Trennung

Wenn die Ex im gleichen Büro arbeitet...

In der TV-Serie «Grey's Anatomy» entwickeln sich immer wieder Dramen, weil Beziehungen innerhalb des Teams auseinandergehen.

In der TV-Serie «Grey's Anatomy» entwickeln sich immer wieder Dramen, weil Beziehungen innerhalb des Teams auseinandergehen.

Viele Liebesbeziehungen beginnen am Arbeitsplatz. Doch ein Happy End haben diese nicht immer. Nach der Trennung heilen die gebrochenen Herzen nur langsam. Denn die ehemalige Liebe arbeitet noch am gleichen Ort.

Philipp Bremer (30) und Valeria Häberli (31) sind seit etwas mehr als einem halben Jahr kein Liebespaar mehr. Seither kämpfen sie darum, wieder eine normale, kollegiale Beziehung zu pflegen. Das ist schwierig, weil sie sich täglich sehen. Beide arbeiten in der gleichen kleinen Werbeagentur, er ist Projektleiter, sie Grafikerin.

Nico Teuscher* (29) doktoriert an der Universität Zürich, wo er sich vor einiger Zeit verliebte. Ein paar Monate lang turtelte der Projektmitarbeitende heimlich mit der Assistentin, sie schrieben sich täglich E-Mails, ehe sie die Affäre beendete und ihm das Herz brach.

Sie war jung und hatte einen Traum: ein gemeinsames Geschäft mit ihrem Freund. Nuria Weber (24) nähte Seemannstaschen, ihr Freund vermarktete sie. Nach zwei Jahren trennte er sich von ihr. Eine Weile später musste sie ihm umgekehrt als Geschäftspartner den Laufpass geben.

Viele verlieben sich bei der Arbeit

Die Chancen, eine Partnerin oder einen Partner beim Ausüben des Berufs kennen zu lernen, stehen günstig. Jede dritte Liebesbeziehung beginnt gemäss Schätzungen am Arbeitsplatz. Wird die Ausbildung dazugezählt, vergrössert sich dieser Anteil.

Es ist schön, den Alltag gemeinsam mit seinem geliebten Menschen zu erleben. Bei Valeria Häberli und Philipp Bremer war diese Zeit besonders intensiv. Neben dem Bett und ihren Kampagnen teilten sie einen nahezu identischen Freundeskreis. Doch die Gefühle verflogen, Philipp Bremer trennte sich im März dieses Jahres von ihr. Er findet, sie können inzwischen wieder gut zusammenarbeiten. Bei ihr jedoch rufen die täglichen Begegnungen manchmal noch immer negative Gefühle hervor. Sie sagt: «Das ist sehr belastend. Der Verarbeitungsprozess dauert länger, als ich mir gewohnt bin.» Es verletzte sie, dass er sich ihr gegenüber «noch nicht normal» verhalte.

Auch Nico Teuscher litt, als seine Affäre endete, und auch bei ihm dauerte diese Phase lange. Er ging nicht mehr gerne in sein Büro am Institut. Die Frau, die ihn vorher anzog, fand er plötzlich «speziell blöd». Er mied in dieser Zeit ihr Büro sowie Veranstaltungen des Instituts. Wann immer möglich erledigte er Arbeiten von zu Hause aus.

Auch wenn man sich verrennen kann mit der Liebe am Arbeitsplatz - für Paar- und Psychotherapeut Josef Lang aus Wettingen ist das kein Grund, die Gefühle nicht zu geniessen. Er sagt, er würde einfach gut hinschauen und Fragen stellen wie: «Ist eine ernsthafte Sache zwischen dem obersten Boss und der untersten Sekretärin überhaupt realistisch?»

Wenn die Distanz fehlt

Wenn die Liebe und die Arbeit - die zwei hauptsächlichen Bereiche im Leben eines Menschen - zusammenspielen, wird es kompliziert. Manchmal endet es tragisch, weiss Therapeut Lang aus seinem Alltag. Besonders häufig kommt die Liebe am Arbeitsplatz in Spitälern oder Schulen vor. Bei Bauern oder Wirtsleuten hängen ganze Existenzen an einer Beziehung. Aber auch im Umfeld von Künstlern gibt es Liaisons.

Nuria Weber wurde von ihrem Ex-Freund auf die Idee gedacht, ihre selbst gefertigten Taschen zu verkaufen. Gemeinsam gründeten sie das Label Le Marin Zürich. Neben 100-Prozent-Jobs als Schuhverkäuferin und Barman nähten die beiden Taschen, bauten eine Internetseite und gingen auf den Markt. Die Erfolgserlebnisse haben das Paar auf der einen Seite zusammengeschweisst. Auf der anderen Seite sei es schwieriger geworden, Kritik am anderen zu üben. Bald begann auch die Zeit für die Liebe zu fehlen. Nach zwei Jahren Liebes- und einem Jahr Geschäftsbeziehung schlug er ihr die Trennung vor.

Nuria Weber hoffte, dass das Geschäft mit den Taschen nichtsdestotrotz weiterblüht. Am Ende scheiterte die geschäftliche Zusammenarbeit an seiner Verlässlichkeit. Noch nach über einem Jahr liegt eine Prise Bitterkeit und viel Enttäuschung in ihrer Stimme, wenn sie vermutet, er habe das Geschäft nicht aus Interesse an den Taschen mit aufgebaut, sondern nur ihr zuliebe.
Paartherapeut Lang sagt, für viele sei es eine Überforderung, eine Trennung zu verarbeiten und gleichzeitig eine neue Art Geschäftsbeziehung aufzubauen. In diesen Fällen rät er, in den sauren Apfel zu beissen und das Geschäft zu verlassen.

Es gibt Unternehmen, die solche Entwicklungen mit Verboten verhindern wollen. Wer zum Beispiel im US-Konzern Wal-Mart eine Affäre oder Beziehung eingeht, fliegt raus. In der Schweiz stehen die Grossunternehmen einer Liebe am Arbeitsplatz gelassen gegenüber, viele sehen sie sogar als Zeichen für ein gutes Arbeitsklima, das die Leistung einzelner beflügeln kann. Die Swisscom oder die UBS etwa regeln einzig, dass der Partner oder die Partnerin nicht gleichzeitig Vorgesetzter oder Vorgesetzte sein darf.

Valeria Häberli und Philipp Bremer dachten beide darüber nach, ihren Job in der Werbeagentur zu kündigen. Sie sagen übereinstimmend, dass ihnen manchmal die Distanz fehle. Philipp Bremer meint: «Wir hatten uns darauf eingelassen, jetzt tragen wir die Konsequenzen.» Für Valeria Häberli auf der anderen Seite wäre eine Kündigung zum falschen Zeitpunkt gekommen, weil sie kurz vor dem Abschluss ihres Masterstudiums stand. Ihr fehlte die Kraft, neben der Verarbeitung des Trennungsschmerzes und des Prüfungsstresses nach einem neuen Job zu suchen.

Liebe ohne Vernunft

Die schmerzlichen Erfahrungen mit der Liebe an der Arbeit haben Nuria Weber, Nico Teuscher, Valeria Häberli und Philipp Bremer unterschiedlich geprägt. Die Grafikerin Valeria Häberli sagt, sie würde eine Büroliebe in Zukunft nicht in jedem Fall wieder zulassen. Die Taschendesignerin Nuria Weber würde es sich gut überlegen: «Vor allem wenn die Existenz von der Geschäftsbeziehung abhängt.» Nico Teuscher würde sich «wieder auf etwas einlassen» an der Uni und Projektleiter Philipp Bremer glaubt: «Wen man sich verliebt, findet man immer wieder Wege, die Vernunft auszuschalten.»
*Name geändert.

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