Sie scheint unstillbar zu sein und sie kehrt in Wellenbewegungen wieder: die Sehnsucht nach dem Orient, den Mysterien des Ostens. Goethe schrieb seinen «West-östlichen Diwan». Schopenhauer verehrte die «Bagavadh Gita», eine der zentralen Schriften des Hinduismus. Hesse fuhr selbst hin, und bald schon brachten die ersten Yogalehrer den Europäern das «Om» bei. Karawanen von Hippies tuckerten haschumnebelt oder in asketischer Absicht nach Indien. Billigreisen und die neue Yoga- und Achtsamkeitswelle lassen derzeit viele wieder den Rucksack packen, um das Land zu bereisen, in welchem Buddha einst das Nirwana erfand.

Friederike Kretzen ist auch mal nach Indien gefahren, 1975 wars, sie damals 20 Jahre alt. Sie sei kein Hippie gewesen, sei eher zufällig Leuten begegnet, die schon mal dort waren und sich nochmals auf den Weg machten, mit dem Plan, das Reiseauto in Indien zu verkaufen. Sie habe die Reiselust von ihrer Mutter geerbt, sagt Kretzen heute. Die Mutter unterstützte die Reise der Tochter im Vertrauen darin, dass diese Wichtiges lernen würde. Und so kam es auch.

Indien verändert alles

Die Fahrt über den Iran führte nach Afghanistan. «Ein wahnsinnig schönes Land – damals», sagt sie. Es sei eine überwältigende Erfahrung von Natur, Weite und Kulturreichtum gewesen. Dann kam der Schock. «Indien hat mich total überfordert.» Indien komme einem immer zu nah. Indien sei pure Intensität.

Danach war nichts mehr wie vorher. Vorher, da war die Zwanzigjährige eine deutsche Soziologiestudentin, eine Marxistin, im Studententheater aktiv, einigermassen klar im Kopf. Aber nach dieser Reise sei alles anders gewesen. «Alle einfachen Konzepte, die Welt zu verstehen, waren dadurch erledigt», sagt sie heute, 33 Jahre nach der Reise, als gestandene Schriftstellerin, die neun Romane veröffentlicht hat. Für ihren letzten wurde sie dieses Jahr mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet. Das Buch heisst «Schule der Indienfahrer». Darin steht der Satz: «Wehe dem, der Indien in Indien sucht.»

Im Gespräch mit Friederike Kretzen wird klar, worin die Verführungskraft dieser Autorin besteht. Sie öffnet Räume, die ohne sie nicht einfach erschliessbar wären. Es sind Denk- und Gefühlsräume. Sie spricht über die Wirklichkeit so, als ob deren Grenze zum Traum durchlässig sei. Sie sagt Sätze wie: «Vieles ist ja wirklich. Zum Beispiel diese Skulptur dort. Dieses Haus hier. Aber wir? Da bin ich mir schon nicht mehr so sicher ...» Sagts und lacht.

Wir betreten die Gedankenkammer der Sehnsucht. Ihr neues Buch spricht in weiten Teilen von dieser. Von der damaligen Sehnsucht, die eine Gruppe Jugendlicher in einem kleinen Café in Giessen heraufbeschwor. Wichtig sei, dass man Sehnsucht haben könne. Ob sie erfüllt werde, sei Nebensache, sagt Kretzen. Dass sie nicht erfüllt werde, spreche auch nicht gegen sie. «Genauso wie das Scheitern der Revolution nichts mit der Revolution zu hat.»

Revolution. Ein weiterer Gedankenraum, der die Autorin beschäftigt. Kretzen hat eine Zeit erlebt, als sie in der Luft lag, die Revolution. Sie sieht keinen Widerspruch darin, dass ihre Literatur sich mehr mit Erinnerung und Sehnsucht, als mit konkreter Politik auseinandersetzt. «Revolution ist etwas Prozesshaftes, Explosives, kein Zustand, den man festhalten oder stabilisieren kann. Eben auch mehr Sehnsucht als Realität.»

Über die immer wieder lancierte Suche nach dem Nachfolger von Max Frisch als politisch engagiertem Autor lacht sie: «Das ist doch eine reine Väter-Söhne-Geschichte. Alle laufen hinter dieser hoch gehängten Wurst her. Im Moment ist Lukas Bärfuss der selbst ernannte Anwärter auf den Thron.» Das seien für sie jedoch reine Politikerpositionen, die mit Literatur nichts zu tun hätten. «Die Sprache der Politik ist so was von erstarrt und tot. Mit der lässt sich ja gar nichts mehr sagen!»

Spricht da eine weltabgewandte Poetin? Eine Enttäuschte, die sich in den Elfenbeinturm zurückgezogen hat? Dass die Welt eben nicht so simpel ist wie dieses eben zitierte Bild von der Dichterklause, genau davon handeln ihre Bücher. Genau darin sieht sie die Arbeit einer Schriftstellerin: «Die Verantwortung der Schreibenden ist es, an der Sprache zu arbeiten. Und hinzuschauen.» In Sachen Indien beispielsweise hat Kretzen genau hingeschaut. 2013 war sie ein zweites Mal dort.

«Indien ist das brutalste Land, das es gibt. Da liegen Menschen tot auf der Strasse und es interessiert niemanden. Geschweige denn die Arbeitsbedingungen oder die Stellung der Frau.» Diese Realität streift ihr Indientext jedoch nur am Rand. Sie schreibt viel mehr darüber, wie das Trug- und Sehnsuchtsbild Indien in unseren Köpfen entsteht, sich dort ablagert, sich über die Jahre verändert und uns immer wieder auf die Reise schickt.

Kretzens «Schule der Indienreisenden» beinhaltet 27 Lektionen. Wie würde sie selbst diese zusammenfassen? Die Autorin antwortet mit einem Gleichnis, auf das sie ein iranischer Dichterkollege hingewiesen habe. Es sei wie mit den 40 Vögeln des Poeten Farid ud-Din Attar. «Sie machen sich auf, um Gott zu suchen. Am Ende der Reise bemerken sie, dass sie selbst es sind, nach denen sie gesucht haben.»

Friederike Kretzen liest in der Reihe Literatur am Mittag aus ihrem Roman «Schule der Indienfahrer». Dienstag, 17. April, 12.15 Uhr. Bibliothek Schmiedenhof, Basel