Verhaltensforschung
Darf Organhandel nach Marktkriterien funktionieren? Iran hat so ein grosses Problem gelöst

Das Marktprinzip kommt uns vor wie die verkörperte Vernunft. Und trotzdem erregen bestimmte Transaktionen moralischen Abscheu. Zum Beispiel der Organhandel.

Christoph Bopp
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Darf man seine eigene Niere auf dem Markt für Geld anbieten? Altruistisches Spenden wird akzeptiert, aber verkaufen?

Darf man seine eigene Niere auf dem Markt für Geld anbieten? Altruistisches Spenden wird akzeptiert, aber verkaufen?

Leandre Duggan/Keystone

Es gibt kaum etwas, das wir so willig akzeptieren wie Marktmechanismen. Hier sehen wir Vernunft pur am Werk. Angebot und Nachfrage – take it or leave it. Natürlich kann man über den Preis manchmal feilschen, aber der Verkauf/Kauf scheint dann wie ein Ergebnis völliger Freiheit. Der Preis ist die Übereinkunft der Partner: Er markiert, wo der Verkäufer bereit ist, sein Gut herzugeben; und er markiert, wo der Käufer bereit ist, sein Geld oder ein anderes Gut dafür einzusetzen.

Fast alle Ökonomen, aber bei weitem nicht alle Ethnologen behaupten, dass Gesellschaften immer auf der Basis des Tauschens funktioniert hätten. Wie auch immer, aber offenbar gibt es soziale Tatsachen, die noch hinter den Tausch­aktionen stehen. Ungeachtet ihres rationalen Anscheins er­regen einige Markttransaktionen starke moralische Gefühle. Manche findet man abstossend, obwohl es dabei völlig rational und gerecht zuzugehen scheint.

Soziale Missstände kann man offenbar hinter Markttransaktionen verstecken. Es gibt die Rede vom «ältesten Gewerbe der Menschheit». Gemeint ist die Prostitution. Und das Gerede ist ebenso falsch wie heuchlerisch. Es geht dabei nicht um ein «Gewerbe», die Herstellung und das Vermarkten eines Produkts, sondern um den Verkauf des eigenen Körpers. Das «Gewerbe-Gerede» soll eben genau das verhüllen.

Moralisch empörend, aber immerhin: Es funktioniert!

Unverhüllter ist das Beispiel des Organhandels. Darf man zum Beispiel eine seiner Nieren auf dem Markt für Geld anbieten? Viele finden die Idee empörend. Nicht weil sie Transplantationsverweigerer wären. Organspenden aus altruistischen Motiven finden sie unter Umständen o.k. Aber verkaufen? Nie. Auch wenn es freiwillig erfolgt.

Es gibt jedoch ein Land, welches das erlaubt. Im Iran konnte die Warteliste für Nierenspenden innert elf Jahren eliminiert werden. Bei uns warten immer noch ­viele Patienten vergeblich auf eine Niere. Viele müssen sterben.

Die Moralpsychologie unterscheidet grundlegend zwischen Empörung und Ekel. Wir empören uns, wenn progressive Werte (Fürsorge, Freiheit, Fairness) nicht beachtet werden; und wir ekeln uns, wenn die konservativen Vorstellungen (Autorität, Loyalität und Reinheit) verletzt werden.

Welche moralischen Gefühle werden durch bestimmte Markttransaktionen erregt? Und was steht hinter ihnen? Ein Forschungsteam des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung Berlin und des Robert-Koch-Instituts wollte das herausfinden. Sie liessen 1554 Teilnehmer 51 durchaus gebräuchliche Transaktionen bewerten und identifizierten in ihren moralischen Reaktionen darauf 25 Merkmale. Diese liessen sich in fünf Dimensionen anordnen: Empörung, Regulierungsbedarf, Inkommensurabilität, Ausbeutung und unbekanntes Risiko.

Du sollst nicht vergleichen! Die Tabus dahinter

Am meisten Abscheu erzeugten der Verkauf von Jagdrechten auf gefährdete Tierarten, der Verkauf von Bräuten und der Verkauf von Stimmrechten. Natürlich ändern sich unsere Wertvorstellungen im Lauf der Zeit. Weniger individuell, sondern historisch. Die Lebensversicherung sah man lange als das, was sie ist: eine Wette auf ein bestimmtes Todesdatum. Und fand sie deshalb pervers. Heute ist das kein Problem mehr, sondern nur noch Mathematik und Sterbetafel-Statistik.

Materielle, säkulare Werte gegenüber unendlichen, ewigen, transzendenten aufzuwiegen, ist ein Tabu: Liebe, Ehre, Gerechtigkeit für Geld, Bequemlichkeit oder auch Zeit zu tauschen unterliegt einem nicht recht durchschaubaren Verbot. «Im Reich der Zwecke», schreibt der Philosoph Immanuel Kant, «hat alles entweder einen Preis oder eine Würde.» Bei einem Preis kann ein beliebiges «Aequivalent» – es muss nicht Geld sein, – an dessen Stelle gesetzt werden. Es ist – im wörtlichen Sinn – austauschbar. Würde kann man nicht gegen etwas tauschen. Man kann sie natürlich verlieren. Vielleicht steckt die Ahnung davon hinter unserem Abscheu vor Transaktionen, die der Markt erlaubt und verlangt, die uns aber gegen den Strich gehen. Zu hoffen wäre es.

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