Die Anfänge der in der Deutschschweiz wenig bekannten Fête des Vignerons sind rätselhaft. Eines ist sicher, ihre Geschichte ist stark mit derjenigen der Weinbruderschaft von Vevey verbandelt, der sogenannten Confrérie des Vignerons. Eine Vereinigung, die höchst wahrscheinlich schon im Mittelalter bestand.

Damals hiess sie noch Abbaye de l'Agriculture und war ein Zusammenschluss der Grundbesitzer. Ihre Aufgabe war es, Weingüter zu besuchen, zu kontrollieren und die Arbeit der Rebbauern zu beurteilen.

Im 17. Jahrhundert veranstaltete die Zunft jedes Jahr einen schlichten Festumzug durch das Städtchen Vevey am Ufer des Genfersees. Die Parade, die Jahr für Jahr mehr Zuschauer anzog, folgte im Anschluss an die Generalversammlung, bei der die Arbeit der Rebbauern bewertet wurde.

Um 1770 setzte sich die Confrérie des Vignerons zum Ziel, die Perfektionierung des Rebbaus zu fördern. Gute Arbeit der Rebbauern sollte belohnt werden. Die Besten ihres Fachs wurden prämiert.

Vom Umzug zum ersten Fest

Durch die Krönungszeremonie der besten Arbeiter verwandelte sich die ursprüngliche Parade allmählich in die Fête des Vignerons. Geburtsstunde ist das Jahr 1797: Damals wurde auf dem Marktplatz eine erste Bühne für 2000 Schaulustige errichtet, damit diese an der Krönung teilnehmen konnten.

Ab 1819 wurde das Fest nach den vier Jahreszeiten gegliedert. Die Darstellung der Feldarbeit, des weidenden Viehs, der Arbeit im Weinberg, der Lobpreis des Vaterlands sowie Gestalten aus der griechischen, lateinischen und der christlichen Mythologie bilden seither den thematischen Reigen der Aufführung.

Legendärer "Ranz des vaches"

Im Laufe der Zeit kamen Neuerungen hinzu. 1819 wurde der Kuhreihen "Ranz des vaches" eingeführt, das Lied der Kuh- und Schafhirten auf der Alp. Das bekannteste Musikstück des Waadtländer Winzerfests stammt allerdings aus dem Nachbarkanton Freiburg.

Es gab zwei Aufführungen, und die Sitzplätze kosteten zwischen einem und drei Franken. Die Fête des Vignerons hatte ein Budget von 16'000 Franken und schrieb ein Defizit von 9700 Franken.

In den folgenden Jahren gewann der Anlass sukzessive an Grösse. 1833 verdoppelten die Organisatoren die Anzahl der Sitzplätze auf 4000 bei zwei Vorführungen. 1851 bot die Arena bereits Platz für 8000 Gäste und 1865 für 10'500 Schaulustige bei je drei Vorführungen.

1889 bewegte die Gemüter, als ein Senn erstmals solo den Kuhreihen in der Arena sang. Es war auch das erste Mal, dass die Fête des Vignerons schwarze Zahlen schrieb.

Durch die enge Zusammenarbeit der Brüder René und Jean Morax mit dem Komponisten Gustave Doret entstand 1905 erstmals ein zusammenhängendes Werk. 1905 waren erstmals Frauen ohne Restriktionen zugelassen.

Zurück zu den Anfängen

Die vierte Fête des Vignerons im 20. Jahrhundert 1977 besann sich auf ihre Wurzeln zurück. Der Librettist Henri Debluë träumte davon, das Fest zu seinen Ursprüngen zurückzuführen und eine Verbindung zur christlichen Tradition herzustellen. Bei einem Budget von 20,7 Millionen Franken erzielte der Anlass einen Gewinn von 5 Millionen Franken.

Nur zwanzig Jahre später war die Veranstaltung bereits ein Fest der Superlative: ein Budget von 54 Millionen Franken, 17 Vorstellungen, ein Gewinn von 4 Millionen Franken. Die Sitzplätze kosteten 65 bis 260 Franken. 5200 Darsteller waren an den Aufführungen beteiligt.

Zielgruppe jenseits des Röstigrabens

Die gigantische Arena der diesjährigen Ausgabe vom 18. Juli bis zum 11. August hat Plätze für 20'000 Zuschauer. Es gibt zwanzig Vorführungen. Das von Regisseur Daniele Finzi Pasca konzipierte handelt von einem Dialog zwischen einem kleinen Mädchen namens Julie und seinem Grossvater, der es in die Traditionen und Arbeiten am Weinberg einführt.

Ziel der Promotoren ist es, den Anlass auch in der Deutschschweiz bekannt zu machen und mehr Zuschauer aus dem Landesteil jenseits der Saane anzulocken. Deswegen laden die Organisatoren zum ersten Mal Gastkantone nach Vevey ein. Rund 12 Prozent der Tickets wurden bislang in der Deutschschweiz gekauft, im Vergleich zu 7 Prozent im Jahr 1999. Insgesamt rechnen die Organisatoren mit einer Million Besucher - doppelt so viele wie 1999.