Literatur

«Weibliche Michel Houellebecq»: Marion Messina mit ihrem bitteren Romandebut

Die französische Schriftstellerin Marion Messina.

Die französische Schriftstellerin Marion Messina.

Mit ihrem Grossstadt-Schauermärchen «Fehlstart» zeichnet Marion Messina das Bild einer verlorenen Generation in Frankreich.

Ist die 29-jährige Marion Messina der neue literarische Shootingstar aus Frankreich? Der aufdringliche Marketing-Vergleich des Verlags «in einer Reihe mit Autoren wie Virginie Despentes und Michel Houellebecq» liegt zumindest auf der Hand. Marion Messinas Thema: Eine schon früh von verwehrter Zukunft komplett erschöpfte, hoffnungslose junge Generation, die ihre Träume im Saufen, hohlen Feiern und unverbindlichem Sex beerdigt.

Das Bühnenbild: Frankreich nach 2008, das seine Studienabbrecher in Niedriglohnjobs abschiebt, wo sie von einem entwürdigenden Neoliberalismus im trostlos gehetzten Leerlauf als Hostessen oder Pizzakuriere verkümmern.

Keine Chance für ein würdevolles Leben in stabilen sozialen Beziehungen. Wie Houellebecq serviert Marion Messina alles mit beissendem Sarkasmus, präzisem, soziologischem Röntgenblick und einer wehmütigen Romantik: Statt Zukunftsglaube herrscht Verbitterung, Porno hat den Sex verseucht, der soziale Aufstieg mittels Bildung ist ein verlogenes politisches Versprechen.

Und weil Messinas Zivilisationsekel von einem nostalgischen Konservatismus umweht wird, ist ihre Verwandtschaft mit dem grossen literarischen Vorbild Houellebecq offensichtlich.

Immerhin erspart Messina ihrer Heldin den Suizid

Damit ist die Gemeinsamkeit erschöpft. Das ist gut so. Denn Marion Messina erzählt aus der Perspektive einer verletzlichen, gutmütigen jungen Frau – was das Buch bei aller Härte anrührend macht.

Es ist im Grunde eine Genre-Geschichte: Romantische Studentin aus der Unterschicht, eine Aussenseiterin aus der Provinz, träumt vom sozialen Aufstieg, verirrt sich in romantischer Liebessehnsucht nach einem beziehungsunfähigen Künstler-Bohemien, vereinsamt in der Grossstadt und kehrt am Ende gebrochen in die Provinz zurück.

Immerhin: Marion Messina erspart ihrer romantischen Heldin den Suizid, Aurélie beendet ihren Paris-Albtraum mit einer Abtreibung.

Fasst man den Roman in seiner Storyline zusammen, tönt es wie düsterer Kitsch eines modernen Schauermärchens. Denn genrehaft klischiert ist auch das Geschlechterbild: Aurélie verzehrt sich in Liebessehnsucht, ihr Liebhaber Alejandro ist jedoch ein pragmatischer Egozentriker.

Die Autorin füllt den Roman zudem mit ausufernd pittoresker Lust am Erbärmlichen. Dass sie dabei seitenlang alles bis ins Detail erklärt statt zu erzählen, wirkt leider immer wieder dozierend.

Trotz einigen Klischees ein erschütternd guter Roman

Trotzdem liest man diesen Roman mit Erschütterung: Das hat einerseits mit dem Talent der Autorin zu tun, die den Stilwechsel von Sarkasmus, soziologischer Analyse und hellen Momenten der Sanftheit mühelos schafft. Die Erschütterung kommt auch von den atemlosen, fabelhaft präzisen Schilderungen des jugendlichen Prekariats und mit dem Motiv der Entfremdung.

Messina verfällt gerade nicht in das süffige Houellebecq-Lamento des westlichen Werteverfalls. Sie ortet die Entfremdung in der Sprache. Die Menschen leben ihr Dasein in abgedroschenen Redensarten. Marion Messina nimmt so die Mentalitätsanalyse auf, die seit Roland Barthes «Mythen des Alltags» zum scharfen Instrument der Gesellschaftskritik geworden ist.

Einen Ärger wird man allerdings nicht los: Der Roman ist im französischen Original im Jahr 2017 erschienen und erst jetzt ins Deutsche übersetzt. Seither hat man den Frauenstreik und die Klimademos als Massenbewegungen erlebt, die dem Bild erschöpfter Hoffnungslosigkeit ein anderes Jugendbild entgegenstellt.

Man mag diesen Roman als weiteres Warnsignal lesen, wird aber den Eindruck nicht los, dass er schon nach drei Jahren veraltet ist.

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