«Jimi Hendrix hatte keine Hits», sagte Strokes-Sänger Julian Casablancas in diesen Tagen dem «Rolling Stone» und erntete mit seiner Bemerkung einen Shitstorm. Natürlich ist Casablancas Aussage in dieser Absolutheit nicht haltbar. Doch so ganz falsch liegt er auch wieder nicht. Denn das Album «Electric Ladyland» (1968) war Hendrix’ einzige Nr.-1-Platzierung. Schon in den amerikanischen Singles-Jahrescharts jener Jahre sucht man den Namen Hendrix vergebens. Und auch in Grossbritannien sind seine bekanntesten Songs «Hey Joe», «Purple Haze», «The Wind Cries Mary» und «All Along The Watchtower» erst in den hinters- ten Rängen der Top 100 zu finden.

Jimi Hendrix war kein Hitschreiber. Sein damaliger Erfolg steht in keinem Verhältnis zu seiner immensen musikhistorischen Bedeutung. Hendrix war damals eine Sensation, ein Innovator und Revolutionär. Zum Gitarren-Gott für die breite Masse ist er erst im Laufe der Jahre geworden. Im Gitarren-Olymp ist er dafür bis heute geblieben. Unsterblich! Bald 48 Jahre nach seinem tragischen Tod ist die Nachfrage nach unveröffentlichten Aufnahmen des Gitarren-Genies ungebrochen.

Keine neuen Erkenntnisse?

Auch in diesen Tagen. Mit «Both Sides Of The Sky» ist jetzt der letzte Teil der Trilogie des Produzenten Eddie Kramer erschienen. Das Album mit zehn unveröffentlichten Aufnahmen (von total 13 Songs) offenbart keine grundlegend neuen Erkenntnisse, bietet aber spannenden Stoff aus der Spätphase von Hendrix’ Karriere. 1969 war ein Jahr des Übergangs. Die heilige Dreifaltigkeit in der «Experience» war dahin, ausgereizt. Hendrix entdeckte den Soul, versuchte, zu neuen Ufern aufzubrechen, merkte aber, dass das mit Mitch Mitchell und Noel Redding nicht möglich war.

Aufbruch

Dazu bietet das Album einen wunderbaren Hörvergleich: «Hear My Train A Coming», die letzte Studiosession der «Experience» vom April 1969, steht für den Blues-Rock der «Experience» und den musikalischen Stillstand. «Manish Boy», nur zwei Wochen später mit Billy Cox (Bass) und Buddy Miles (Drums) aufgenommen, steht dagegen für den Aufbruch. Hendrix interpretierte den alten Muddy-Waters-Klassiker so funky wie nie und deutet an, wohin die Reise mit der späteren «Band Of Gypsys» Ende 1969 weitergehen sollte.

Ein besonderes Schmankerl sind auch zwei Aufnahmen mit Stephen Stills. Hendrix lernte den Sänger am Monterey Festival 1967 kennen und lud ihn zwei Jahre später, kurz nach Woodstock, in sein Studio ein. Dort interpretierten sie den Joni-Mitchell-Song «Woodstock». Wenige Monate danach landete Stills mit demselben Song in der Version von Crosby, Stills, Nash & Young einen Hit. Hendrix wirkte auch bei den Aufnahmen für das Solo-Debüt von Stills mit. Die Veröffentlichung erlebte er aber nicht mehr. Hendrix starb am 18. September 1970.

Jimi Hendrix Both Sides Of The Sky (Sony).