Emmanuel Carrères neuer Roman
Wenn der Autor selbst einmal von der Gnade berührt war

Emmanuel Carrères neues Buch «Das Reich Gottes» ist sein bisher spirituellstes Werk. Kein Wunder, zählte er doch selbst einmal zu jenen, die «von der Gnade berührt» waren.

Andreas Wirthensohn
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Christus mit den Aposteln Petrus, Paulus, Andreas und Lukas in der Kirche St.Paul in Rom.Manuel Cohen/akg-images

Christus mit den Aposteln Petrus, Paulus, Andreas und Lukas in der Kirche St.Paul in Rom.Manuel Cohen/akg-images

Manuel Cohen / akg-images

Eines Tages, nachdem Emmanuel Carrère seine Mitarbeit an der inzwischen höchst erfolgreichen Fernsehserie «The Returned» (in der in einem Bergdorf Tote zu den Lebenden zurückkehren) Knall auf Fall beendet hat, trifft er sich mit anderen Beteiligten dieses Projekts. Man spricht über dieses und jenes, Carrère bedauert seinen plötzlichen Rückzug aus dem Drehbuchteam und erzählt von seinem neuen Buchprojekt über das Urchristentum, an dem er gerade sitze.

Dabei wird ihm klar, dass die Situation der damaligen frühchristlichen Gemeinde um den Apostel Paulus der in der Fernsehserie verblüffend ähnelt. Denn von nichts anderem erzählt Paulus in seinen Briefen als davon, dass da einer von den Toten auferstanden ist und zurückkehrt. «Es ist die Geschichte von etwas Unmöglichem, das dennoch geschieht.» Also wenn man so will: ein Stück Science-Fiction oder Fantasy. Vor allem aber: «Wenn man darüber nachdenkt, ist es eigenartig, dass normale, intelligente Leute an etwas so Unsinniges wie die christliche Religion glauben, an etwas, das in dieselbe Kategorie gehört wie die griechische Mythologie oder Märchen.»

Der Weg zum Agnostiker

Carrère aber gehörte selbst einmal zu denen, die «von der Gnade berührt» waren, zu denen, die inmitten einer Lebenskrise Halt im Glauben suchten. Wichtiger Einfluss dabei war für ihn die Patentante Jacqueline, eine glühende Katholikin, die ihn mit dem «Spirituellen» in Verbindung brachte. Fortan besuchte er Anfang der 1990er-Jahre nicht nur zweimal die Woche seinen Analytiker, sondern jeden Tag die Heilige Messe und begann damit, Notizhefte mit Evangelien-Kommentaren zu füllen.

Mehr als zwei Jahrzehnte später ist Carrère «zu dem geworden, der zu werden ich so sehr befürchtet hatte. Ein Ungläubiger. Ein Agnostiker – nicht mal gläubig genug, um Atheist zu sein. Einer, der meint, das Gegenteil von Wahrheit ist nicht die Lüge, sondern Gewissheit. Und das Schlimmste ist – vom Standpunkt dessen aus, der ich einmal war: Es geht mir ziemlich gut damit.» Trotzdem lässt ihn diese Episode seiner Vergangenheit, von der noch heute die (ihm nun fast peinlichen) Hefte mit den Bibelkommentaren zeugen, nicht los. Er will der eigenen Geschichte noch einmal nachgehen und sich diese Texte noch einmal ansehen, als eine Art «Ermittler» in eigener Sache. Und in Erfahrung bringen, was ihn damals am «Reich Gottes» so sehr fasziniert hat.

Der 1957 geborene Emmanuel Carrère gehört seit seinem Buch «Amok» (2000) zu den interessantesten Neuerern dessen, was man als «Ich-Erzählungen» bezeichnen könnte – als wirklichkeitsnahe Literatur, die sich nicht nur durch den autobiografischen Selbstbezug auszeichnet, sondern auch durch das, was der Amerikaner David Shields in einem wegweisenden Buch vor ein paar Jahren als «reality hunger» bezeichnet hat. «Alles ist wahr» hiess Carrères letztes Buch, im Original firmierte es als «D’autres vies que la mienne», und beides zusammen bringt diese ganz eigene Form von Literatur auf den Punkt: Sie erzählt von anderen Leben als dem eigenen, aber immer ausgehend vom eigenen Ich, denn nur dieses Ich kann die «Wahrheit» des Gesagten beglaubigen.

Das gilt für die beiden genannten Bücher genauso wie für die grossartige Biografie des russischen Nationalisten Eduard Limonow, mit der Carrère auch hierzulande ein wenig Bekanntheit erlangte. Und es gilt für das neue Werk, das in Frankreich 2014 zu den ganz grossen Bucherfolgen zählte. Denn Carrère erzählt hier nicht nur die Geschichte seiner eigenen Glaubensepisode, sondern auch die Geschichte von Paulus, vom Evangelisten Lukas, von den Anfängen des Christentums in den Jahrzehnten nach Jesu Tod – und davon, was die Paulusbriefe, das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte zu so faszinierenden Ich-Erzählungen macht, dass sie die Menschheitsgeschichte radikal veränderten.

Bibel als Literatur

Insofern ist «Das Reich Gottes» zweifellos Emmanuel Carrères bislang spirituellstes, philosophischstes Buch. Das hat den Nachteil, dass er sich mitunter ein wenig zur sehr in exegetisch-philologischen Fragen verliert und die «Lebenswirklichkeit» ein wenig aus dem Blick gerät. Zwischenzeitlich hat man das Gefühl, einer etwas spröden Bibelstunde mit Pater Emmanuel beizuwohnen. Und doch ist es der mutige Versuch, die Bibel als Literatur zu begreifen, die zwar vom Reich Gottes handelt, aber aus der Realität hier auf Erden entstanden ist. Denn letztlich ist das Gottesreich nichts Jenseitiges, sondern «die Dimension des Lebens, in der Gottes Wille sichtbar wird».

Der Schriftsteller Ernest Renan, der im 19. Jahrhundert ein bedeutsames Werk über das Leben Jesu vorgelegt hatte, meinte einmal, wenn man über die Geschichte einer Religion schreiben wolle, sei es das Beste, selbst einmal gläubig gewesen zu sein, inzwischen aber nicht mehr zu glauben. Dass dieser Satz stimmt, dafür ist Carrères eindringliches Opus magnum der schönste Beleg.

Emmanuel Carrère Das Reich Gottes. Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Claudia Hamm. Matthes & Seitz, Berlin 2016. 524 S., Fr. 39.90.

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