Neuer Kinofilm

Wie Affen dank modernster Filmtechnologie das Kino erobern

Schauspielerei ohne Grenzen: Andy Serkis verwandelt sich dank Performance Capturing in Filmkreaturen wie Gollum, King Kong und den smarten Affen Cäsar. Auch im neuen Film «War for the Planet of the Apes» kommt die Technologie zum Einsatz.

Es ist eine der berühmtesten Schlussszenen der Filmgeschichte: Der von Charlton Heston gespielte Astronaut entdeckt in «Planet of the Apes» (1968) an einem Strand die Überreste der Freiheitsstatue — und realisiert, dass der von Affen regierte Planet in Wirklichkeit die Erde ist. Zerstört durch einen Atomkrieg. «Ich verfluche euch alle», schreit Heston verzweifelt. Der Film war ein Hit und zog etliche Fortsetzungen nach sich, die an den Kinokassen zusammen schon über 1,7 Milliarden Dollar eingespielt haben.

War for the Planet of the Apes – der Trailer

War for the Planet of the Apes – der Trailer

2011 startete eine neue Filmtrilogie über die Vorgeschichte des Heston-Films. Der Held dieser Filme heisst Cäsar und ist der erste intelligente Affe. Für «War for the Planet of the Apes» (ab nächster Woche im Kino) ist der britische Schauspieler Andy Serkis nun bereits zum dritten Mal in das Fell von Cäsar geschlüpft – mithilfe der Performance-Capturing-Technologie. Serkis hat so bereits andere Kinokreaturen wie Gollum in «The Lord of the Rings» und King Kong zum Leben erweckt. Wir trafen den 53-Jährigen in Berlin zum Gespräch.

Andy Serkis, Ihre Filmfiguren sind berühmt, doch Ihr eigenes Gesicht sehen wir im Kino nur selten. Warum?

Andy Serkis: Schauspielerei ist für mich die Kunst, sich zu verwandeln. Das ist die pure Freiheit. Je stärker sich eine Filmfigur von mir unterscheidet, desto mehr reizt sie mich. Früher glaubte ich auch, ich könnte auf diese Art anonym bleiben.

Und heute? Werden Sie auf der Strasse erkannt?

Inzwischen schon. Menschen kommen auf mich zu und fragen mich, ob ich ihnen etwas mit Gollums Stimme vorsprechen könnte.

Sie haben Gollum mehr als nur Ihre Stimme geliehen. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Regisseur Peter Jackson flog mich damals nach Neuseeland. Ich dachte zunächst wirklich, dass er bloss meine Stimme braucht. Gollum ist ja klein und spindeldürr, kein Schauspieler dieser Welt könnte ihn spielen. Doch Peter wollte unbedingt, dass ich auch vor die Kamera stehe, damit sich die anderen Darsteller Gollum nicht bloss vorstellen mussten. Das klappte so gut, dass Peter all meine Bewegungen auf dem Computer auf die Filmfigur kopieren liess. Später wurden auch Gollums Gesichtszüge meinen angepasst. Das bedeutet: Alle schauspielerischen Entscheidungen, die meine Filmfigur betreffen, fälle ich – und nicht die Computeranimatoren.

Seither sind Sie auf solche Performance-Capture-Rollen abonniert. Macht Ihnen das nichts aus?

Im Gegenteil. Ich kann dank Performance Capture jede erdenkliche Rolle spielen, genau das liebe ich daran. Wenn ich eine Krimiserie gedreht hätte und danach nur noch Angebote für andere Krimis erhalten würde, dann würde ich mir Sorgen machen (lacht).

In «War for the Planet of the Apes» spielen Sie nun zum dritten Mal den Affenanführer Cäsar. Er sieht inzwischen fotorealistisch echt aus.

Es ist unglaublich, was heute möglich ist. Die Augen, das Fell, die Textur – alles ist so detailliert. Wenn ich Cäsar spiele, ist es, als würde ich eine digitale Maske tragen, die jede Nuance meines Spiels übermittelt.

Im Film herrscht zwischen Menschen und Affen Krieg. Cäsar begibt sich auf einen Rachefeldzug. Wie war es, zum ersten Mal seine dunkle Seite zu spielen?

Der Film führt meine Figur an einen völlig neuen Ort. Zu Beginn glaubt Cäsar noch an ein friedliches Zusammenleben mit den Menschen. Doch dann passiert etwas, das ihn mit Hass erfüllt. Er wird zum Gegenteil von dem, was er einst war. Der Film ist richtig düster. Ich habe keine fröhlichen Erinnerungen an den Dreh. Wir filmten bei eisigen Temperaturen in Kanada. Und ich musste zu dieser Zeit auch einen privaten Verlust verarbeiten.

Sie haben für die Rolle echte Schimpansen studiert. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie Affen in einem Zoo sehen?

Ich spüre eine Verbindung zu ihnen. Ich habe viel Zeit mit Affen verbracht und weiss, dass sie zu grosser Empathie fähig sind. Aber den ganzen Tag angestarrt zu werden, finden sie alles andere als toll. Es gibt einige gute Zoos, die richtige Affen-Habitate mit Rückzugsmöglichkeiten gebaut haben. Doch andere Zoos sind wie Gefängnisse. Das ist furchtbar. Eingesperrt zu sein ist für einen Affen ähnlich schlimm wie für einen Menschen.

Mit dieser Ähnlichkeit spielen die «Planet of the Apes»-Filme.

Das ist das Geniale an ihnen. Diese Filme diskutieren aus der Sicht von Affen, was es bedeutet, Mensch zu sein. Sie halten uns den Spiegel vor, wir erkennen uns in diesen Affen wieder. Cäsar ist mit Menschen aufgewachsen und verhält sich deshalb sehr menschlich. Aber im neuen Film nimmt seine primitive Seite überhand, er lechzt nach Blut und Vergeltung. Das ist der eigentliche Krieg, um den es hier geht.

Sehen Sie Cäsars Rachedrang auch als Metapher für das aktuelle Weltgeschehen?

Absolut. Dieser Film spricht an, was passiert, wenn wir unser Mitgefühl verlieren – für Menschen, für unsere Welt, für unser Klima. Unsere politischen Anführer geben derzeit kein gutes Beispiel ab. Sie haben Angst und dämonisieren deshalb alles, was anders ist.

Sie arbeiten auch hinter der Kamera und drehen zurzeit eine neue Verfilmung des «Dschungelbuchs». Wie wird sich Ihr Film von der Disney-Version von 2015 unterscheiden?

Disneys «Dschungelbuch» war ein Film für Kinder. Meine Version ist dunkler, wilder und damit näher an Kiplings Romanvorlage. Der Disneyfilm wurde komplett im Computer animiert. Wir haben in Südafrika an echten Schauplätzen gedreht, mit echten Schauspielern. Und wir haben die Tiere so gestaltet, dass man in ihren Gesichtern die Mimik von Benedict Cumberbatch, Christian Bale und den anderen Darstellern erkennt. Die Story mag dieselbe sein, aber der Filmstil ist komplett anders. Man kann ja auch «Hamlet» auf tausend verschiedene Arten machen.

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