Zürich, Kreis 4, ein Bürogebäude. Gegensprechanlage, Türsummer, Lift in den dritten Stock. An der Glastür wartet Ruth Schweikert, 53, – sie wirkt zart in ihrer Frühlingsbluse und bittet in die Kaffeeküche. Hier sitzen wir einander auf Barhockern am Hochtisch gegenüber, Leute kommen herein, holen etwas aus dem Kühlschrank, gehen wieder. Die Schriftstellerin arbeitet in einer Bürogemeinschaft. Vor drei Jahren, als bei ihr Krebs diagnostiziert wurde, hat sie ihr damaliges Home Office verlassen und sich «unter die Leute» begeben. Während des Interviews bleibt die Tür offen.

Ihr neues Buch beginnt am 9. Februar 2016, 13.09 Uhr. Warum der exakte Zeitpunkt?

Ruth Schweikert: Das war der Tag, an dem ich meine Brustkrebs-Diagnose bekam. Ich beschreibe die Minuten des Wartens, bevor die Ärztin anruft, die Momente der höchsten Anspannung, Momente der Freiheit auch vor der Diagnose, die ja erst einmal eine Festschreibung bedeutet, der man sich nur schwer entziehen kann.

In «Tage wie Hunde» sind Sie oft sehr konkret, dann lassen Sie die Lesenden wieder in der Luft hängen. Zum Beispiel gibt es am Schluss der Abschnitte nie einen Punkt. Warum?

Es gibt die Ungewissheit, in der man auch nach Operation und Therapien hängen bleibt; diese Ungewissheit ist Teil des Lebens selbst, aber man empfindet sie stärker in und nach einer solchen Krankheit. Ich wollte dem Ausdruck geben, auch in der formalen Gestaltung des Textes. Der griechische Philosoph Aristoteles hat gesagt, dass sogar Geschichten über das Sterben und den Tod eine Schönheit eignet, einfach deshalb, weil man sie erzählen kann. Beim Geschichtenerzählen arbeitet man ja mit ästhetischen Mitteln, mit der Klanglichkeit, mit Assoziationen und Alliterationen, mit dem Rhythmus vor allem, der für mich immer sehr wichtig war und bleibt.

So bauen Sie also eine Spannung auf zwischen dem unberechenbaren Zufall, der plötzlich alles im Leben verändern kann, und der kontrollierbaren literarischen Form?

Diese Spannung besteht beim Schreiben eigentlich immer, man muss sie aushalten und produktiv machen für den Text. Krebs ist der Inbegriff des formlos Wuchernden; ganz im Gegenteil dazu habe ich als Schriftstellerin Freude am Formen und am Geformten, am gründlich Durchgedachten, an Gedankensplittern, die ich dann schleife, und nochmals und nochmals und nochmals schleife. Das ist es, was ich der Krankheit entgegensetzen konnte. Es gibt in meinem Buch aber auch die Analogie zum unkontrollierten Zellwachstum, was sich etwa in formlosen Mails voller Sprach- und Tippfehler zeigt.

Krebs ist omnipräsent. Hat unsere Gesellschaft eine adäquate Sprache, um darüber zu sprechen?

Mir ist aufgefallen, dass immer vom Kämpfen die Rede ist, von einem Kampf, den man gewinnen kann oder verlieren. «Francine Jordi hat den Krebs besiegt!» – «Mit vereinten Kräften besiegen wir den Krebs!» Da kommen übrigens die Hunde ins Spiel. Es heisst, sie könnten riechen, dass jemand Krebs hat. Man versucht nun tatsächlich, Hunde darauf abzurichten, Krebs zu diagnostizieren. Es wird von «bösartigen» und von «gutartigen» Tumoren gesprochen, als ob es sich dabei nicht um biologische, sondern um moralische Kategorien handelte.

Früher galten Krankheiten als Strafe Gottes.

Das Moralische klingt bis heute nach. «Das hast du nicht verdient» – diesen Satz haben mehrere Leute zu mir gesagt, nachdem ich die Diagnose erhalten hatte. Das hat mich irritiert. Natürlich gibt es Ursache und Wirkung, aber die meisten Krebserkrankungen sind damit nicht erklärbar. Ich weiss, es ist nicht einfach, das Zufällige unserer Existenz zu akzeptieren, das Fragile. Mir fiel es sehr schwer, anzuerkennen, wie viel Hybris dabei war in der Vorstellung meiner eigenen Stärke, die ich vor der Diagnose hatte.

Sie erwähnen im Buch den «triple negative breast cancer», an dem sie litten. Sind Sie davon geheilt?

Es geht mir gut soweit, und ich fühle mich lebendig in dem, was ich tue und plane. Aber Heilung? Ich weiss nicht.

Im Fall von Brustkrebs geht es nicht zuletzt um die spezifisch weibliche Attraktivität. War es auch für Sie das oberste Ziel, die Brüste zu erhalten?

Nicht unbedingt. Ich hätte mich durchaus dafür entscheiden können, die Brust abnehmen zu lassen, aber die Frage stand in meinem Fall gar nie zur Debatte; die Strahlentherapie hatte prognostisch denselben Effekt wie die Entfernung der betroffenen Brust. Allerdings empfand ich die Strahlentherapie als sehr belastend. Hier spielt die Eitelkeit der Ärzte hinein: Die Brust retten können, nur eine ganz kleine, «schöne» Narbe zu hinterlassen, das heisst auch, weibliche Schönheit zu erhalten. Darauf sind sie stolz.

Als ob sich für eine Frau nur ein Überleben in Schönheit lohnte! Eigentlich sehr sexistisch. Was halten Sie davon, dass Hollywood-Star Angelina Jolie sich präventiv die Brüste amputieren liess?

Ich verstehe das, wenn die eigene Mutter mit 56 an Brustkrebs stirbt und Gentests die BRCA-Mutation nachweisen, sodass sie selber mit Brustkrebs rechnen musste. Nun hat Angelina Jolie den perfekten Busen bis an ihr Lebensende – sicher hat sie sich die besten künstlichen Brüste geleistet, die es gibt –, sie werden nicht wirklich altern, nicht schlaff und faltig werden. Und das ist dann doch wieder etwas sonderbar.

Sie haben während der Chemotherapie Ihr Haar verloren und sich bei öffentlichen Auftritten mit kahlem Schädel gezeigt. Woher nahmen Sie den Mut dazu?

Es brauchte keinen Mut, es war eher stimmungsabhängig. Ich habe mich in dieser Zeit auch mit Perücke, im hübschen Kleidchen gezeigt. An anderen Tagen war mir danach, so aufzutreten, wie ich gerade war: mit ultrakurzen Haaren. Es gab kein Programm.

Wie waren die Reaktionen?

Mit Perücke bekam ich wiederholt Komplimente für meine gute Frisur, das kommt im Buch vor. Offenbar hatte ich davor keine richtige Frisur gehabt, das hat mich amüsiert.

In «Tage wie Hunde» gibt es auch eine Stelle, die beschreibt, wie ein Mann Ihnen beim Einladen des Velos ins Postauto behilflich ist und Ihnen dabei an den Hintern langt ...

Ah, das, ja. Ich, über 50, mit Brustkrebs, in der Chemotherapie, und der Typ findet mich attraktiv, das hat mir einerseits geschmeichelt, andererseits war es mir zuwider. Aber ich war in dem Moment nicht in der Lage, angemessen zu reagieren.

Was hätte das geheissen?

Nun, ihm zu sagen: Hör mal, ist ja nett, dass dir mein Arsch gefällt, aber lass die Finger davon, das ist ein Übergriff.

Sie waren zu schwach?

Ich fühlte mich wehrlos ja, wehrloser als normalerweise in solchen Fällen, dem Geschehen ausgesetzt.

Ihr Buch besteht aus vielen solchen Episoden. In der zweiten Hälfte verweben Sie in den Text auch die längere Geschichte eines Kindstodes. Warum bekommt diese so viel Gewicht wie Ihre eigene?

Es gibt mehrere Todesfälle in dem Buch; mein Vater stirbt als alter Mann, das Kleinkind stirbt; es gibt Verweise auf Werner Morlang, der kurz vor meiner Diagnose gestorben ist, Verweise auch auf Walter Matthias Diggelmann, von dem ich per Zufall einen Brief gefunden habe. Aber die Geschichte dieses Kindes ist sozusagen als ganze erzählt, kontinuierlich, sie ist eigentlich ein Essay. Ich wollte mit verschiedenen Textformen arbeiten, mit Nähe und Entfernung auch zu der Krankheit. Was ist das Leben? Man wohnt der Beerdigung eines Kindes bei und fragt sich, warum es dieses Kind getroffen hat und nicht das eigene, aber es gibt keine Erklärung dafür.

Wir in Europa, in der Schweiz sind sehr privilegiert. Ist der Umgang mit dem Tod deshalb besonders schwierig für uns?

Mir ist durch meine Erkrankung zumindest bewusst geworden, wie normal es für uns ist, dass man versucht, jedes Leben zu fast jedem Lebenszeitpunkt zu retten. «Selbstverständlich tun wir alles erdenklich Mögliche, Frau Schweikert!» Dabei wissen wir ganz genau, dass ein Menschenleben anderswo sehr wenig wert ist – genau genommen nichts. Die Behandlung meiner Krankheit hat über 50 000 Franken gekostet. Warum ist das so selbstverständlich? Wer sagt, dass mein Leben so viel wert ist?

Sie machen sich selbst zum Thema, publizierten bereits über andere intime Körpererfahrungen, etwa den Schwangerschaftsabbruch. Fühlen Sie sich nie ausgeliefert?

«La littérature ne s’impose pas – elle s’expose», sagte Paul Celan. Ich liefere mich nicht aus, ich teile mich mit. Das Mitteilen, das Teilen von Erfahrungen gehört zum Beruf der Schriftstellerin – als Beitrag zu Hannah Arendts «unaufhörlichem Gespräch», das in Demokratien wie der unseren unverzichtbar ist.

Sie zitieren viel in «Tage wie Hunde», von Paul Cézanne bis zu Bill Gates. Gaben deren Sätze Ihnen Halt, als Sie krank waren?

In gewisser Weise schon. Es sind sprachlich geformte Gedanken, daran können wir uns halten. Die Zeit macht vergessen, was einst gesagt wurde. Wenn ich zitiere, kann ich Gedanken einen neuen Auftritt verschaffen, sie erneut wirken lassen. In meinem Buch geht es mir nicht nur um meine persönliche Krankheitsgeschichte, sondern ums Nachdenken über das Leben und den Tod.