Luzerner Sinfonieorchester im KKL: Wenn der Trampelpfad zum Abenteuer wird

So verschlungen können Wege sein: Der Dirigent Michael Sanderling und das Luzerner Sinfonieorchester zerlegen die 5. Sinfonie Beethovens und setzen sie gar wundersam wieder zusammen.

Roman Kühne
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Gibt es ein Stück, das bekannter ist? Der Anfang von Ludwig van Beethovens 5. Sinfonie, seine hämmernden Achtelnoten haben sich tief in das kulturelle Gedächtnis eingegraben. Die Zahl der Aufnahmen bewegt sich um die 160 herum. Und ausgerechnet dieses Stück haben sich das Luzerner Sinfonieorchester und ihr Gastdirigent Michael Sanderling am Montag für eine «Neu»-Interpretation ausgesucht.

Bei den Konzerten vom letzten Mittwoch und Donnerstag blätterte Sanderling das Requiem von Brahms zwar sorgfältig auf. Aber so beglückend die Aufführung auch war – als neu würde man sie nicht bezeichnen. Da ist seine sehr persönliche, fast opernhafte Aufsplitterung von Beethovens Fünfter ganz anders.

Theatralik und Emotion

Dies beginnt im praktisch ausverkauften KKL-Konzertsaal schon beim pochenden Anfangssatz. Der erste, fast aufdringlich anschwellende Ton im Hornregister gibt die Richtung vor, unterstützt den akzentreichen Vorwärtsdrang. Das Schicksal klopft, die Musiker jagen. Dann ein Bruch, das Holzregister, die Solo-Oboe fallen aus Eile und Zeit, setzen eine Insel der Ruhe, bis das hektische Hasten wieder vorwärts prescht. Praktisch pausenlos wird der zweite Satz angehängt. Auch hier leitet Michael Sanderling mit viel Gespür und Puls, aber auch mit Theatralik und Emotion. Immer wieder werden Zeitinseln eingebaut. Momente, wo das Zeitmass praktisch kleben bleibt.

Die Lautstärken sind teils extrem gewählt. Die Triolen, welche die Holzbläser im dritten Teil einander weiterreichen – wenig mehr denn ein Hauch. Hat man die Musiker dieses Orchesters jemals so leise spielen gehört? Gnadenlos leitet das düstere Diktat der Kesselpauke das Geschehen hin zum lauten Finale. Die Energie und die Lust des Orchesters sind an diesem Abend mit den Händen zu greifen. So macht Zuhören Spass. Ein richtiges Abenteuer. Erst der Schlusssatz hat, teils auch dem Tempo geschuldet, nicht mehr ganz diese Kernigkeit und interpretatorische Brillanz.

Virtuoser Solist

Nach der Pause frönen die Musiker in Heinz Holligers «Ostinato funebre» noch einmal dem Piano und Spielwitz. Und dann der andere Brocken des Abends: Das 3. Klavierkonzert von Sergej Rachmaninoff, eines der schwierigsten Tastenwerke überhaupt. Problemlos führt Sanderling die Musiker in diese völlig andere Welt aus Wärme, Schwelgerei, Üppigkeit und swingendem Bass. Der Solist Behzod Abduraimov, der 2018 schon am Festival «Zaubersee» beglückte, spielt das Stück aus einem Drehen. Ein romantisches, oft nostalgisches Karussell, wo die vielen bilderreichen Details dem Kreisen Weite und Erzählung geben. Stimmig in den Emotionen und grossartig in der Technik. Die Voraussage sei erlaubt: Mit dieser Energie und Interpretationskraft wird das Luzerner Sinfonieorchester auf seinem Südkorea-Abstecher die Leute mit links begeistern.

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