Sechs Tage lang hat der angesehene Häuptling der Kwakwaka’wakw-Indianer seine 300 Gäste im kanadischen Village Island bewirtet und beschenkt, bis er selbst völlig ruiniert war.

Schenkfeste verboten

Er verschenkte: mehrere Motorboote, zwei Dutzend Kanus, 30000 Decken, 1000 Säcke Mehl, etliche Musikinstrumente und Grammofone sowie wertvolle handgefertigte Masken, bündelweise Bargeld und natürlich unzählige Kleider und Schmuckstücke für die Damen.

Damit hat er allerdings gegen ein Gesetz verstossen, dass 1884 erlassen wurde, um genau diese Art des Schenkens zu unterbinden, die sich Potlatch nennt. Potlatch heisst in der Sprache der indianischen Ureinwohner des Nordwesten Amerikas, den Chinook, so viel wie «Gabe» oder auch «geben» und bezeichnet ein Geschenkfest, das traditionellerweise im Winter abgehalten wird.

Seit dem Verbot versuchen nun einige gewitzte Indianer wie Daniel Cranmer den wahren Grund der Feierlichkeiten zu verschleiern, indem sie ihr Potlatch ganz einfach zur
Zeit des christlichen Weihnachtsfestes abhalten. Der grosse Potlatch an Weihnachten im Jahre 1921 war für Daniel Cranmer vorerst der letzte.

Den ganzen Besitz verschenkt

Der Chinook-Experte George Shaw beschreibt, worum es beim Potlatch geht: «Gäste aus nah und fern werden eingeladen, um am Fest teilzuhaben. Es wird gefeiert, getanzt und gesungen. Dann wird der ganze Besitz verschenkt und unter den Gästen verteilt. In nur einer einzigen Stunde wird so das gesamte Hab und Gut weggegeben, das ein Leben lang angesammelt wurde. Ein Häuptling wird so im Handumdrehen völlig mittellos. Aber er wird dafür belohnt mit dem Ansehen und dem Respekt seiner Gäste.»

Ja mehr noch: Je wertvoller und reichhaltiger die Geschenke sind, die den Gästen überreicht werden, desto grösser wird dadurch auch das Ansehen des Schenkenden und seiner gesamten Ahnenreihe in der indianischen Gesellschaft. Kein Wunder, dass selbst Häuptlinge in ihrem ganzen Leben nur ein Potlatch ausrichten, höchstens zwei. Die indianische Kultur und das traditionelle Geschenkfest eskalieren jedoch mit der Ankunft der ersten Europäer im Nordwesten Amerikas.

Bis dahin wird das Potlatch nur zu besonderen Anlässen abgehalten, etwa, wenn ein Häuptling stirbt und ein neuer bestimmt werden muss, zur Geburt des ersten Sohnes oder wenn ein Geburtstag einer hochrangigen Persönlichkeiten oder eine Hochzeit in der Oberschicht des Stammes gefeiert wird.

Beim Potlatch werden bestimmte Titel weitergegeben, Privilegien und auch die bei den Indianern so wichtigen Namen. All das muss von den anwesenden hochrangigen Gästen bezeugt werden. Mit den Europäern, die ins Land kommen, prallen nun die Kulturen aufeinander. Der ursprüngliche, spirituelle und soziale Charakter des Potlatchs wird jetzt mehr und mehr vom materielleren Denken der Europäer verdrängt. Erstmals ist es den Indianern auch möglich, mit geregelter Arbeit Geld zu verdienen und anzuhäufen, ja sogar Schulden zu machen.

Im Zuge des Goldrausches kommen einige von ihnen quasi über Nacht zu gewissem Reichtum. Parallel dazu findet ein Generationswechsel in den Stammesgemeinschaften statt: Immer mehr der erfahrenen und traditionell denkenden Älteren fallen den Kriegen mit den Weissen oder den von ihnen eingeschleppten Krankheiten zum Opfer. Die jungen, unerfahrenen Häuptlinge wiederum finden Gefallen an Geld und Besitz.

Geschenkwettbewerbe

Plötzlich leisten sich auch ärmere Stammesangehörige das traditionelle Potlatch der Oberschicht, während die jungen Häuptlinge geradezu darin wetteifern, sich mit immer wertvolleren Geschenken gegenseitig zu übertrumpfen. So werden beispielsweise die handgefertigten und kostbar bestickten Decken noch weiter aufgewertet, indem man ihnen Geldscheine anheftet. Ganze Stämme treten nun in regelrechte Geschenkwettbewerbe.

Schliesslich eskaliert das Potlatch: Die kostbarsten Geschenke werden vor den Augen der Anwesenden zerstört, damit demonstrieren die rivalisierenden Häuptlinge und Stämme ihre Macht. Der Mindener Anthropologe und Ethnologe Franz Boa, der das Geschenkfest Potlatch jahrelang erforscht hat, schreibt darüber in einer viel beachteten wissenschaftlichen Arbeit: «Wenn der Rivale nun nicht in der Lage ist, seinerseits einen noch kostbareren oder zumindest doch gleichwertigen Gegenstand zu zerstören, dann bedeutet das, dass sein guter Name zerstört, also sein guter Ruf beschädigt ist.»

Das Potlatch führt so im Laufe der Zeit dazu, dass sich mehr und mehr Häuptlinge vollkommen ruinieren, ja ganze Stämme völlig mittellos dastehen. Die kanadische Regierung erkennt bald die Bedeutung des Geschenkefestes für die indianische Kultur, aber auch die zerstörerische Sprengkraft, die es angenommen hat, und verbietet das Potlatch kurzerhand im Jahre 1884. Zuwiderhandlungen werden mit zwei bis sechs Monaten Gefängnisaufenthalt bestraft. Erst 1951, als die Kultur der indianischen Ureinwohner wieder mehr geachtet wird, lassen die Behörden das traditionelle Geschenkefest wieder zu.