Als William Shakespeare starb, gab es null Echo. Höchst erstaunlich für einen Schriftsteller seines Ranges. Aus dem Geschäft war er vor 400 Jahren zwar schon länger, aber für Mindere wurde beim Ableben erheblich mehr Aufwand getrieben. Auch sonst blieb vieles rätselhaft: Der Dichter, dem man den grössten Wortschatz, über den ein englischer Schriftsteller je verfügte, attestiert, erwähnte in seinem Testament nichts von Büchern. Und schon gar nicht von Manuskripten. Dafür Scheunen und andere Immobilien, Grundstücke – durchaus kein armer Mann, aber eher kein Mann des Wortes.

William oder Will Shaksper (die Schreibung seines Namens variierte stark) aus Stratford-upon-Avon, getauft am 26. April 1564, gestorben am 23. April 1616, hinterliess nämlich ein Testament. Ein Dokument von drei Seiten, dreifach unterschrieben, jedes Mal ein bisschen anders. Dort drin listet er fein säuberlich auf, was mit seinem irdischen Besitz geschehen soll. Interessant ist, was zwischen den Zeilen steht, dass die Ehefrau sein «zweitbestes Bett» bekommen soll. Man muss wissen, dass seine Frau acht Jahre älter war und übereilt geheiratet werden musste, weil die Tochter zu früh kam. Daran kaut die Shakespeare-Philologie.

Eine andere Ergänzung gibt noch mehr Rätsel auf: «. . . to my ffellowes John Hemynges, Richard Burbage & Henry Cundell XXVI s VII d A peece to buy them Ringes». Das waren die Schauspieler-Kollegen, die bedacht sein sollten (mit 16 Shilling 7 Pence), denn sie waren auch Geschäftskollegen. «Fellows» meinte damals, dass sie gemeinsam etwas besassen. Shaksper (Shaxberd oder wie immer) besass tatsächlich Jahre zuvor Theater-Anteile in London.

Der Shakespeare-Philologie ist dies willkommen: Sie kriegt einen starken Hinweis, dass der Mann aus Stratford wirklich der war, den man damals als Dichter kannte. Denn Heminges und Condell figurierten in der Werkausgabe von 1623, der sogenannten «First Folio» als Herausgeber. Das waren sie wahrscheinlich nicht, aber der Zusammenhang zwischen Stratford und den Stücken war damit noch ein bisschen stärker geknüpft.

Und damit wären wir beim Werk. Unbestreitbar Weltliteratur. Nach der Orthodoxie verfasst von einem – durchaus erfolgreichen – Geldverleiher und Geschäftsmann aus der Provinz, der einige Zeit seines Lebens – man weiss nicht genau, warum und wann – in London verbrachte und dort als Schauspieler am Theater auftauchte. Unter dessen Namen allerlei Theaterstücke kursierten, die erfolgreich gespielt wurden. Auch als Dichter war «Shake-Speare» präsent.

Die krakeligen Unterschriften haben allerdings die Frage aufgeworfen, ob er überhaupt schreiben (und lesen) konnte. Die Themen seiner Stücke, die umfassende Bildung, die sie verrieten, und vor allem, dass dieser Autor wusste, wie es beim Adel, am Hof und in fremden Ländern zuging, spitzen es zu: Waren jener Will Shaksper aus Stratford und William Shake-Speare (Shakespeare) auf den Titelblättern wirklich identisch?

Die Debatte tobt seit Jahrhunderten. Die «Stratfordians», die orthodoxe Lehrmeinung, sehen kein Autorproblem, nirgends steht, dass Shaksper nicht Shakespeare war. Andererseits sind sie gezwungen aus den dürren Facts aus dem Leben ihres genialen Dichters mit Unmengen von «dürfte», «könnte» und «hätte» die Karriere dieses literarischen Supergenies zu basteln. Gehört sich so: Bei einem Genie gibts nichts zu erklären.

Auf die Frage: Warum war ers nicht? findet man spielend Antworten. Da liegt vieles auf der Hand. Der Abstand zwischen dem Mann aus Stratford und dem Dramatiker in London (?) ist sehr gross. Der Provinzlümmel konnte das doch einfach nicht. Schwieriger ist die Frage: Wer sonst? und: Warum das alles?

Shakespeare-Kandidat Nummer 1: Edward de Vere (1550– 1604). Sein Problem: Er starb zu früh. Aber stimmen die üblichen Datierungen der Stücke?

Shakespeare-Kandidat Nummer 1: Edward de Vere (1550– 1604). Sein Problem: Er starb zu früh. Aber stimmen die üblichen Datierungen der Stücke?

Undenkbar, dass ein Mann gehobenen Standes als Autor oder sonst im Theater-Milieu tätig gewesen wäre. Das war – obwohl als Unterhaltungsgenre akzeptiert – Unterwelt pur. Wer sich hinter «Shaksper/Shake-Speare» verbirgt, dürfte am ehesten ein Adliger sein.

Kandidat Nummer 1 in der Debatte ist Edward de Vere, der Earl of Oxford. Seine Fans figurieren als «Oxfordianer». Auf ihn gibt es zahlreiche versteckte und offene Hinweise. Die Einleitungstexte der First-Folio-Ausgabe, verfasst vom Autor-Kollegen Ben Jonson, der auch der Herausgeber gewesen sein dürfte, strotzen vor Zweideutigkeiten.

Das Titelbild der Folio-Ausgabe – verlagsmässig ein grosses Risiko, denn ein solches Projekt war teuer, – ist derart dilettantisch, dass es gewollt sein muss. Die Proportionen stimmen nicht und die Figur trägt ein Wams, das aus Vorder- und Rückenseite zusammengesetzt ist. Jonson sagt: «Guckt nicht aufs Bild, schaut aufs Buch!»

Oxfords Motto war: «Vero nihil verius!» (Nichts ist wahrer als die Wahrheit!) und bietet sich für Wortspiele mit dem eigenen Namen an: «Every word bears my name.» Dazu gibt es im Text versteckte Anagramme.

Auch Kandidat: Francis Bacon, später Baron Verulam (1561–1626). Sein Problem: Hatte neben seinen vielen Ämtern kaum Zeit, all die Stücke zu schreiben.

Auch Kandidat: Francis Bacon, später Baron Verulam (1561–1626). Sein Problem: Hatte neben seinen vielen Ämtern kaum Zeit, all die Stücke zu schreiben.

Die klassische Lehrmeinung sieht ein Werk ohne Autor vor sich. Ist das möglich, dass einer «Hamlet» schreiben kann ohne persönliche Betroffenheit? Das Stück passt gut zur Biografie Oxfords. Vater gestorben, Mutter wieder geheiratet, auch das übrige Personal passt. Polonius, Ophelia, Laertes, Horatio, Francisco, Fortinbras – alle haben biografische Entsprechungen. Und da gibt es ja noch die Sonette von Shake-Speare. Auch dort wimmelt es von Anspielungen, die Widmung spricht von «our ever-living (poet)» – ersetze das «G» am Schluss durch ein «S», das «Nilvero verius»-Anagramm ist perfekt.

Seit Homer geistert «der Autor» durch die Literatur. Ein Mann/eine Frau – ein Werk. War «Shakespeare» gar ein Autorenkollektiv, dienten Name und Figur aus Stratford vielleicht als «Durchlauferhitzer» für Literatur, welche gewisse Persönlichkeiten des Elisabethanischen Englands nicht unter ihrem eigenen Namen publizieren konnten? Das wäre dann die Verschwörungstheorie hoch zwei – aber nicht viel weniger plausibel als die einfache Geschichte, dass ein möglicherweise illiterater Businessmann aus Stratford in der Freizeit Weltliteratur produzierte.