Es ist Cannes’ grösster Schandfleck: In der 71-jährigen Geschichte der Filmfestspiele an der Côte d’Azur ging die höchste Auszeichnung nur ein einziges Mal an eine Frau. Die Neuseeländerin Jane Campion gewann die Goldene Palme – sie gilt neben dem Oscar als wichtigster Filmpreis der Welt – 1993 für ihr Drama «The Piano».

Wegen einer angeblichen Benachteiligung weiblicher Filmemacher steht das glamouröseste, wichtigste und renommierteste Filmfestival der Welt immer wieder in der Kritik. An der diesjährigen Ausgabe, die am Samstagabend zu Ende geht, fand vor diesem Hintergrund eine aufsehenerregende Protestaktion statt.

Schauspielerinnen und Regisseurinnen forderten auf dem roten Teppich in Cannes gleiche Rechte in der Filmbranche.

Schauspielerinnen und Regisseurinnen forderten auf dem roten Teppich in Cannes gleiche Rechte in der Filmbranche.

82 Frauen marschierten geschlossen über den roten Teppich, um ein Zeichen für Chancengleichheit zu setzen. Dabei verkündete die Hollywoodschauspielerin und diesjährige Jurypräsidentin Cate Blanchett, dass es «an der Zeit» sei, dass alle Positionen in der Filmbranche für Frauen geöffnet werden.

Die 82 Frauen standen symbolisch für die nur 82 Regisseurinnen, deren Filme seit dem Festivalbeginn 1946 im Wettbewerb aufgenommen wurden – gegenüber 1688 Filmen von Männern. Auch dieses Jahr stammten nur 3 der 21 Wettbewerbsfilme von Frauen.

Blanchett hat zwar betont, dass sie und ihre Jury die Festivalpreise am Samstagabend geschlechtsneutral vergeben würden. Aber die Gelegenheit, 25 Jahre nach Jane Campion endlich wieder eine Regisseurin mit der Goldenen Palme zu würdigen, ist dieses Jahr besonders günstig.

Denn der beste Wettbewerbsfilm dieser Ausgabe, da sind sich die meisten Filmkritiker an der Croisette einig, ist «Lazzaro Felice» von Alice Rohrwacher.

Filmtrailer «Lazzaro Felice» (Italienisch)

Filmtrailer «Lazzaro Felice» (Italienisch)

Die 36-jährige Regisseurin und Drehbuchautorin aus Italien erzählt darin von einem von der Umwelt abgeschnittenen Landgut in Süditalien, dessen verarmte Arbeiterschaft von einer Marquisa nach feudalem Vorbild ausgebeutet wird.

Die anstrengendsten Arbeiten auf dem Hof werden jeweils Lazzaro (Adriano Tardiolo) aufgebürdet, einem jungen Mann mit unschuldig glänzenden Augen, der stets mit einer Höflichkeit und Hilfsbereitschaft ans Werk geht, die an Naivität grenzt.

Ohne die vielen verblüffenden Überraschungen von «Lazzaro Felice» vorwegzunehmen: Was Rohrwacher aus dieser Versuchsanordnung macht, ist ein Feuerwerk cineastischer Imaginationskraft. In märchenhaft verspielten Bildern mischt sie Kapitalismuskritik, Heiligenlegende und Migrationsdrama zu einer mitreissenden Italien-Parabel, die gleichermassen tiefsinnig wie leichtfüssig daherkommt.

Schwestern: Regisseurin Alice Rohrwacher und die italienische Starschauspielerin Alba Rohrwacher auf dem roten Teppich in Cannes.

Schwestern: Regisseurin Alice Rohrwacher und die italienische Starschauspielerin Alba Rohrwacher auf dem roten Teppich in Cannes.

Die italienischen Journalisten in Cannes sehen in Rohrwacher bereits die Nachfolgerin von Legenden wie den Brüdern Taviani und dem kürzlich verstorbenen Ermanno Olmi. «Lazzaro Felice» war der Film, der ganz Cannes aus den Socken haute.

15 Minuten Standing Ovations

Die Publikumsreaktionen an der Weltpremiere waren überwältigend: Als der Abspann des Films lief, erhob sich der gesamte Saal und würdigte das anwesende Filmteam volle fünfzehn Minuten lang mit Standing Ovations. Rohrwacher und ihre Mitstreiter lagen sich tränenüberströmt in den Armen.

Wenn im Festivalpalast in Cannes die Preisverleihung über die Bühne geht, zählen keine Ausreden mehr. Dieses Jahr muss die Goldene Palme an Alice Rohrwacher und damit zum zweiten Mal an eine Frau gehen.

Alice Felice? Certo!