«Das Kopfüberland ist eine Insel aus Schokobäumen. Die Menschen essen Wolkenwatte und Sonnenstrahlen, und sie trinken den Mondschein. Alle müssen nett zueinander sein.» Schön wär’s, denkt, wer diese Sätze in der Klosterkirche Königsfelden hört und daher nachdenklich und etwas melancholisch wird. Dies, weil die Kinderzeit mit ihren wunderbaren, alles auf den Kopf stellenden Träumen weit weg ist und die Realität weder von essbarer Wolkenwatte noch ausnahmslos netten Menschen belebt ist.

Ganz so stimmt das für 70 Minuten denn aber doch nicht: weil wir in der Klosterkirche mit 72 Schülerinnen und Schülern der Schule Angelrain Lenzburg eintauchen in ihr «kopfüberland». Gemeinsam mit Brigitta Luisa Merki (Gesamtinszenierung) haben sie dieses zu einem Fest des mit Tanz, Musik und Wort überschäumenden Fantasierens über die Welt gemacht.

Hochfliegend erscheint beim dritten pädagogischen Kunstprojekt von Tanz & Kunst Königsfelden alles, doch nichts ist angeberisch, sondern bescheiden und dennoch selbstbewusst; verspielt und verträumt. Auch diesmal ist jeder goldrichtig an seinem Platz: ob als agiler Hip-Hopper oder Sänger mit zarter Stimme; ob als virtuose Ukulele-Solistin oder elfenhafte Tänzerin. Nichts wirkt beschwert; alles ist leicht – geboren aus einem Sommernachtstraum, in dem kopfüber vom Kirchenhimmel hängende Bäume selbstverständlich sind (Visuelle Kunst: Eliane Zgraggen, Karl Egli, Doris Haller, Regina Bänziger).

Auch dieses Projekt ist behutsam und feinfühlig auf die individuellen Fähigkeiten der Schüler abgestimmt. Anfänglich bauscht sich ein weisses, federleichtes Tuch; die Kinder verschwinden darunter, um sich alsbald ihren Weg durch Öffnungen ins Freie zu bahnen – welch ein Bild. Die eisige Kälte spürt man förmlich, was die sphärische Livemusik des Komponisten Christoph Huber (Sax, Klavier, Effekte), der Sängerin und Cellistin Corinne Nora Huber sowie des Perkussionisten Julian Häusermann noch unterstreicht. Das ist Poesie pur, die fast zum Ausruf «Verweile doch, du bist so schön» verleitete. Aber das wäre verfrüht, denn noch erwarten uns viele weitere Szenen und damit andere Rhythmen.

Es dauert denn auch nicht lange, bis Hip-Hop (Einstudierung: Patrick Grigo) die Szene befeuert und das Eis – in den Köpfen der Zuschauer – zum Schmelzen bringt. Das Meer hat sich mittlerweile verfärbt; Land ist in Sicht – «kopfüberland» nicht mehr fern. Dort angekommen, sind Zeichnungen eigenartiger Figuren – halb Vogel, halb Mensch – auf einem Boden zu entdecken, der für die Tänzer (Zeitgenössischer Tanz: Teresa Rotemberg, Lucia Baumgartner) sowie für die Ukulele-Solistin eine grossartige Bühne ist. Als die Spielerin am Ende ihr Instrument in die Höhe reisst, ist dies ein Signal – im Nu wird die Spielfläche von Kindern mit Ukulelen erobert. Den hell klingenden Soundteppich unterlegen sie Christoph Hubers groovendem Sax: hinreissend!

Diese Szene zeigt exemplarisch, wie «kopfüber» funktioniert: als Teamwork der Gleichwertigen. Genau deshalb dürfen sich Sängerin und Musiker oft von ihrem Nischendasein am Rand lösen, um in ein Geschehen einzutreten, dem sie mit ihren improvisatorischen Einwürfen jene Unwägbarkeit verleihen, die «kopfüber» förmlich knistern lässt. Ja, man ist abermals überrascht, wie bühnentauglich sich die Klosterkirche erweist. Allerdings: Nur, wer sie derart gut kennt und ihr einen solch grossen Respekt entgegenbringt wie Brigitta Luisa Merki, kann mit ihr spielen; kann im «kopfüberland» Buchstaben tanzen machen oder kann es regnen lassen.

Deshalb glaubt man ihr – und allem. Man weiss, dass es kein echter Regen ist, doch man sieht, wie sich auf dem Boden – dank Video – Pfützen bilden; man sieht die Regenperlen an den Bäumen und weiss, dass sich diese der Lichtregie verdanken. Allem glaubt man, demnach auch den von innen erleuchteten Würfeln, die am Ende von den Schülern hereingetragen werden. Als sie das grosse Portal öffnen, müssen wir leider glauben, wozu die Laternen freundlich auffordern: zum Nach-Hause-Gehen.