Literatur

Welch herrlicher Schund!

© NARR

Das narrativistische Literaturmagazin feiert in einer Sonderedition den Groschenroman ab. Ist das gut? Also schlecht? Also gut?

Mittlerweile ist es ja uncool, etwas Schönes schön zu finden. Lieber findet man etwas Unschönes schön. Tennissocken zum Beispiel. Oder Sonnenbrillen mit ganz kleinen, schmalen Gläsern. Beides hoch im Kurs. Wer kürzlich durchs Berliner Hipsterviertel Kreuzberg gelaufen ist, weiss, wovon die Rede ist.

Natürlich findet man diese grassierende Unmode nicht wirklich schön, darum geht es gar nicht mehr. Es geht ums augenzwinkernde Emoji. Um #not. Ums Statement: Sorry, aber wie uncool bist du denn, dass du nicht begreifst, dass ich das ironisch geil finde? Coole Menschen unterwandern das brave Binärsystem der Uncoolen: je hässlicher, desto besser. Das ist lustig und kann bei der richtigen Handhabung gut funktionieren. Manchmal aber nützt auch die nachdrücklichste Coolness nicht: Da ist schlecht einfach nur schlecht.

Nabelschau in Kleinbuchstaben

Womit wir bei Pablo Picapollo wären. Pablo Picapollo ist der Protagonist einer Geschichte in einer Sonderedition von sieben sehr coolen Groschenromanen, die das Oltner Literaturmagazin «Das Narr» kürzlich herausgegeben hat. Sie kommen in hübschem Siebdruck-Umschlag, haben klingende Namen wie «Ein Sonnenstrahl kommt selten allein», «Die Neue bringt Aufruhr ins Tal» oder «Die Nacht der Handymonster» und sind in Genres unterteilt: Bergdoktor, Schicksal, Horror.

Picapollo gehört in die Rubrik «Karibik». Wunderbar, denkt man, Abenteuer im heissen Sand, versunkene Schätze, Schiesspulver, Schirmchendrinks! Und alles unter der sicheren Haube des Groschenromans! Da kanns gar nicht schlecht genug sein!

Leider hat man die Rechnung ohne den Autor gemacht. Der hat nämlich entschieden, sich selbst seinem Protagonisten vorzuziehen. Bedeutet: Statt eines Groschenromans kriegen wir eine Nabelschau in Kleinbuchstaben, in der ein Stefan Zweig zitierender Erzähler uns bemüht raubeinig die Geschichte des Helden Pablo Picapollo vorlabert. Eine gute Geschichte, eigentlich, wäre da nur nicht der offenkundige Eifer des Autors, seine Grosche mit Gonzo vollzupacken.

...hübsch verpackt sind sie auch.

Narr-Groschen 1-7

...hübsch verpackt sind sie auch.

Burroughs wird nie Landarzt sein, nie, und das ist o. k. so. Ein Groschenroman muss wie ein Groschenroman geschrieben sein. Ich brauche keine Stefan-Zweig-Zitate, verdammt! Ich will Schirmchendrinks! Piratenromantik! So viel Traditionalismus ist bei dem Thema doch noch erlaubt?!

Bevor man jetzt vollständig zum geifernden Langweiler mutiert, nimmt man sich lieber die nächsten Romane vor. Allen voran «Zierfischfutterflocken» des Basler Autors Raúl Fuertes. Rubrik: Krimi. Und, Freude! Da kriegt man was für sein Geld. Eine klassische Story um einen schrulligen Privatdetektiv, der den berühmten Telefonanruf kriegt: «Du musst mir helfen.» Frau in Not, Privatdetektiv eigentlich pensioniert, aber okay, er nimmt den Fall an, schliesslich gehts um seinen seit Jahrzehnten nicht mehr gesehenen Bruder.

Es folgen Beschattung, Intrigen, Bestechung, das ganze herrliche Groschen-Programm. Die wilde Karibik ist meilenweit weg, wir bewegen uns jetzt in seichten Gewässern. Nicht zu heiss, nicht zu kalt, und man sieht immer schön den Boden unter den Füssen.

Taubenbrust und Handyfrust

Das gilt auch für «Ein Sonnenstrahl kommt selten allein». Die Geschichte um eine polnische Pflegerin ist herrlich nachvollziehbar und führt ganz ohne Dünkel grossartige Sätze wie «Ihr Herz schwoll an in ihrer Brust, es schüttelte sich wie eine badende Taube». Meisterhaft! Auch «Die Nacht der Handymonster» liest sich gut: Weisshaarige Monster kriechen aus Handys und versetzen die Menschheit in Aufruhr. Was für eine grandios hirnrissige Idee!

Als man schliesslich gar nicht mehr weiss, wohin mit der ganzen Schund-Euphorie, kommen dann doch noch zwei Geschichten, die man wieder etwas schlecht schlecht findet. Schlecht schlecht, wie kleine Sonnenbrillen und Tennissocken. Nicht gut schlecht wie Zierfische und nicht schlecht gut wie Tauben-Metaphern, aber auch nicht gut gut oder einfach nur gut oder schlecht oder sehr gut oder sehr schlecht. Macht das Sinn? Man weiss es am Ende selbst nicht mehr.

Die Ganze Reihe Narr-Groschen 1-7 kann man für 30 Franken hier bestellen.

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