Gestern

Weihnachten im Schützengraben: «Ist dieser Tag etwa nicht der Tag des Friedens und der Liebe?»

Deutsche (in Helmen mit Spitze) feiern mit den verfeindeten britischen Soldaten Weihnachten. Für einige Stunden ist der Krieg unterbrochen.

Deutsche (in Helmen mit Spitze) feiern mit den verfeindeten britischen Soldaten Weihnachten. Für einige Stunden ist der Krieg unterbrochen.

Im Jahr 1914 kam es an der Westfront zwischen rund 100'000 deutschen und britischen Soldaten zu einem inoffiziellen Weihnachtsfrieden. Die Kriegsparteien spielten sogar zusammen Fussball. Ein Soldat schilderte das Ereignis im Brief an seinen Vater.

Es ist Freitag, der 25. Dezember 1914, Morgen des Weihnachtstages. Der Erste Weltkrieg hat vor 21 Wochen begonnen und die Regierungen der Kriegsparteien – Triple Entente und Mittelmächte – betreiben aggressive Kriegspropaganda. Vieles wird zensuriert. Heikle Informationen gelangen nur über Briefe, welche Soldaten in die Heimat senden, zu den Menschen in den kriegführenden Ländern. Ein Brief, den das «Aberdeen Daily Journal» am 6. Januar 1915 veröffentlicht hat, beschreibt ein besonderes Ereignis: den Weihnachtsfrieden von 1914.

Die Soldaten hatten nicht erwartet, dass der Krieg bis Weihnachten andauert. Viele hatten sich den Krieg als ein Ferienabenteuer vorgestellt, von dem man nach wenigen Monaten siegreich heimkehren würde. Die Realität war dann ganz anders. Trotzdem waren die Fronten noch nicht so verhärtet wie in den folgenden Kriegsjahren und im Zweiten Weltkrieg. Nach 1914 waren die Verbitterung und der Hass der kämpfenden Nationen Europas zu stark, um einen weihnachtlichen Waffenstillstand zuzulassen.

Bis heute bleiben Feuerpausen an Weihnachten eine Seltenheit: Im Ukrainekonflikt wurden Waffenruhen jeweils sofort nach der Vereinbarung gebrochen, und im Syrienkrieg konnte gar kein Weihnachtsfriede erreicht werden.

Der Feind 50 Meter entfernt

Mindestens einmal war Weihnachten im Krieg aber mehr als ein normaler Tag. Walter Imlah, Obergefreiter der britischen Armee, schildert in einem Brief den Sieg der Menschlichkeit in dunkelsten Stunden der Geschichte.

Bereits seit zwei Tagen harren Walter und seine Gefährten vom ersten Bataillon der schottischen Gordon Highlanders im Matsch der Schützengräben aus. Zwei weitere Tage sollen folgen, bis die Ablösung den Wachtposten übernimmt. Die Kameraden befinden sich an der Westfront im heutigen Belgien, irgendwo zwischen Mesen und Nieuwkapelle. Nur 50 Meter trennen die schottischen von den deutschen Truppen. Wenn der Wind günstig weht, dringen einzelne Wörter von der einen zur anderen Seite und machen den Soldaten unmissverständlich die Nähe des Feindes bewusst. Von den Deutschen ist den schottischen Truppen nicht viel bekannt. Es machen aber immer wieder Gerüchte von grausamen Kriegsverbrechen, welche sie begangen haben sollen, die Runde.

Die Zone zwischen den Frontlinien wird von den britischen Soldaten «no man’s land» (Niemandsland) genannt, weil dort niemand überleben kann. Sobald jemand einen Fuss auf die von Explosionen zerfurchte Erde setzt, wird er sofort erschossen. Das ist der Grund, wieso die Gefallenen nicht geborgen werden und schon seit Tagen auf der kalten Erde verwesen. Es ist eine schreckliche Szenerie, in der die Soldaten dieses Jahr ihr Weihnachten verbringen werden.

Walter Imlahs Gedanken sind woanders: Zu Hause in Buckie, Schottland, wo sein Vater Alexander immer noch den kleinen Lebensmittelladen an der High Street betreibt und sich mit Sicherheit gerade fragt, ob sein Sohn im fernen Feindesland noch am Leben ist. Walter sitzt in der Erdmulde und isst gerade sein Frühstück, als plötzlich ein lautes Durcheinander ausbricht: «Die Deutschen kommen aus ihren Schützengräben heraus!»

Walter und seine Gefährten zögern. Soll er den gefährlichen Schritt wagen und seinen Kopf aus dem Graben strecken? Er schreibt seinem Vater später: «Ich konnte es gar nicht glauben! Ich sah eine riesige Zahl deutscher Soldaten vor den feindlichen Schützengräben stehen. Alle unbewaffnet». War das der Moment, dem deutschen Feind den Garaus zu machen?

Kein Schuss fällt. Deutsche Offiziere nähern sich in langsamen Schritten der Verteidigungslinie der Triple Entente. Da kommen auch schottische Offiziere aus den Gräben und gehen auf die Deutschen zu, um sie nach dem Grund für ihr seltsames Verhalten zu fragen. Wieso nur sind sie unbewaffnet aus ihren Gräben gestiegen?

Frieden nicht erlaubt

Die deutschen Offiziere erklären, dass sie einen Waffenstillstand wollen, um die Toten anständig zu begraben. Sofort wird eine Konferenz auf dem offenen Feld einberufen. Die Kriegstreiber in London und Berlin hatten in den Tagen zuvor einen Waffenstillstand ausdrücklich abgelehnt. Nicht einmal das Intervenieren des neu gewählten Papstes Benedikt XV. konnte die verhärteten Fronten aufbrechen. Was sollen die schottischen Offiziere im Feld also tun?

Sie beschliessen, auf das deutsche Angebot einzugehen. Man könne diesen Schritt mit dem Anliegen, die eigenen Kriegstoten begraben zu wollen, rechtfertigen, schreibt Walter in seinem Brief. Wie die verfeindeten Regierungen auf diese Entscheidung reagieren werden, weiss zu diesem Zeitpunkt niemand. Die Führung beider Seiten wird später mit Strafen drohen, um weitere punktuelle Waffenstillstände zu verhindern. Die deutschen Befehlshaber lassen ausserdem alle Briefe von Soldaten vernichten, die vom Ereignis berichten. Von deutscher Seite sind deshalb heute keine Briefe bekannt.

Walter Imlah freut sich über den Entscheid zugunsten der Waffenruhe. Er weiss, dass der offizielle Grund, Kriegstote begraben, nicht die ganze Wahrheit ist: «Andere Gefühle haben auch etwas mit der positiven Entscheidung zu tun, so denke ich doch, dass heute der Weihnachtstag ist. Und ist dieser Tag etwa nicht der Tag des Friedens und der Liebe zwischen den Menschen?»

Walter berichtet, dass alle sich ob des einberufenen Waffenstillstands freuen und sofort mit dem Begraben der Toten beginnen. Die auf der britischen Seite liegenden feindlichen Soldatenleichen werden von den Schotten vor die deutschen Gräber getragen und die Deutschen tun das Gleiche für die Briten.

Am frühen Morgen ist glücklicherweise ein britischer Pfarrer zur Frontlinie vorgerückt, eigentlich, um den Soldaten frohe Weihnachten zu wünschen. Nach dem Zuschütten der Gräber kann mit seiner Hilfe eine gemeinsame Messe organisiert werden. Die Soldaten, die einander einen Tag zuvor ohne zu zögern umgebracht hätten, stellen sich in Reih und Glied auf, um die Worte des Pfarrers zu hören. Er liest den 23. Psalm aus der Bibel. Ein deutscher Student übersetzt für jene, die nur Deutsch sprechen. Walter Imlah wird seinem Vater später schreiben: «Ich verstand seine Worte [des deutschen Studenten] nicht, aber es war wunderschön, ihm zuzuhören. Ich war sehr stolz, unsere Seite bei einer solch würdigen Gelegenheit repräsentieren zu dürfen.»

Sobald die Messe vorbei ist, verbrüdern sich die Soldaten. Einige der Deutschen sprechen Englisch, haben zum Teil sogar im Vereinigten Königreich gelebt. Adressen werden notiert, Zigarren, Pfeifen, Münzen und Tabak getauscht. Walter Imlah: «Ich konnte all die Grausamkeiten, die sie begangen haben sollen, auf einmal nicht mehr glauben. Es schien, als ob sie diese schreckliche Kriegstreiberei leid waren.» Ein anderer britischer Soldat schreibt in einem Brief an die Heimat, er habe mit einem der Deutschen gesprochen, er habe ihm berichtet, die Deutschen wollten keinen Krieg und der deutsche Kaiser handle falsch.

Fussbälle statt Bleigeschosse

Von anderen Frontabschnitten sind sogar Fussballspiele belegt, die an Weihnachten 1914 stattgefunden haben. Meist warf ein Brite einen Fussball auf das Niemandsland, und es entwickelte sich ein loses Gekicke. Einige Quellen berichten von einem richtigen Fussballspiel, bei dem zwei Mannschaften auf Tore gespielt haben. Je nach Quelle endete das Match 3:2 für die Deutschen oder 4:1 für die Schotten.

Geplant war, dass der Waffenstillstand bis um vier Uhr nachmittags andauert. Doch die Soldaten vereinbarten untereinander, dass kein Schuss abgegeben werden soll. Es soll nur geschossen werden, wenn der Gegner zuerst schiesst. Der Morgen des 26. Dezembers kam dann auch, ohne dass es knallte. Wieder waren die Deutschen vor ihren Schützengräben aufgetaucht, und die Szenen des vorherigen Tages wiederholten sich.

Am Frontabschnitt, an welchem Walter diente, hielt der Waffenstillstand noch einige Zeit. An anderer Stelle wurde schneller wieder geschossen. Die Friedensvereinbarungen fanden nur punktuell entlang der Westfront statt. Dennoch waren ungefähr 100 000 britische und deutsche Soldaten daran beteiligt. Walter Mackay Imlah stieg während des Krieges noch bis zum Rang eines Hauptmanns auf und starb im Jahr 1926 mit 43 Jahren an Meningitis. Er hinterliess eine Witwe und vier Kinder.

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