Klassiktalk auf dem Pilatus: Wie man die musikalische Lust bewahrt

Wer Niveau und geistigen Austausch sucht, ist am Musikfestival auf dem Pilatus genau richtig. Neben der berauschenden Musik der Romantik lässt sich im Austausch mit den Künstlern auch gar manch interessantes Detail erfahren.

Roman Kühne
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Pianist Kirill Gerstein stellte für den Pilatus ein Trio zusammen. Bild: Marco Borggreve/PD

Pianist Kirill Gerstein stellte für den Pilatus ein Trio zusammen. Bild: Marco Borggreve/PD

Lage, Lage, Lage – der Ausgangspunkt aller Immobilien-Philosophien und Begehrlichkeiten ist auch im Kunstbereich relevant. Besonders trifft dies auf die Festivalserie «Gipfelwerke auf dem Pilatus» zu. Bereits zum dritten Mal lädt das Luzerner Sinfonieorchester Künstler ein, hoch über den Nebelniederungen, das Publikum zu verführen. Denn fast grösser noch ist das Vergnügen, wenn man, wie am Samstagnachmittag, bei der Anreise plötzlich die milchige Wand durchbricht und in den Sonnenschein gerät.

Ein weiteres Erfolgsdetail ist die familiäre Atmosphäre, in der diese Konzerte stattfinden. Viele der Musikinteressierten übernachten gleich auf dem Pilatus und finden so genügend Zeit, sich beim gemeinsamen Nachtessen oder beim Brunch am Sonntagmorgen über das Gehörte auszutauschen. Regula und Lukas Briellmann aus Root zum Beispiel, das erste Mal an den «Gipfelwerken», geniessen es, sich mit anderen Besuchern zu unterhalten. Die intime Atmosphäre, der Kontakt mit den Musikern erinnert sie an ihre Hauskonzerte, die sie früher in ihrem Heim organisierten. Auch Theres Marti aus Basel ist begeistert. «Vorletztes Jahr machte ich Ferien in Weggis und sah ein Bild in der ‹Luzerner Zeitung›, wie man ein Klavier auf den Pilatus transportierte. Da habe ich spontan Tickets gebucht und bin seither jedes Jahr mit Freunden gekommen.» Ihr gefällt, dass hier «alles Leute sind, die sich wirklich für die Musik interessieren. Zusammen mit der fantastischen Natur und Aussicht gibt dies eine hinreissende Atmosphäre.» Noch das Tüpflein auf dem i sind die Steinböcke, die sich nahe beim Hotel präsentieren.

Rauschende Romantik

Natürlich wird vor allem Musik gemacht – exzellente Musik. Die drei Wochenenden sind ganz Robert Schumann gewidmet, dem «romantischsten» Komponisten dieser Epoche. Und wie in den letzten Jahren ergeben sich spezielle Kombinationen, treffen Solisten aufeinander, die sonst nie zusammen spielen.

An diesem Weekend ist es der russische Pianist Kirill Gerstein, der eine Carte Blanche erhält. Er lädt den Cellisten Clemens Hagen ein, der mit dem gleichnamigen Quartett diese Musik während den letzten 30 Jahren prägte. Und an der Violine spielt Veronika Eberle, das einstige Wunderkind, welches schon mit 16 Jahren bei den Berlinern unter Simon Rattle debütierte. Die drei Musiker sorgen in abwechselnder Besetzung dafür, dass vor allem am gestrigen Sonntagmorgen sich das romantische Feuer zu einem wahren Flächenbrand entwickelt. Die Sonate für Violine und Klavier Nr. 3, Gemeinschaftswerk von Schumann und seinen Schülern Albert Dietrich und Johannes Brahms, ist in der Interpretation von Veronika Eberle und Kirill Gerstein einer der Höhepunkte dieses Wochenendes.

Leidenschaftlich zeichnen die zwei Musiker die wogende Aufregung der Komposition. Ohne einmal nachzulassen schwingt sich die deutsche Geigerin auf ihrer Violine empor, geht heftig durch die seelischen Qualen. Eine Gefühlsturbulenz, die erst in den finalen Doppelgriffen des ersten Satzes eine einstweilige Klimax findet. Ein natürlicher Sog, in dem es einfach fliesst und drängt. Herrlich, wie sie im Intermezzo mit dem Ton spielt, den entlegensten Pianissimi Sehnsucht und Begierde gibt. Romantik pur.

Programmänderung als Lebensspiegel

Clemens Hagen versieht die beiden Cellostücke von Schumann («Fünf Stücke im Volkston» und «Adagio und Allegro für Violoncello», op.70) mit der gleichen Leidenschaft. Hervorragend harmoniert der Cellist mit Kirill Gerstein. Beide spielen sie mit einem sehr bestimmten, klaren, ja männlich dominantem Klang.

Fast wohltuend sind da die schlanken Mittelsätze, die das Duo schmal, leicht und ergreifend zeichnet. Wie ist es möglich, sich ein ganzes Musikerleben lang solch packende Leidenschaft zu bewahren? Auch solche Fragen können mit den Musikern beim Nachtessen diskutiert werden. «Für mich ist die Abwechslung sehr wichtig», erklärt der 52-jährige Clemens Hagen. «Im Hagen-Quartett sehen wir uns pro Jahr nur sieben Mal für etwa 10 bis 14 Tage.» Den Rest der Zeit mache jeder, was ihn sonst interessiert. «So freue ich mich jedes Mal sehr, meine Kollegen wieder zu sehen, das neue Projekt zu starten.»

Pianist Kirill Gerstein sieht dies ähnlich. Für den vielinteressierten Musiker – beim Abendessen ist auch die neue Musik von Star Wars ein Thema – ist es schwierig, Programme zwei Jahre im Voraus festzulegen. «Es kann so viel passieren in dieser Zeitspanne. Wie soll ich jetzt wissen, welche Stücke, ja welche Musik mich im Jahre 2020 interessiert. Für ein gutes Konzert ist es wichtig, etwas zu spielen, das mir in diesem Moment am Herzen liegt, mein Leben spiegelt.»

Von dieser Freiheit macht er am Samstagabend bei seinem Soloauftritt – er absolviert an diesem Wochenende ein Marathonprogramm – reichlich Gebrauch. Ändert er doch gleich alle Stücke des Programms. Sein oft harter Anschlag, seine ausholende dominante Interpretationsweise passt nicht so gut zur Klaviersonate in fis-Moll von Brahms, macht aber aus dem «Carnaval» von Schumann ein begeisterndes Aquarium voll der unterschiedlichsten Fische – witzig, skurril, nachdenklich und beschwingt. Das Publikum ist nach diesem Wochenende begeistert und begibt sich nur ungern vom fürstlichen Berg hinab in die nebligen Lagen.

«Gipfelwerke auf dem Pilatus» mit Martin Helmchen (Piano), Julian Prégardien (Tenor) und Stephen Waarts (Violine), Samstag, 27.10., 18.30 Uhr und Sonntag, 28.10., 10.00 Uhr, Hotel Pilatus-Kulm. Infos: www.sinfonieorchester.ch