Favorit
Eurovision Song Contest: Weshalb die Schweiz gewinnen wird

Der Schweizer Gjon’s Tears gehört zu den Topfavoriten am 65. Eurovision Song Contest. Warum das so ist und 7 weitere Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Wettbewerb nächste Woche.

Stefan Künzli
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Wenn Gjon’s Tears den Stratosphärenton nach 2 Minuten 29 Sekunden trifft, ist alles möglich.

Wenn Gjon’s Tears den Stratosphärenton nach 2 Minuten 29 Sekunden trifft, ist alles möglich.

Bild: Thomas Hanses/EBU

1. Wo findet der ESC statt?

Die letztjährige Ausgabe des Eurovision Song Contest (ESC) in Rotterdam musste aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt werden. Zum ersten Mal in der Geschichte des ESC. Die European Broadcasting Union (EBU) sowie die beteiligten Rundfunkanstalten haben entschieden, dass Rotterdam in diesem Jahr noch einmal die Chance als Austragungsort erhalten soll. Die beiden Halbfinals finden am 18. und 20. Mai, das grosse Finale am Samstag, 22. Mai, in der Ahoy Arena statt.

2. Hat es Publikum?

Trotz anhaltend hoher Infektionszahlen lässt die holländische Regierung zu den öffentlichen Proben, den Halbfinals und dem Finale je 3500 Zuschauerinnen und Zuschauer zu. Die Regierung machte aus dem Mega-Event ein Experiment. Wie schon in Barcelona (5000 Leute) und in Liverpool (6000) wird in Rotterdam unter wissenschaftlicher Begleitung untersucht, ob auch in Corona-Zeiten Massenveranstaltungen mit Publikum möglich sind. Die Organisatoren betonen, dass die Sicherheit für Besucher, Künstler und Delegationen oberste Priorität habe. Am Sitzplatz müssen die Zuschauer keine Maske tragen, Abstandsregeln sind aufgehoben. Dafür müssen sie einen negativen Test vorlegen, der nicht älter als 24 Stunden ist. Sie müssen sich auch einige Tage nach Besuch einer Show erneut testen lassen. Ein Ticket bekommt nur, wer bereits für die Shows im vergangenen Jahr eine Karte hatte.

«Tout l’Univers» ist ein melancholisches Lied, das unter die Haut geht.

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3. Wer nimmt am Wettbewerb teil?

Am diesjährigen ESC nehmen nur 39 Länder teil. Weissrussland wurde disqualifiziert, weil sich der Beitrag des Landes nicht an das Gebot des Unpolitischen hielt und die Protestbewegung im Land verhöhnte. Nicht teilnehmen wird auch Armenien. Die Gründe sind aber nicht ganz klar. Der armenische TV-Sender liess vermuten, dass der Rückzug mit den kriegerischen Ausein­andersetzungen mit dem Nachbarland Aserbaidschan im letzten Jahr zu tun hat. In Rotterdam fehlen wird auch Australien. Die australische Kandidatin Montaigne verzichtet wegen Corona auf die Reise, nimmt aber trotzdem am Wettbewerb teil. Ihr Song «Technicolour» wird in einem Video gezeigt.

26 der 39 teilnehmenden Länder setzen in diesem Jahr auf dieselben Kandidaten wie im letzten Jahr. So auch die Schweiz, die wiederum den Sänger Gjon’s Tears ins Rennen schickt. Die Schweiz hat also in diesem Jahr auf eine nationale Ausscheidung verzichtet und setzt voll auf den Sänger aus Fribourg. Nach den Regeln der EBU müssen aber alle Kandidaten mit einem neuen Song antreten.

4. Wer ist der Schweizer Kandidat Gjon’s Tears?

Gjon’s Tears ist 1998 als Gjon Muharremaj im 2650-Seelen-Dorf Broc, unweit der Schokoladen-Fabrik Cailler, im zweisprachigen Kanton Freiburg geboren. Die Eltern stammen aus Albanien und dem Kosovo, er selbst hat immer in der Schweiz gelebt, singt und spricht französisch und hat einen Schweizer Pass. Am Konservatorium in Bulle studierte er Operngesang und ist ausgebildeter Primarlehrer. Er nahm an verschiedenen Pop-Castingshows teil. Im Alter von 13 Jahren an «Albania’s Got Talent», zwei Jahre später bei «Den grössten Schweizer Talenten» und 2019 bei «The Voice France», wo er den dritten Platz erreichte. Den etwas eigenartigen Künstlernamen Gjon’s­ Tears trägt er, weil er im Alter von neun Jahren seinen Grossvater mit seinem Gesang zu Tränen rühren konnte.

Gjon’s Tears letztjähriger Song «Répondez-Moi».

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5. Wie klingt das Schweizer Lied?

Der grosse Trumpf von Gjon’s Tears ist sein Gesang. Der Sänger verfügt über eine ausserordentlich schöne, hohe Stimme, die virtuos, geschmeidig und elegant zwischen Kopf- und Bauchstimme wechselt. Das macht ihm so schnell keiner nach. Das ist eindringlich in den Strophen – und imposant in den Refrains und geht unter die Haut. «Tout l’Univers» ist auf der melancholischen Seite und damit atmosphärisch ähnlich gestrickt wie der letztjährige Song «Répondez-Moi». Geschickt baut er auf den gesanglichen Stärken auf, spielt mit der Dynamik und treibt nach 2 Minuten und 29 Sekunden auf den emotionalen Höhepunkt des Stücks zu: Nach einem kurzen Break zerschneidet ein Gesangston in höchsten Sphären die Stille. Das ist grosse Kunst.

6. Wie sind die Schweizer Chancen?

Anfang März, gleich nach der Veröffentlichung von «Tout l’Univers», setzte sich Gjon’s Tears mit seinem Song an die Spitze der Wettquoten. Inzwischen wird der Song konstant in den Top 3 gehandelt. In seinem Halbfinal am kommenden Donnerstag führt Gjon’s Tears mit grossem Wettvorsprung auf die Konkurrenz. Alles andere als eine Finalqualifikation wäre also eine riesige Enttäuschung. Auf der grössten ESC-Plattform Wiwibloggs heisst es: «Die Alpennation wird kein Problem haben, zum zweiten Mal in Folge ins Finale zu kommen.» Das war lange keine Selbstverständlichkeit. Die Schweiz war auf der Verliererstrasse und verpasste in den letzten zehn Jahren den Einzug in das Finale gleich siebenmal.

7. Wer sind die anderen Favoriten?

Für Frankreich tritt die Sängerin Barbara Pravi an.

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In den Wettbüros hat zurzeit Frankreich mit der Sängerin Barbara Pravi und dem hochemotionalen, leidenschaftliche Chanson «Voilà» die Nase vorn. Die 28-jährige Sängerin serbischer und iranischer Herkunft setzt sich gegen die Gewalt gegen Frauen ein, nachdem sie selbst Opfer geworden ist. Die zweite Favoritin kommt aus Malta und heisst Destiny. Wie Gjon’s Tears stand die 19-jährige maltesische Wuchtbrumme mit nigerianischen Wurzeln schon im letzten Jahr für Malta in den Startpflöcken. Ihr Song «Je me casse» ist ein Dance-Knaller, der Frauen in ihrer Unabhängigkeit bestärken soll. Gut gehandelt werden auch die Beiträge von Italien, Bulgarien und Island. Die Gewinnchancen der restlichen Kandidaten werden von den Buchmachern als relativ gering eingeschätzt.

Der Song «Je me casse» der maltesischen Sängerin ist ein Dance-Knaller.

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8. Weshalb wird die Schweiz gewinnen?

Schon der letztjährige Song «Répondez-Moi» von Gjon’s Tears wurde von den Buchmachern auf Platz 3 gesetzt. Der Freiburger Sänger ist drauf und dran, an den Erfolg von Luca Hänni vor zwei Jahren anzuknüpfen, der damals den tollen 4. Platz erreichte und damit eine langjährige Schweizer Durststrecke am ESC beendete. Die Aussichten von Gjon’s Tears sind in der Tat noch besser als jene von Hänni und die Chancen auf den ersten Sieg der Schweiz seit Céline Dions «Ne partez pas sans moi» 1988 intakt.

Die Schweiz ist heiss, und seit dem Erfolg von Luca Hänni werden sie und ihre Kandidaten am ESC nicht mehr belächelt. Ländersympathien und Länderbefindlichkeiten spielen bei der Punktevergabe zwar immer noch eine Rolle, doch der Einfluss einer unabhängigen Jury ist in den letzten Jahren gestärkt worden. Die Schweiz singt nicht mehr auf verlorenem Posten.

«Tout l’Univers» ist im Songwriting Camp der Suisa Stiftung entstanden.

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Die Wende zum Erfolg kam mit dem Songwriting Camp der Suisa Genossenschaft. «Tout l’Univers» ist jetzt schon der vierte Song, der an diesem Treffen von nationalen und internationalen Songschreibern entstand. Ein weiterer Erfolgsfaktor ist für Produzent Pele Loriano das Auswahlverfahren. Eine internationale Fachjury und eine Zuschauerjury bewerten die Songs und entscheiden, mit welchem Song die Schweiz antritt. Sie garantieren die Qualität von Song und Interpret.

«Gjon’s Tears ist ein Ausnahmekünstler mit einem unglaublichen Stimmumfang. Er schafft es, Emotionen über seine Stimme zu transportieren und Menschen aller Nationen zu berühren», sagt SRF über den Schweizer Kandidaten und ist von der Qualität des Songs überzeugt. Mit «Tout l’Univers» hat die Schweiz die Chance auf einen Sieg gewahrt.

Die Schweiz ist aber gut beraten, sich nicht nur auf die Qualität von Song und Interpret zu verlassen. Wie wichtig die Inszenierung und die visuelle Umsetzung des Songs sind, hat auch schon Luca Hänni gezeigt. Die Performance wurde und wird deshalb mit derselben Choreografin ausgearbeitet, mit der schon Hänni erfolgreich war. Die erste Probe ist vielversprechend verlaufen, das Gesamtpaket stimmt. Und wenn Gjon’s Tears den Stratosphärenton nach 2 Minuten und 29 Sekunden akkurat trifft, ist alles möglich.