Kultur

Weshalb Wissenschaft die klassische Kultur verdrängt – ein Essay

Am «Aha!»-Festival im Luzerner Südpol beantworten Experten Fragen. Anfangs Jahr sprach hier die Datenwissenschafterin Katrin Fritsch.

Am «Aha!»-Festival im Luzerner Südpol beantworten Experten Fragen. Anfangs Jahr sprach hier die Datenwissenschafterin Katrin Fritsch.

Der Kulturbetrieb hat den Wissenschafter entdeckt. Jetzt spriessen Festivals für Wissensvermittlung aus dem Boden.

Sind Wissenschafter die neuen Künstler? In der Schweiz schiessen Festivals für Wissensvermittlung aus dem Boden. Wo sich die Rolle eines Forschers im Kulturbereich früher auf brave Nachgespräche von Theaterinszenierungen beschränkte, stehen sie plötzlich im Zentrum.

Dabei ist der Fakt, dass Fakten sexy sind, gar nicht so neu. Das auf Gegenwartsfragen ausgerichtete Stapferhaus Lenzburg hat mit seinen wissenschaftlich unterfüttertem und verständlich aufbereiteten Themenausstellungen schon seit Mitte der 1990er so manchen Besucherrekord geknackt. Die neuen Festivals der Wissensver­mittlung gehen aber noch weiter: Ku­ratoren nutzen den Output der Forschung nicht für eigene Projekte, ­sondern machen den Forscher selbst zur Attraktion.

Logik-Crashkurs und intellektuelles Speeddating

Etwa am 2018 erstmals durchgeführten Zürcher Philosophie-Festival, das den Hörsaal an die Ausgehmeile Europaallee verlegt. Hier kann man Vorlesungen und intellektuelle Speeddatings besuchen und sein Hirn im Logik-Crashkurs schleifen. Das Veranstaltungshaus Kosmos, in dem das Philosophie-Festival beheimatet ist, setzt auf Wissensvermittlung und Debatte. Hier führt der charismatische Astrophysiker Ben Moore durch sein Late-Night-Format, und Philosophen, Politologen und Meeresbiologen geben sich hier die Klinke in die Hand.

In Basel bringt das 2016 gegründete Festival Science and Fiction Forscher und Kulturschaffende im Sommercasino zusammen, einem Hotspot der Basler Jugendkultur. Die Vorträge und Veranstaltungsformate zu aktuellen Themen wie Robotik haben einen ähnlich hohen Unterhaltungswert wie die im universitären Umfeld boomenden Science Slams, eine Abwandlung der als Poetry Slams bekannten Dichterwettbewerbe. Forscher bereiten ihre Forschungsprojekte in zehn Minuten populärwissenschaftlich auf, mit Schaubildern, auf denen die chemischen Verbindungen lustig tanzen statt langweilen.

Hunger nach gesichertem Wissen

In Luzern gibt’s an hippen Locations wie dem Kulturhaus Neubad seit wenigen Jahren für Wissensdurstige zu Wein und Bier Vorträge von Experten aus dem universitären Umfeld, die vom Sozialverhalten von Fischen über ausserirdisches Leben das ganze Spektrum menschlicher Neugierde bedienen. In den ebenfalls sehr beliebten Pecha-Kucha-Nights sprechen Experten in 6 Minuten, 40 Sekunden und 20 Schaubildern über ihr Fachgebiet. Ein Bild darf nur 20 Sekunden eingeblendet werden – hinter dieser Wissensverdichtung steht der Protest gegen langatmige und nichtssagende Präsentationen.

Das ebenfalls in Luzern stattfindende Aha!-Festival konfrontiert Forschende mit brennenden Zeitfragen. Die Referenten antworten mit Fakten aus ihrem Fachgebiet. Co-Gründer Christoph Fellmann schätzt den «Happening-Charakter» des Festivals. Der «Hunger nach gesichertem Wissen», das nicht aus dem Internet komme, sei gross. Eine Besonderheit des Aha!-Festivals: Es wird kein Infotainment gefordert,

, so Fellmann. Das schafft Vertrauen und kommt an bei den Besuchern. Die Forscher setzten sich dadurch von den charismatischen Faktenverdrehern des postfaktischen Zeitalters ab. Ans «Aha!» kommen deshalb Menschen, die zu dieser Tendenz bewusst ein Gegengewicht suchen. Die Klimakrise, in der Forscher eine Hauptrolle spielen, hat dieses Bedürfnis noch einmal verstärkt.

Philosophie-Festival-Gründer Urs Siegfried sieht noch einen anderen Grund für den Erfolg:

Die Sehnsucht nach Räumen, die der Reflexion dienen, und nicht dem Meinungs-Mantra, sei gross, findet auch der Basler Theatermacher Boris Nikitin, der letztes Jahr an seiner «Propagandakonferenz» im Zürcher Theater Neumarkt Vorträge und Lecture Performances organisiert hat.

Ursprünglich organisierten vor allem Universitäten Wissenschaftsfestivals: Hier ein Bild von der «Scientastic» der ETH Lausanne.

Ursprünglich organisierten vor allem Universitäten Wissenschaftsfestivals: Hier ein Bild von der «Scientastic» der ETH Lausanne.

Wo der distinguierte Kulturliebhaber beim Anblick eines Sachbuchs einst angewidert die Nase gerümpft hat, gelten Fakten in der Kultur inzwischen als sexy. Das liegt auch am gewandelten Kulturverständnis: Gesellschaftliche Relevanz von Kulturprojekten wird heute von allen Seiten gefordert, von Stiftungen bis zu kantonalen Förderstellen. Festivals mit Inputs von Wissenschaftern schaffen da vordergründig mehr Klarheit über ihre Ziele als traditionelle Kulturprojekte, sie ­bleiben für Zuschauer oft hermetisch. Ihre Relevanz lässt sich nur über erwähnte Expertenpodien als Rahmenveranstaltung vermitteln. Für solche Veranstaltungen braucht es Geduld und die Bereitschaft, nicht alles sofort verstehen zu wollen. Beides ist in der schnelllebigen Welt, in der wir leben, eher selten geworden.

Die Bereitschaft zuzuhören, ist gross

Kein Wunder, dass etwa im Theaterbereich Formate, in denen Experten auf der Bühne zu Wort kommen, sehr gefragt sind. Und auch in der Kunst haben es forschende Künstler wie der Däne Olafur Eliasson, der sich mit seiner Kunst ausdrücklich für den Klimaschutz einsetzt, wesentlich einfacher, Gehör zu finden, als sich in ihrem Kämmer­lein verbarrikadierende Fantasten.

Für Manuela Casagrande, Co-Leiterin des Kulturmanagement-Studiengangs an der Universität Basel, hat der Wissensdurst damit zu tun, dass Informationen zwar breit abrufbar, durch Themen wie Künstliche Intelligenz für viele Menschen aber zu einer Blackbox geworden sind.

Wirken Fakten also stärker als Fiktion? Sind Sachbücher die besseren Romane und Referate die besseren Performances? Wahrscheinlich nicht. Aber in einer Zeit, in der Fiktion mit Realitätsverzerrung gleichgesetzt wird und die Rhetorik unter dem Generalverdacht der Lüge steht, hat die Kunst ein echtes Imageproblem.

Autor

Julia Stephan

Meistgesehen

Artboard 1