«Wir Kinder vom Bahnhof Zoo»
Das wahre Leiden der Christiane F.

Berlin, Babystrich und Böses mehr: Das Drogenelend der «Kinder vom Bahnhof Zoo» funktioniert im Netz als überraschende Serie.

Daniele Muscionico
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Jan McKinnon als Christiane F. verkörpert das Schöne und das Schreckliche.

Jan McKinnon als Christiane F. verkörpert das Schöne und das Schreckliche.

Bild: Soap Images

Sie galt als die berühmteste ­Fixerin der alten Bundesrepublik Deutschland. Und auch in der Schweiz war Christina Fel­scherinow das Schreckgespenst aller Eltern und Pädagogen: Das Buch nach ihrem Lebensbericht, «Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo» (1978), wurde zum Kassenrenner und bei etlichen Lehrern sogar zur Pflichtlektüre. Die Kinoverfilmung drei Jahre später – vor der Kamera standen meist Laien – löste auch in der öffentlichen Debatte dieses Landes einen Heroin-Hype und eine Heroin-Hysterie aus.

Denn Ekel mischte sich mit Faszination. Verflixt ambivalent waren die Bilder der ausgemergelten Kinder, die in den elenden Strassen der Stadt für ­Drogen auf den Strich gingen, Plastikschläuche um die knochendünnen Arme, die Nadel zittrig in die letzte heile Stelle der Vene gedrückt. Westberlin war ein Drecksloch, der Bahnhof Zoo das Auffangbecken für eine verlorene Jugend.

Heute ist ganz Berlin auf Turkey

David Bowie lebte damals im Westteil der geteilten City. Er war Christianes Idol, hatte im Film sogar einen Auftritt, schrieb die Lieder und hatte mit «Heroes» die Hymne dazu gefunden. Er bezeichnete Berlin als die «Welthauptstadt des Heroins». Provinzblüten wie wir fanden Bowie zwar affig, aber wir lernten mit dem Buch unter der Bettdecke das Wort «Babystrich» und hörten zum ersten Mal den Begriff «H», die Abkürzung für Heroin.

Vierzig Jahre später ist nichts mehr, wie es war. Die Stadt ist Hauptstadt, clean, überteuert und schick, und auf Turkey, auf Entzug, ist hier nur noch, wer noch immer dem «echten» Berlin nachtrauert. Die Frage nach dem Original lässt sich auch für Christiane F. stellen, denn sie und ihre Clique haben sich von der Vorlage emanzipiert und suchen ihr Publikum im Netz.

Die 21-jährige Jan McKinnon, eine grosse Leistung, ersetzt die damals 13-jährige Natja Brunckhorst. Man folgt ihrer Suche nach dem Glück und nach dem richtigen Leben auf dem Sender Amazon Prime, portioniert in handlichen acht Episoden. Lehrbuchreif jedes Mal mit einem Cliffhanger versehen, und auf Entzug ist hier nur noch, wer noch immer dem «echten» Berlin nachtrauert. Der Regisseur Felix Kadelbach und das Autorenteam um Anette Hess sind Routiniers. Bowie ist nur noch eine Erinnerung, statt seiner Songs spielt man Eurodance aus den 90er-Jahren.

Die Freundes-Clique um Christiane F. (Dritte von links). Selbstsicherheit ist nur eine Pose.

Die Freundes-Clique um Christiane F. (Dritte von links). Selbstsicherheit ist nur eine Pose.

PD

Die eine Frage aber liegt auf der Hand: Muss das sein? Die Antwort lautet unmissverständlich: Ja! Denn während der Schweizer Film «Platzspitzbaby» die Sicht eines Opfers der Zürcher Drogenpolitik in den 90er Jahren erzählt (20 Jahre nach Christiane F.), wird dieser Report aus der Hölle allgemeiner. Er ist ein zeitloses Drama.

Hess’ kluge Adaption behandelt nicht in erster Linie den Mythos Heroin, der ohnehin längst entzaubert ist. Nicht der magische Flash von «H», sondern etwas Fundamentales verbindet die Generation Streaming mit dem Publikum von damals: Die Pubertät ist ein Katastrophengebiet. Egal zu welcher Zeit und in welcher Gegend. Die Selbstfindung kann ein Abenteuer sein, das gut oder schlecht ausgeht.

Ganz egal, was man sich spritzt, man schluckt oder schnüffelt: Die soziale Lage, das familiäre Umfeld sind ein entschiedener Teil des Trips. Auf diesen Punkt legt das Buch seine Finger. Es verortet die Kinder in ihrem Umfeld und lässt ihre Eltern zu Wort und ins Bild kommen, getreulich nach den Tonbandprotokollen der «Stern»-Journalisten, die über Christiane F.s Geschichte als erste berichteten.

Auch Mutterliebe ist ein Mythos

In jedem einzelnen Fall der Kinder zeichnet sich das Bild einer zerrütteten Herkunftsfamilie ab. Und die Brüche liegen nicht unbedingt an der Oberfläche. Disfunktional kann auch die Abwesenheit einer Mutter sein, weil sie auf Charity-Galas ihren Sinn eher erkennt als in der Mutterrolle. Denn, wo bleibt die Rolle und Verantwortung der Väter? Wer also ist hier die Schuldige, die Mutter.

In Christianes Clique wachsen die Kids entweder mit einer alkoholkranken Mutter, mit einer gleichgültigen oder mit einem traumatisierten weiblichen Vorbild auf.

Die Väter sind die Abwesenden, und das mehrt deren emotionale Leerstellen. Aus dem Einzelfall Christiane F. wird so ein Gesellschaftsbild um Christiane F. Doch wie in diesem Leben ohne Drogen überhaupt zu leben wäre – will man den Traum vom Glück nicht aufgeben –, darauf haben auch Erwachsene keine Antwort.

Der bittere Nachspann der Serie jedoch ist eine Meldung, die jüngst durch die deutschen Boulevardmedien geisterte. Christiane F., inzwischen 58 Jahre alt und lange Zeit clean gewesen, soll sich wieder in der Drogenszene bewegen. Nicht mehr am Bahnhof Zoo nun, sondern am Kottbusser Tor.

«Wir Kinder vom Bahnhof Zoo» läuft auf Amazon Prime.