Jubiläum

«Wir sind ein Vielvölker-Staat und damit müssen wir umgehen können»

Franz Hohler spürt vor dem 50. Geburtstag des «Totemügerli», wie die Zeit vergeht.Gaetan Bally/Keystone

Franz Hohler spürt vor dem 50. Geburtstag des «Totemügerli», wie die Zeit vergeht.Gaetan Bally/Keystone

Rückblick Franz Hohler (72), der Erfinder des «Totemügerli», freut sich auf den 50. Geburtstag seiner legendären Kunstfigur. Im Interview verrät er, was er mit Berufskollege Lukas Bärfuss gemein hat. Und warum Empörung guttut.

Fotoshooting mit Franz Hohler. Der Autor am Schreibtisch. Plötzlich hält er einen Fotoapparat in der Hand. «Ich vergelte Gleiches mit Gleichem», droht er spielerisch, zielt auf den Kopf unseres Fotografen – und drückt ab. Kurze Zeit später spuckt ein Fotodrucker mit dem sinnigen Namen «Selphy» ein Foto unseres Fotografen aus. Das macht Hohler immer so. Über seine Fotografen-Schnappschüsse will er dereinst einen Text schreiben.

Franz Hohler, jedes Mal, wenn ich mich mit Ihrem Werk beschäftige, merke ich, wie jung ich noch bin . . .

Franz Hohler: Ein schöner Effekt, dass Sie sich damit noch so jung fühlen!

Was Sie seit den 1960er-Jahren auf der Kabarettbühne geschaffen haben, weiss ich von meinen älteren Kollegen. Mit dem Kabarett haben Sie inzwischen aufgehört. Haben Sie auch schon das Gefühl, ewig da zu sein?

Eine Ewigkeit nicht gerade, aber ich merke auch, dass die Zeit, als ich noch Bühnenprogramme machte, langsam wegrückt. Wie wenn man mit einem Schiff von der Küste wegfährt und sieht, wie die Küste langsam kleiner wird. Ich merke, dass ich recht weit weg bin von der Praxis des Liedermachers.

Ihr Kollege, der Liedermacher und Journalist Martin Hauzenberger, hat eine Biografie über Sie geschrieben. Wie ist das für Sie, über sich selbst zu lesen?

Es ist schon eigenartig, wenn einem das eigene Leben erzählt wird. Das man wie eine Erzählung liest – und plötzlich merkt: Das bin ja ich!

Haben Sie sich erkannt?

Ich wusste natürlich, dass es um mich ging – so unvorbereitet bin ich an die Sache nicht herangegangen! (lacht) Nun, es ist schmeichelhaft, wenn jemand einen ernst genug nimmt und sich sagt, so ein Lebenslauf wäre eine Beschreibung wert. Und es ist auch leicht irritierend. Man sagt sich: Hoffen wir, er erzählt nicht zu viel . . .

Nicht jeder kann von sich behaupten, dass er den Wortschatz einer Sprache mit Neuschöpfungen erweitert hat. Sind Sie im Alltag selbst schon über einen «Hohler» gestolpert?

Am ehesten werden mir Wendungen aus meiner berndeutschen Kurzgeschichte «Ds Totemügerli» zitiert. Manchmal entdecke ich auch Wendungen von mir in der berndeutschen Alltagssprache.

Heute Morgen fragte mich jemand: Gibts das Totemügerli wirklich?

(lacht) Es gibt Leute, die gar nicht wissen, dass das von mir ist, sondern denken, das sei eine alte Volkssage.

Ihr Text hat Sie altersmässig überholt.

Ich betrachte das als Kompliment, denn das Totemügerli ist ein Jugendwerk von mir. Ich habe es 1967 geschrieben. In zwei Jahren wird es 50. Dann machen wir eine Geburtstagsparty.

Gibt es eine Fortsetzungsgeschichte?

(lacht) Mit einer Enthüllung! Man fragt mich oft: «Was ist das Tötemügerli überhaupt?» Im Kinderfernsehen habe ich Kinder einmal aufgefordert, das Totemügerli, den Schöppelimunggi, den Houderebäseler oder das Blindeli zu zeichnen. Es kamen 17'000 Einsendungen. Das amüsiert mich bis heute.

Neulich sagte ein Teenager im Tram: «Ich han mer so de Arsch ufgsträngt.» Auch eine Neuschöpfung, aus «anstrengen» und «aufreissen». Hören Sie in Trams auch so gerne zu?

Oh ja! Das Tram oder der Bus sind das tägliche Welttheater. Wenn man in Zürich mit dem Bus Nummer 32 vom Bucheggplatz zum Strassenverkehrsamt fährt, dann bleiben bis zum Strassenverkehrsamt nur noch die Schweizer sitzen, die mit dem Autokennzeichen zum Strassenverkehrsamt fahren. Aber dazwischen steigt die ganze Welt ein und aus.

In Ihrem Text «Urheberrechte» staunen Sie darüber, wie man Ihre Texte heute weltweit verwendet. Kann man Ihre Texte pannenfrei übersetzen?

Nicht immer! Einmal besuchte ich in Costa Rica eine Schule. Dort lasen Kinder meine Geschichte vom «tragischen Tausendfüssler», den man als «magischen Tausendfüssler» ins Spanische übersetzt hatte. Eine der ersten Fragen, die mir die Kinder stellten: Warum ist der Tausendfüssler magisch? Sie hatten recht. Nichts am Tausendfüssler ist magisch. Am Ende ist er tot. Auf einem Kongress mit lateinamerikanischen Kinder- und Jugendschriftstellern lernte ich dann, wie gross in Südamerika das Bedürfnis ist, dass Geschichten für Kinder gut ausgehen. Das ist ein Heile-Welt-Gedanke, der bei uns schon lange nicht mehr vorhanden ist.

Bekommen Sie Briefe von Lesern, die Ihre Geschichten nicht verstehen?

Ja, vor allem von Schülern!

Hohler sucht einen Stapel Briefe heraus, und liest vor: «Lieber Herr Hohler, bei der Besprechung dieser Schulaufgabe sind wir zu dem Fazit gekommen, dass nur der Autor selbst die Deutung seiner Kurzgeschichte kennt. Daher bitte ich Sie freundlich, mir die Deutung mitzuteilen.»

Eine Herkulesaufgabe!

Ich bin sehr zurückhaltend mit der Deutung meiner Werke. Wichtiger ist mir, was die Leser für Assoziationen dazu haben. Manchmal wollen die Kinder von mir wissen, wer recht hat: sie oder der Lehrer. Dann probiere ich, den Lehrer nicht zu desavouieren, denn es ist ja schön, dass der meine Texte mit ihnen liest.

Auf Ihrer Homepage gibt es ein «Best of» Ihrer schlechtesten Kritiken. Lesen Sie die immer noch?

Am Anfang meiner Karriere habe ich jede Kritik gelesen. Eine der allerersten war ganz schlecht. Sie war in der «Weltwoche» abgedruckt. Ich konnte gar nicht begreifen, wie man etwas Schlechtes über mich schreiben kann. Jeder, der mal anfängt, fängt an, weil er das Gefühl hat, er sei gut. Ohne den Glauben kann man diese Arena nicht betreten.

Sie haben es gut weggesteckt!

Rückblickend finde ich, es ist nicht schlecht, wenn man am Anfang seiner Karriere einen Verriss einfährt. Weil einem dann klar wird, was einem droht. Es ist wie ein Initiationsritus: Wenn man das nicht aushält, lässt man es besser bleiben.

Ihr Schriftstellerkollege Lukas Bärfuss trat vor den Wahlen in einem Zeitungsartikel als vehementer Schweiz-Kritiker auf. Teilen Sie seine Ansichten?

Das Wort Wut trifft selten auf mich zu. Die kritische Betrachtung, die satirische, allerdings schon. Mein Stil ist eher etwas spielerischer als der von Lukas Bärfuss, meine Texte zielen aber auf ähnliche Dinge. Im Prinzip finde ich es gut, wenn jemand leidenschaftlich bei der Sache ist.

Besser als gleichgültig!

Genau! Es gibt diesen Essay «Empört euch» vom inzwischen verstorbenen französischen Schriftsteller Stéphane Hessel. Hessel vermisst darin die Empörung bei der jungen Generation. Er sagt: Es ist gar nicht so wichtig, worüber man empört ist. Wichtig ist, dass man sich überhaupt empört. Dass man auf die Verhältnisse reagiert. Dass man sich nicht alles bieten lässt.

Empörung ebnet den Weg zur Veränderung . . .

Natürlich findet man sofort das Gegenbeispiel, etwa die Pegida-Anhänger. Die empören sich auch, letztlich auch über uns.

Wann gab es auf eine Satire von Ihnen zum letzten Mal heftigen Gegenwind?

Ab und zu mache ich noch etwas für die Radio-Satiresendung «Zytlupe». Als die Aargauer Stadt Bremgarten vor zwei Jahren Vorschriften machte, wo sich Flüchtlinge aufhalten dürfen und wo nicht, zum Beispiel in der Badeanstalt, habe ich dem einen Nazi-Erlass aus Nürnberg entgegengehalten, der den Juden verbietet, das Stadtbad zu benützen. Das hat heftige Reaktionen gegeben.

Es wurde behauptet, der Bärfuss-Text sei nicht sein bester gewesen. Teilen Sie diese Ansicht?

Das ist ein Klischee. Das habe ich selbst schon mehrmals gehört. Bei einer meiner Fernsehsendungen über Atomkraft beschwerte sich die Elektrolobby genau mit diesem Satz: «Wir schätzen Sie eigentlich sehr, Herr Hohler, aber das ist jetzt wirklich nicht der stärkste Text von Ihnen gewesen, oder?» (lacht) Im Übrigen hat Bärfuss ein sehr schönes satirisches Bild verwendet, nämlich das von der Migros-Miniatur-Schweiz. Er teilt nicht nur aus, er federt das sprachlich auch ab.

Die SP Zürich hat ein Flüchtlingsmanifest veröffentlicht, in dem Sie mehr Grosszügigkeit fordern. Warum tun wir uns so schwer mit dem Teilen?

Generell finde ich, dass wir Schweizer uns mit dem Teilen nicht so schwer tun. Wir sind eines der spendabelsten Völker! Ich habe am Flüchtlingssammeltag der «Glückskette» eine Weile das Telefon abgenommen. Eine Frau sagte mir, sie spende 300 Franken. Ich fragte Sie, warum. Sie sagte, sie habe drei gesunde Enkel und wolle, dass es anderen Enkeln auch gut gehe. Für jeden Enkel hundert Franken. Das ist grosszügig! Aber es gibt auch diese alte Grundangst vor Überfremdung. Dass wir Angst haben, es gäbe die Schweiz irgendwann nicht mehr, wenn wir zu viele andere aufnehmen. In Tat und Wahrheit ist die Schweiz, in der ich aufgewachsen bin, schon lange verschwunden. In meiner Primarschulklasse gab es einen Secondo. Heute sind wir ein Vielvölkerstaat. Und mit dem müssen wir umgehen können. Den müssen wir gestalten können.

«Franz Hohler, der realistische Fantast», Martin Hauzenberger, Römerhof-Verlag, Fr. 41.90. «Die Nacht des Kometen» (Kinderbuch), Franz Hohler, Hanser-Verlag, Fr. 21.90.

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