Literatur

Wenn ein «Tatort»-Schauspieler einen Kriminalroman schreibt

© imago/HOFER

«Tatort»-Schauspieler Miroslav Nemec steht in seinem ersten Krimi vor der Frage: Unfall oder Mord?

Miroslav Nemec ist eingeladen in ein bayrisches Berghotel zu einem «Mörderischen Wochenende». Der Plan: Er liest erst aus einem Mankell-Krimi und plaudert anschliessend mit den Gästen über «Mord und Totschlag in Fiktion und Wirklichkeit». Die Situation gerät etwas aus dem Ruder. Statt nur über abgemurkste Tote zu reden, wird er mit drei reellen Toten konfrontiert – und muss selbst noch Hand anlegen, um sie aus dem Blickfeld des erlesenen Publikums zu bringen. Was ist da schiefgelaufen?

Ivo Batic, übernehmen Sie! Doch Batic ist gerade nicht vor Ort, sondern nur Miro Nemec ist es. Der Schauspieler, der als «Tatort»-Kommissar 25 Jahre lange Erfahrung als öffentlich-rechtlicher Münchner Ermittler hat, kann leider nicht auf sein Alter Ego hoffen. Nemec muss sich also der Todesfälle selbst annehmen und auf die Unterstützung der örtlichen Kripo Berchtesgaden hoffen. Denn wie stellt er klug fest: «Ich bin kein Polizist, ich spiele nur einen.» Gemeinsam werden sie den Tod von drei Gästen schon aufklären. Unfall oder Mord? Spontane Tat oder das Spiel eines gestörten Psychopathen? Rätselhafte Inszenierung oder «Versteckte Kamera»?

Spiel mit Realität und Fiktion

Der Schauspieler Miroslav Nemec tritt in seinem ersten Kriminalroman «Die Toten von der Falkneralm» als Schauspieler Miroslav Nemec auf. Warum nicht die Not zur Tugend machen? Wenn schon nicht der Rolle als Kommissar entkommen, dann sie zu den eigenen Bedingungen und Vorstellungen fortschreiben!

Ein einleuchtender und konsequenter Ansatz: Der Kommissar-Darsteller lässt den Kommissar-Darsteller als Ich-Erzähler auftreten und spendiert ihm als Hauptfigur seinen ersten eigenen Fall. Nemec tritt aus seiner Rolle als Batic und übernimmt die Position von Nemec. Sein Romanheld ist er selbst – und doch wieder nicht. Ein gekonntes Spiel mit Realität und Fiktion, mit biografischen Fakten und erfundenen Erlebnissen. Die Grenzen verschwimmen: Was ist wahr und was gibt nur vor, wahr zu sein?

Nemec macht sich selbst kenntlich: als reflektierten, aber emotionalen, durchaus hitzigen, in die Jahre gekommenen Macho, der aber nur noch von seinen «Mädels» daheim (Frau und Tochter) schwärmt und der sich seiner öffentlichen Rolle in jeder Situation bewusst ist. Doch der Autor Nemec hat keine Probleme damit, sich über den Schauspieler und Musiker Nemec lustig zu machen (wie Gags und Witze generell grosszügig gestreut werden, unabhängig von der Situation). Mit Eitelkeit und Selbstironie – als sich zwei nicht ausschliessenden Eigenschaften – weiss der 1954 in Zagreb geborene Sohn eines Bankangestellten umzugehen, davon profitiert auch sein Buch.

Die von ihm erdachte Kriminalgeschichte ist schnell zusammengefasst: Ein Unwetter führt dazu, dass die feine Gesellschaft des Berghotels eine Nacht lang, von der Aussenwelt abgeschnitten, sich selbst überlassen ist. Nacheinander werden drei erfolgreich im Leben stehende Männer zwischen 50 und 60 tot aufgefunden, während sich die Frau des Opfers jeweils angeregt mit dem TV-Kommissar unterhält. Zufall? Seitenweise Spekulationen über mögliche Motive und mögliche Täter, doch keine Beweise. Batic und das Drehbuch zum neuen «Tatort» müssen warten, Nemec ist voll eingespannt. Am Ende können die Rätsel der Nacht mit vereinten Kräften gelöst werden.

In klassischer Tradition

«Die Toten von der Falkneralm» ist ein kammerspielartig inszenierter Kriminalroman, bei dem die deutlichen Verweise auf Agatha Christie (und deren Roman «Mord im Orient-Express») und Alfred Hitchcock (und dessen Film «Der Fremde im Zug» auf Grundlage von Patricia Highsmiths Roman) offen verhandelt werden. Selbst wenn die Konstruktion von Handlung und Personal von überschaubarer Komplexität ist, und auch Dramaturgie und Spannung nicht gerade vom Hocker reissen: So wie kaum jemand verschreckt wird, so wird nach der Lektüre kaum jemand enttäuscht sein. Ein grundsolides Debüt des kriminalisierenden Schauspielers als kriminalisierender Autor, das mit vergnüglichen Einfällen und geistreicher Sprache unterhält.

Eine Verfilmung des Stoffs könnte dann die Vollendung der fulminanten Ein-Mann-Show zur Folge haben: Nemec spielt Nemec, wie es sich Nemec ausgedacht hat.

Miroslav Nemec Die Toten von der Falkneralm, Mein erster Fall, Knaus Verlag 2016, 256 Seiten, CHF 26.90.

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