Literatur

Writer in Residence Georgi Gospodinov: «Lebe nicht in der Gegenwart!»

Autor Georgi Gospodinov in seiner Residenzwohnung beim Klusplatz in Zürich. Seine Pflicht sei, gute Bücher zu schreiben – auf Bulgarisch!

Autor Georgi Gospodinov in seiner Residenzwohnung beim Klusplatz in Zürich. Seine Pflicht sei, gute Bücher zu schreiben – auf Bulgarisch!

Georgi Gospodinov ist Writer in Residence am Zürcher Literaturhaus. Der bulgarische Schriftsteller will hier an einem Roman und an Essays arbeiten. Seine Themen: Kindheit und Krisen.

Nur einen Wunsch hat Georgi Gospodinov am Ende des Gesprächs im Bezug auf den zu verfassenden Zeitungsartikel, den er, da er kein Deutsch spricht, nicht wird gegenlesen können: Es möge bitte nichts von Sozialismus im Titel stehen. Der 1968 in Bulgarien geborene Autor hat sich in seinen Werken mit Kindheit und Erwachsenwerden, mit Heimat und Identität und mit allerlei unerzählten und klandestinen Geschichten beschäftigt.

Natürlich sind diese Texte von einer Auseinandersetzung mit dem Sozialismus geprägt, unter dem Gospodinov die ersten 21 Jahre seines Lebens verbracht hat. Und so ist es gewiss nicht falsch, ihn auch als Chronisten des bulgarischen Sozialismus zu charakterisieren.

Doch die Sozialismus-Etikette wird dem vielseitigen Autor zugleich nicht gerecht, der neben Romanen, Erzählungen und Gedichten auch Theatertexte, Opernlibretti, Drehbücher, Essays und anderes mehr schreibt. So viel ist nach dem Gespräch längst klargeworden, zu dem er in seine geräumige Residenzwohnung beim Klusplatz in Zürich gebeten hat.

Hier wohnt er auf Einladung des Literaturhauses Zürich und der Stiftung PWG für ein halbes Jahr als Writer in Residence. Mit Blick auf die Albiskette mit der verschneiten Passhöhe und bei einem grosszügig gemischten Glas Himbeersirup hatte Gospodinov noch einmal auf das Hauptmotiv seines letzten Romans, «Physik der Schwermut», hingewiesen: dasjenige des verlassenen Kindes.

Das Motiv der Verlassenheit

Nicht nur die kindliche Hauptfigur, die im Sozialismus aufwächst, ist ein verlassenes Kind, sondern auch dessen Grossvater war eines – und dies lange vor dem Sozialismus. Gospodinov fand die Blaupause für sein Thema in der Minotauros-Sage, der er mit seiner eigenwilligen Lesart einen neuen Dreh gab: Der Minotauros ist doch ein unschuldiges Kind, das aufgrund seiner Gestalt ausgegrenzt, verlassen, versteckt und schliesslich ermordet wird! Ein Monster, das die anderen produziert haben, um es von der Gesellschaft auszuschliessen, hält Gospodinov fest, und verweist im Vorbeigehen auf Europas heutigen Umgang mit den Migranten.

Doch in seinen literarischen Texten ist die direkte politische Invektive nicht Gospodinovs Sache. Was seine Belletristik in Hülle und Fülle anbietet, sind Geschichten. «I believe in storytelling.» Mit seinen Geschichten verleiht er den Schweigenden eine Stimme; er erzählt die unerzählten Geschichten – vom in der Mühle zurückgelassenen Kleinkind bis zur Tragikomödie der jungen Frau, die vor einem Dorfkino jahrelang auf ihre Vereinigung mit Alain Delon hofft.

Einen Überfluss an Geschichten wird man auch von Gospodinovs nächstem Roman erwarten dürfen, an dem er während seines halben Jahres in Zürich arbeiten will. Das Thema: Kindheit und Kindheitsängste. Ein Glück, dass Gospodinov in der Schweiz immer nahe an seinen Kindheitserinnerungen ist, wie er sagt. Weshalb, vermag er nicht so recht zu erklären.

Vielleicht wegen der Gerüche, die ihn ans Leben auf den bulgarischen Dörfern erinnern? Jedenfalls konnte er schon im Zuger Kapuzinerkloster sehr gut arbeiten, wo er vor sieben Jahren dank eines Aufenthaltsstipendiums Teile seines Erzählbands «8 Minuten und 19 Sekunden» fertiggestellt hatte.

Sofia ist er treu

Nicht nur in Zug und Zürich, in vielen anderen Ländern hat Gospodinov, dessen Werke in zahlreiche Sprachen übersetzt werden, schon Schriftstelleraufenthalte absolviert und Dozenturen versehen. Doch seiner Heimat und dem Wohnort Sofia ist er treu geblieben. Nach der Wende seien alle seine Freunde in den Westen gereist; er selbst sei nach langem Ringen geblieben. Bleiben oder gehen, die Frage treibt ihn noch heute um.

«My personal trauma», seufzt er. Sein Sirupglas ist leer. Fühlt er sich seinem Land verpflichtet? Nein, seine Pflicht sei, gute Bücher zu schreiben – auf Bulgarisch! Dafür nimmt er auch in Kauf, zeitweise von Frau und Tochter getrennt zu sein. Doch die Tochter wird ihn in Zürich besuchen, sie will in den Schnee. Vielleicht dort drüben auf dem Albispass.

Neben dem Romanprojekt gibt es auch neue Essays, an denen Gospodinov im kommenden Halbjahr arbeiten will. Heute seien Essays dringend nötig, in der Zeit der Krise. Gospodinov meint damit weder die Finanz- noch die Flüchtlingskrise. Es gebe keine Zukunftsträume mehr, das sei die wahre Krise. Die Menschen würden dem technischen Fortschritt nicht mehr hinterherkommen. «We have slow souls», deshalb können wir auch gar nicht schneller.

Der Mensch müsse seinen Blick sowohl in die Vergangenheit wie in die Zukunft richten – am besten gleichzeitig, je mit einem Auge, wie die blinde Vaysha aus seiner gleichnamigen Kurzgeschichte. Gospodinov weiss schon, dass man heute eher das achtsame Leben in der Gegenwart predigt. Er hält aber dagegen: «Do not live in the present!»

Lesung Do, 31. Jan 19.30 Uhr im Literaturhaus Zürich (Moderation Ilma Rakusa, deutsche Lesung Thomas Sarbacher).

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