Kultur

Wie ist es eigentlich, den ersten Roman zu schreiben? Vier Autorinnen und Autoren über Lust, Frust und plötzliche Ideen

Lukas Linder wollte seinen Debüt-Roman schreiben, wenn er alt ist - zum Glück kam es anders.

Lukas Linder wollte seinen Debüt-Roman schreiben, wenn er alt ist - zum Glück kam es anders.

Am Bodensee startet eine neue Lesereihe: Vier Autorinnen und Autoren lesen aus ihren Debüts. Uns haben Sonja M. Schultz, Kenah Cusanit, Ariela Sarbacher und Lukas Linder erzählt, wie es ist, ein erstes Buch zu schreiben. Woran man zweifelt, was einen trotzdem antreibt. Und wie es ist, das fertige Buch in der Hand zu halten.

«Einen Debüt-Roman schreibe ich, wenn ich alt bin», dachte der Zürcher Lukas Linder. Dann aber besann er sich eines Besseren und schrieb die ersten vier, fünf Seiten «quasi ohne Pause in einem Atemzug herunter». Der 35-Jährige erinnert sich, dass er damit «einen Erzähler und einen Tonfall gefunden (hatte), der mir gefiel».

Der Roman sei dann aus der Lust entstanden, «mehr über diesen Tonfall herauszufinden: Was ist das für ein Mensch, der so spricht?» Das Ergebnis ist «Der Letzte meiner Art», 272 Seiten, erschienen im Zürcher Verlag Kein & Aber.

Das erste Mal, das ist immer etwas Besonderes. Auch für Autoren. Alles ist neu, ungewohnt, fremd. «Es ist die Anmeldung einer Stimme. Es ist Ansage. Alles ist Anfang.» Mit diesem Zitat des Schweizer Schriftstellers Paul Nizon wirbt das Festival «Debüts. Der erste Roman» für vier Lesungen am Bodensee: in Konstanz, Gottlieben und Kreuzlingen. Organisiert und konzipiert wurde das Festival von Judith Zwick, unterstützt vom Kulturfonds der Stadt Konstanz.

Autorin Ariela Sarbacher hat den letzten Satz des Debütromans geschrieben: «Es gibt nicht mehr darüber zu sagen.»

Autorin Ariela Sarbacher hat den letzten Satz des Debütromans geschrieben: «Es gibt nicht mehr darüber zu sagen.»

Kulturvermittelnde haben eine Auswahl getroffen, die breiter nicht sein könnte: Hier die 40-jährige Kenah Cusanit, deren Roman «Babel» über den Archäologen Robert Koldewey im renommierten Hanser-Verlag erschienen ist, in allen wichtigen Feuilletons euphorisch besprochen und sogar für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde. Und dort die 54-jährige Zürcherin Ariela Sarbacher, die aus ihrem Manuskript «Der Sommer im Garten meiner Mutter» liest, das gerade noch lektoriert wird und im Frühjahr 2020 im Bilgerverlag erscheinen wird. Und dazu die 44-jährige Hamburgerin Sonja M. Schultz mit ihrem rotzfrechen «Hundesohn», einer Geschichte von der Reeperbahn, im Zürcher Kampa-Verlag erschienen.

Autorin Kenah Cusanit war mit ihrem Debütroman «Babel» für den Buchpreis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Autorin Kenah Cusanit war mit ihrem Debütroman «Babel» für den Buchpreis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Romanfiguren sind wie alte Freunde

Allen vieren schickte diese Zeitung einen kleinen Fragebogen zu den Erfahrungen mit ihrem Debüt. Sarbacher also kennt das zwiespältige Gefühl noch nicht, das Cusanit und Linder befiel, als das fertige Buch vor ihnen lag. Zuerst sei sie befreit gewesen, schreibt Cusanit. Dann aber spürte sie einen grossen Verlust, denn die Romanfiguren seien «wie alte Freunde aus einer gemeinsam erlebten Zeit, an die ich mich wehmütig erinnere, weil sie vergangen ist und meine Freunde (erneut) gestorben sind».

Linder war regelrecht irritiert, als er das fertige Buch sah: «Nur schon das Schriftbild ist anders. Man schlägt es auf und ist sich nicht ganz sicher, ob man das wirklich geschrieben hat.»

Den letzten Satz hat auch Sarbacher schon geschrieben. «Ich war überrascht», schreibt sie. «In meinem Eifer hätte ich vielleicht weitergemacht». Aber dann habe sie festgestellt: «Es gibt nicht mehr darüber zu sagen.»

Plötzlich war da ein grossmäulige Typ

Woher kommen die Figuren, die einen in so vielen Stunden vor dem Computer begleiten? Manche setzen sich hin, um eigene Erlebnisse aufzuschreiben. «Die blosse Tätigkeit, mit einem Stift in der Hand meine Worte auf ein Blatt Papier zu bringen, gab mir ein wenig Sicherheit zurück», schreibt Ariela Sarbacher; es habe ihr gezeigt, «dass es noch etwas gab, woran ich mich halten konnte».

Andere, wie Kenah Cusanit, stolpern über Merkwürdigkeiten: Ihr fiel im Berliner Pergamonmuseum auf, «dass man dort zwar viel über die altorientalischen Kulturen erfährt , aber kaum etwas darüber, wie deren Zeugnisse überhaupt nach Berlin gelangt sind oder – viel spannender eigentlich – warum überhaupt». Eine Recherche zeigte ihr, dass sie auf ein grosses Thema gestossen war.

Plötzlich war da dieser grossmäulige Typ, der sie nicht mehr losliess: Schriftstellerin Sonja M. Schultz über ihre Romanfigur Hawk.

Plötzlich war da dieser grossmäulige Typ, der sie nicht mehr losliess: Schriftstellerin Sonja M. Schultz über ihre Romanfigur Hawk.

Andere Figuren kommen zu Besuch und gehen dann einfach nicht mehr weg. So wie es Lukas Linder beschreibt und – noch deutlicher – Sonja M. Schultz. Nach einem intensiven Kreativcamp-Wochenende, an dem sie mit Kollegen nicht nur einen alten Bauernhof aufgeräumt hatte, sondern auch «Musik gemacht, geschrieben, im Wald merkwürdige Zeremonien abgehalten» hatte, entstand aus der aufgekratzten Stimmung heraus auf der Rückfahrt «ein grossmäuliger Typ namens Hawk, der viel Zeit in Bars verbrachte und in nicht näher definierte halbseidene Geschäfte verwickelt war».

Der merkwürdige Geselle liess sie nicht mehr los, entwickelte ein Eigenleben, «war unglücklich verliebt, trank inzwischen eindeutig zu viel – und war einer mysteriösen Sache auf der Spur».

Viel Kaffee, wenig Bewegung

Ein Buch zu schreiben ist eine Zeit mit viel Kaffee und wenig Bewegung. Anstrengend für die Schreibenden, aber auch für Partner, Freunde, Bekannte. Keiner der vier hatte anscheinend grosse Mühe, einen Verlag zu finden.

Manchen halfen Agenten und Lektoren, die einem auch mal im Nacken sitzen und Druck machen, wie Cusanit beschreibt. Einen Verlag fand auch sie bald: Das Buch sei damit «von einem Tag auf den anderen bei mir aus- und woanders eingezogen. Schockierend eigentlich.»

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