross abgedruckt ist.

Stanser Enge

Die Aufnahme und die Archivkarte zeigen exemplarisch wie sich Leonard von Matt (1909–1988), der Buchhändler- und Politikersohn aus Stans, das Fotografenhandwerk durch Ausprobieren aneignete. Einen anderen Weg gab es für ihn nicht. Der Familientradition entsprechend war auch er Buchhändler geworden, arbeitete mit zwei der drei Brüder im väterlichen Geschäft, bevor er sich 1937 von der Familie und dem Betrieb löste – lösen musste, verliebte er sich doch in eine geschiedene Frau. Das goutierte man nicht im katholisch-konservativen Nidwalden. Aber er und Brigitte «Bobi» Hartmann-Lehmann heirateten, kauften sich abseits von Buochs ein Haus auf dem Ennerberg und wagten zusammen den Sprung ins freie, unternehmerische Fotografenleben. Leonard agierte als der Maestro, «Bobi» als lebenslustige nonkonformistische Mitarbeiterin, die für ihn Stative und Lampen schleppte, die Archiv- und Entwicklungsarbeit leistete.

Eine halbjährige Assistenz im Foto-Atelier Eidenbenz in Basel blieb seine einzige Ausbildung, vereitelte der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs doch den geplanten Besuch einer Fotoschule in Paris. Von Matt leistete als Oberleutnant 1240 Tage Aktivdienst, zog dazwischen als Fotoreporter für illustrierte Zeitschriften durch die Schweiz und fotografierte in seiner engsten Umgebung. Heimatliche Themen waren in Zeiten der nationalen Selbst- und Rückbesinnung gefragt, 1946 erschien in Zusammenarbeit mit dem Maler Heinrich Danioth sein erster Bildband über den Kanton Uri. Fotobücher, das wars! Das wollte von Matt.

Südliche Weite

1947 folgte ein erstes, selber gestaltetes Fotobuch über die Heiligsprechung von Niklaus von Flüe, für das Leonard und «Bobi» von Matt nach Rom reisten – und ihre Liebe zur Ewigen Stadt, zum Süden entdeckten. Weitere Reisen und Bildbände über Italien, Spanien, Griechenland folgten, oft im Jahrestakt. Die Tochter Madeleine blieb derweil bei der Grossmutter oder bei Freunden, aber kaum war sie mit der Schule fertig, ergänzte sie das Familienunternehmen. Die Fotobücher waren ein aufwendiges, aber über Jahrzehnte einträgliches Geschäft.

In der Schweiz herrschte in den goldenen Jahren der illustrierten Reportagen und in einer Zeit, als sich kaum jemand eine eigene Kamera leisten konnte, eine grosse Nachfrage nach Fotografen und Bildern. Jede Region hatte ihre Dokumentaristen, einige erlangten nationale und internationale Bekanntheit. Um nur einige zu nennen: Werner Bischof, Jakob Tuggener, Theo Frey, Paul Senn, Arnold Odermatt, Kurt Blum, Hans Finsler, Robert Frank, Luc Chessex … Von ihnen lernte von Matt aus Publikationen. Die Innerschweizer Herbert Matter, der in den USA Karriere machte, und Martin Imboden, der die Bilder und Skulpturen seines Bruders Hans von Matt fotografierte, kannte er. Sein Frühwerk mit den lokalen Aufnahmen bezeichnete von Matt später als unausgereifte «Minder Waare», ein Buch und eine Ausstellung zeigen nun aber, dass er sehr früh Technik und moderne Komposition beherrschte.

Die Bilder – meist quadratisch, mit der professionellen Mittelformat-Kamera aufgenommen – zeigen einen gekonnten Umgang mit Licht und Schatten, mit Kontrasten und den grossen Bildlinien. Die Wäscheleine vor dem Bergheimetli etwa betont die Landschaft und setzt eine überraschende Diagonale ins Bild.

Schweizer Zeitgeist

Wir sehen diese Bilder heute allerdings nicht nur als künstlerische Werke, sondern auch als Zeitzeugnisse. «Es waren Blicke in die damalige Welt, geprägt noch von der Beschäftigung der eingesperrten Schweiz mit sich selbst, mit ihrem Herkommen und ihrem Überlebenswillen», schreibt der Germanist Peter von Matt über seinen Onkel. Porträts von Bauerkindern, vom Leben gezeichnete und zerknitterte Gesichter der urchig-starken Berglerinnen, die Bauern in ihren Anzügen an der Landsgemeinde, das Gedränge auf dem Stanser Jahrmarkt, Häuschen an stotzigen Hängen und Tourengänger in Fels und Schnee. «Viele Szenen hätten auch hundert Jahre früher nicht viel anders ausgesehen. Dreissig Jahre später allerdings schon», bilanziert Peter von Matt. Gleichzeitig betont er die Herzlichkeit und Weltoffenheit von «Lieni» und «Bobi»: Sie war für ihn ein frohes Wesen aus den «Roaring Twenties» und «bei ihm hatte das Wort ‹Onkel› keinen Beiklang von Autorität».

Trotz aller Weltoffenheit und Reiselust: Die von Matts blieben auf dem Ennerberg wohnen, richteten sich das ehemalige Bauernhaus als Fotografen-Basis ein. Dort pflegte «Lieni» in den letzten Lebensjahren seine an Alzheimer erkrankte «Bobi». Die einst verbotene und erkämpfte Liebe hielt lebenslang. Er selber starb – ebenfalls 1988 – auf einer Solo-Bergtour.

Leonard von Matt Frühe Fotografien. Hg. Von Brigitte Flüeler und Jos Näpflin. Limmat-Verlag, 192 S., ca. Fr. 58.–.

Ausstellung Leonard von Matt – Fotografie 1936–1948. Nidwaldner Museum Stans: bis 14. Oktober. Talmuseum Engelberg: 2. September bis 14. Oktober.