Weltbekannte Kunst aus dem Aargau
Fast vergessen und nun entstaubt: Das Wilhelm Schmid Museum lässt den Künstler neu aufleben

Zum 50. Todesjahr des Aargauer Malers Wilhelm Schmid hat die Stadt Lugano das ihm gewidmete Museum neu und persönlicher gestaltet.

Gerhard Lob, Lugano-Brè
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Im neugestalteten Museum in Brè Lugano grüsst Wilhelm Schmid das Publikum am Eingang.

Im neugestalteten Museum in Brè Lugano grüsst Wilhelm Schmid das Publikum am Eingang.

Wilhelm Schmid begrüsst das Publikum am Eingang persönlich. Natürlich nicht er selbst, sondern ein gigantisches Porträtfoto; daneben in einem Schaukasten viele kleine Bilder, die das Leben des Aargauer Malers zusammen mit seiner Frau Maria im Ausland und im Tessin dokumentieren.

Die Fotos im Eingangsbereich sind Teil einer Neugestaltung des Museums Schmid im hoch gelegenen Dorf Brè, einem Ortsteil von Lugano. Hier, auf 800 Meter über Meer, lebten die Eheleute Schmid nach der Flucht aus Nazideutschland. Nach deren Ableben in den Jahren 1971 und 1973 gingen ihr Wohnhaus und die Werke an die Stadt Lugano über.

Fotos geben Einblick in das private Atelier von Wilhelm Schmid

Fotos geben Einblick in das private Atelier von Wilhelm Schmid

zVg

«Wir haben nun den ganzen Nachlass durchgearbeitet», sagt Luigi Di Corato, Direktor der Kulturabteilung der Stadt Lugano, «und sind auf faszinierende Dinge gestossen.» Denn Wilhelm Schmid war nicht nur Maler, sondern auch Architekt, Bildhauer, Keramiker und Publizist.

Zum 50. Todesjahr von Wilhelm Schmid wollte die Stadt Lugano dem Museum, das sich im einstigen Atelier-Haus des Ehepaars befindet, neuen Glanz verleihen. Schon bisher waren dort einige seiner Werke zu sehen. «Doch wir wollten das Museum persönlicher gestalten, diesen Künstler auch als Menschen näherbringen», so Di Corato. Dies ist gelungen, dank vieler Fotografien, aber auch dank eines neuen Einführungsvideos.

Revolutionäre Avantgarde und grosse Erfolge

Rückblende: Geboren wurde Wilhelm Schmid 1892 im aargauischen Weindorf Remigen. Als Verdingbub wächst er dort bei seinem Onkel, einem Weinbauern, auf, arbeitet als Taglöhner. Nach einer Bauzeichnerlehre in Brugg macht er sich mit nur 18 Jahren selbstständig und zieht 1912 nach Berlin, arbeitet als Architekt, heiratet die Sängerin Maria Metz. Als Künstler ist er Autodidakt und gehört zur revolutionären Avantgarde. Er gilt als Mitbegründer der «Neuen Sachlichkeit».

Nach der Novemberrevolution gründen am 3. Dezember 1918 Dutzende Künstler in Berlin die Novembergruppe, «um Rückstand und Reaktion zu bekämpfen». Eine der führenden Stimmen dieser Gruppe war just der damals 26-jährige Wilhelm Schmid. Er sorgte mit einigen seiner Werke für Aufsehen, etwa mit «Fuoco» (Feuer), auf dem drei pralle und nackte Frauen zu sehen sind, die von einem Violinisten «angefeuert» werden.

Die düsteren und gesellschaftskritischen Bildern schmeckten den Nazis gar nicht.

Die düsteren und gesellschaftskritischen Bildern schmeckten den Nazis gar nicht.

zVg

Schmid hatte in seiner Berliner Zeit grossen Erfolg: Erstrangige Galerien stellten seine Werke aus, führende Kunstkritiker lobten ihn, Private und Museen erwarben seine Bilder. Aus dieser Epoche stammen eindrückliche Werke, in der sich beispielsweise sakrale Szenen mit Figuren aus der Zirkuswelt vermischen, so wie in der «Kreuzigung» (1917), das neu im Museum von Brè zu sehen ist. Geradezu surrealistisch das Bild «Duell» (1930) mit kopflosen Figuren, die Schaufensterpuppen gleichen und sich bekämpfen. Eine Vorahnung auf die düsteren Zeiten der Naziherrschaft.

Von den Nazis geächtet

Tatsächlich: Die Nazis hatten keine Freude an Schmid, brandmarkten ihn als «entarteten Künstler». Die Novembergruppe wurde 1933 verboten. Die Situation spitzte sich zu. 1937 verliess Schmid mit seiner jüdischen Frau Deutschland, um in die Schweiz überzusiedeln. Das Paar liess sich sodann in Brè sopra Lugano nieder, erstand dort zwei alte Steinhäuser.

An den Erfolg seiner Berliner Jahre konnte Schmid nie anknüpfen. Auch sein Stil änderte sich, kehrte sich zu einer gewissen Banalität. Wand- und Blumenbilder sicherten das Einkommen. Sein Spätwerk ist geprägt von Tessiner Szenen, Landschaften und Stillleben, darunter Ansichten des Dorfes sowie Momente bäuerlicher Tradition wie die «Metzgete».

Später wurden Wilhelm Schmids Bilder braver. Hier eine Dorfansicht von Brè.

Später wurden Wilhelm Schmids Bilder braver. Hier eine Dorfansicht von Brè.

zVg

Ab und zu erinnern sich Kultureinrichtungen an diesen Maler, der in Vergessenheit zu geraten scheint. Es gab Ausstellungen in Olten und zuletzt in Potsdam. Zumindest das kleine Museum in Brè sorgt nun dafür, dass das Andenken an diesen Künstler und seine Frau konstant bewahrt wird.

Museum Wilhelm Schmid: Brè sopra Lugano

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