Wir sind uns von Hollywood schon einiges gewohnt. James Bond, der auf einem Motorrad durch engste Gassen rast; Superman, der mit blossen Händen Kugeln einfängt; Vin Diesel, der mit seinem Sportwagen von einem Turm des Burj Khalifa in den gegenüberliegenden springt.

Eine Mischung aus ausgefeilten Computertricks und mutigen Stuntleuten machts möglich. Auch die «Mission: Impossible»-Filme mit Tom Cruise sind gespickt mit ähnlich spektakulären Szenen. Mit dem Unterschied, dass hier weder Computertricks noch Stuntleute nachgeholfen haben.

Seit 1996 spielt Cruise in diesen Filmen den Geheimagenten Ethan Hunt, diese Woche startet mit «Mission: Impossible – Fallout» bereits der sechste Teil in den Schweizer Kinos.

Der Filmtrailer:

Youtube/ParamountPictures

Auch wenn der 56-jährige Hollywoodstar hin und wieder für andere Filme vor die Kamera steht: Die «Mission»-Filme sind seine grosse Passion. Denn in ihnen kann er sich austoben.

Von Film zu Film gefährlicher

Davon zeugen die vielen Stunts, die Cruise ausnahmslos selbst ausführt und die von Film zu Film waghalsiger werden. Im vierten «Mission: Impossible» etwa kletterte er in mehreren hundert Metern Höhe der Aussenwand des Burj Khalifa entlang, in Teil fünf klammerte er sich gar an die Aussenseite einer abhebenden Airbusmaschine.

Die Videos auf den DVDs, die diese Aktionen dokumentierten, sind bisweilen spannender als die Filme selbst.

Mit «Mission: Impossible – Fallout» will Cruise nun alles toppen. Er hat innerhalb von 18 Monaten eine Ausbildung zum Helikopterpiloten gemacht, um für eine Filmszene kopfüber und in einer schwindelerregenden Abwärtsspirale durch einen engen Canyon navigieren zu können.

Sicherheitsseil wegretuschiert, alles andere echt: Tom Cruise macht all seine Stunts selbst.

Sicherheitsseil wegretuschiert, alles andere echt: Tom Cruise macht all seine Stunts selbst.

Und zwar selbstständig, wie Regisseur Christopher McQuarrie in einem Interview betonte: «Tom sitzt in dieser Filmszene alleine im Helikopter. Er ist gleichzeitig der Schauspieler, der Kameramann und der Pilot. Ein Fehler, und er ist tot.»

So weit kam es nicht, aber bei einem anderen Stunt brach sich Cruise den Fuss.

Mit Verlaub: Warum geht ein hoch bezahlter Filmstar solche Risiken ein? Und warum lässt man ihn? Tatsächlich hat die Versicherungsgesellschaft des Filmstudios einst gegen seinen Stunt am Burj Khalifa protestiert. Worauf Cruise den Vertrag mit der Versicherung auflöste.

Der Schauspieler ist inzwischen auch Produzent bei den «Mission»-Filmen und steckt sein eigenes Geld in sie. Sprich: Er kann tun und lassen, was er will. Und in seinem Fall ist es mehr tun als lassen.

So auch den sogenannten HALO-Sprung. Bei diesem militärischen Manöver springt ein Soldat in einer Höhe von über 7000 Metern aus einem Flugzeug und öffnet seinen Fallschirm zwecks Tarnung so spät wie möglich (HALO steht für «high altitude, low open»).

Cruise wollte eine solche Szene unbedingt in «Fallout» haben. Bis sie im Kasten war, sprang er 106 Mal aus dem Flugzeug.

Der Dreh des HALO-Sprungs:

Youtube/ParamountPictures

Ist Tom Cruise süchtig nach dem Nervenkitzel? In einer amerikanischen Talkshow erzählte er kürzlich, dass er bereits als Vierjähriger von Hausdächern gesprungen sei und dass dieser Drang in ihm seither nicht schwächer geworden ist.

Und: «Ich kann nicht anders, als bei allem, was ich tue, immer einhundert Prozent zu geben.»

Paramount, das Filmstudio hinter «Fallout», hat natürlich sein gesamtes Marketing auf die Actionszenen ausgerichtet und unzählige Erklärvideos ins Netz gestellt, die beweisen sollen, was für ein Draufgänger Cruise ist.

Normalerweise ist das ein schlechtes Zeichen, ein Indiz für viel Spektakel ohne Inhalt.

Auf der Suche nach gestohlenen Atombomben: die Agenten Benji (Simon Pegg), Ilsa (Rebecca Ferguson), Ethan Hunt (Tom Cruise), Luther (Ving Rhames).

Auf der Suche nach gestohlenen Atombomben: die Agenten Benji (Simon Pegg), Ilsa (Rebecca Ferguson), Ethan Hunt (Tom Cruise), Luther (Ving Rhames).

Und tatsächlich ist der Plot von «Fallout» nicht wirklich einfallsreich: Agent Ethan Hunt jagt dieses Mal nach einer mysteriösen Anarchisten-Gruppe, die aus drei gestohlenen Plutonium-Kugeln Atombomben basteln will.

Regisseur McQuarrie liess denn auch durchblicken, dass zum Drehstart noch kein fertiges Drehbuch vorlag.

Kompromisslose Hingabe

Doch dem Filmspass tut die lahme Story für einmal keinen Abbruch. Im Gegenteil: Wenn Cruise sich während der zweieinhalb Filmstunden von einer waghalsigen Situation in die nächste stürzt, ist das so nervenaufreibend, wie wenn man im Zirkus jenen tollkühnen Artisten zuschaut, die komplett ohne Sicherheitsnetz durch die Lüfte wirbeln.

US-Filmkritiker wollen in «Fallout» einen der «besten Actionfilme aller Zeiten» sehen, mit Sicherheit ist er der beste «Mission»-Film.

Autsch! Bei diesem waghalsigen Stunt brach sich Tom Cruise den Fuss.

Autsch! Bei diesem waghalsigen Stunt brach sich Tom Cruise den Fuss.

«Ich werde euch nicht enttäuschen», sagt Ethan Hunt in einer Filmszene zu seinem Team. Es ist das gleiche Versprechen, das Tom Cruise gegenüber seinem Publikum macht.

Für seine kompromisslose Hingabe wird der Schauspieler nun gefeiert, Scientology und dubiose Trennungsgeschichten aus seiner Vergangenheit sind plötzlich ganz weit weg.

«Wieso stirbst du nicht?», fragt sein Widersacher im Film. Die Antwort: Tom Cruise hat sich unsterblich gemacht. Inmitten der heutigen Flut von Superheldenfilmen mit ihrem digitalerzeugten Spektakel steht er für ehrliche Filmhandarbeit.

Maximales Risiko mit maximaler Wirkung. Deshalb ist er in den Augen seiner Fans der letzte echte Filmstar.

Mission: Impossible – Fallout (USA 2018). 147 Min. Regie: Christopher McQuarrie. Ab jetzt im Kino. ★★★★☆