Man müsste ihn eigentlich Mister Kino nennen. Denn Ted Hope, 56, ist einer der erfolgreichsten Filmproduzenten der Welt.

Noch nie gehört? Nun, machen wir einen Test: Liefen Ihre Lieblingsfilme der letzten dreissig Jahre eher in den Arthouse-Kinos als in den Multiplex-Palästen? Ja? Dann sind die Chancen gross, dass im Abspann Hopes Name zu lesen war.

Auf sein Konto gehen preisgekrönte Independentfilme wie «The Ice Storm» (1997), «Happiness» (1998) und «21 Grams» (2003), er gilt ausserdem als Entdecker und Förderer von grossen Autorenfilmern wie Ang Lee, Todd Solondz und Michel Gondry.

Neues Haustier: Ted Hope wurde am diesjährigen Locarno Festival mit einem Ehrenleoparden ausgezeichnet.

Neues Haustier: Ted Hope wurde am diesjährigen Locarno Festival mit einem Ehrenleoparden ausgezeichnet.

Dass wir Ted Hope nicht Mister Kino nennen, liegt an seinem heutigen Job. Seit 2015 leitet er die Filmabteilung der Amazon Studios, die ihre Filme und Serien, ähnlich wie Netflix, auf einer Streamingplattform anbietet.

Hope ist derzeit am Filmfestival in Locarno unterwegs, wo ihm ein Ehrenpreis für sein Lebenswerk verliehen wurde. Eine ideale Gelegenheit, um mit ihm über jenes Thema zu sprechen, das derzeit wie ein Schatten über der gesamten Filmbranche hängt: der Zuschauerrückgang in den Kinos.

Während von Januar bis Juli 2018 fast 20 Prozent weniger Zuschauer in die Schweizer Kinos gingen als im selben Zeitraum 2017, legen Streaminganbieter wie Amazon und Netflix kontinuierlich zu.

«Denkfehler in der Filmbranche»

Ist das Kino etwa am Ende? «In der Filmbranche herrscht ein Denkfehler», sagt Hope. «Wir befinden uns wegen Streaming weder am Ende einer Ära noch an einem Anfang, sondern noch mitten in einem Prozess, in einem Wandel.»

Was er meint: Früher habe man mit geringen Mitteln wenige Filme gemacht, heute mache man mit grossen Mitteln viele Filme. Weil Streamingunternehmen in der Filmproduktion mitmischen, stehen Zuschauern heute so viele Filme zur Auswahl wie nie zuvor.

Zu viele? Hope winkt ab: «Je grösser das Angebot an Filmen, desto besser lernen wir einzuschätzen, was gut ist und was nicht. Mit Filmen ist es wie mit Essen oder gutem Wein.»

Nur: Wo führen wir uns diese Filme zu Gemüte? Im Kinosaal oder zunehmend auf der Couch? Geht denn der Filmchef von Amazon noch ins Kino? «Natürlich», sagt Hope und lacht.

«Einen Film im Kino mit anderen Menschen zu sehen, ist ganz anders, als ihn daheim alleine zu schauen. Ich liebe es, wenn der Typ neben mir in Tränen ausbricht, oder wenn das Kind in der vorderen Reihe sich vor Lachen nicht einkriegt. Diese Reaktionen, diese mit wildfremden Menschen geteilten Erfahrungen machen das Filmerlebnis lebendig.»

Amazon-Filme laufen im Kino

Anders als bei Konkurrent Netflix laufen neue Amazon-Filme zunächst ein bis zwei Monate in den Kinos, bevor sie auch auf der Streamingplattform zu sehen sind. Dank dieser Strategie werden Amazon-Produktionen regelmässig an renommierte Filmfestivals eingeladen («The Big Sick» lief in Sundance, «The Man Who Killed Don Quixote» in Cannes) sowie für Filmpreise nominiert.

Das Filmdrama «Manchester by the Sea» gewann 2017 zwei Oscars und ist bislang Amazons grösster Erfolg; das graue T-Shirt, das Hope während unseres Gesprächs anhat, trägt einen Aufdruck des Filmtitels.

Amazons erfolgreichster Film: Das Drama «Manchester by the Sea» mit Casey Affleck gewann zwei Oscars.

Amazons erfolgreichster Film: Das Drama «Manchester by the Sea» mit Casey Affleck gewann zwei Oscars.

Hope betrachtet Streamingdienste also nicht als Todesstoss für das Kino, glaubt aber, dass sich das Kino weiterentwickeln muss. Er kommt wieder auf den eingangs erwähnten Wandel zu sprechen und sagt: «Wir müssen uns gut überlegen, was das Kinoerlebnis eigentlich ist. Soll es wirklich nur die Deluxe-Version unseres Wohnzimmers sein?»

Natürlich nicht, sagt Hope, und bemüht sich um einen Vergleich: Es gebe zwei Dinge, die er an den heute ausgestorbenen Videotheken vermisse: Die Diskussionen mit der Person hinter der Kasse, die ihm sagte, ob er einen guten oder schlechten Film aus dem Regal genommen hatte, und die Tafel, auf der zu lesen war, welche Filme demnächst erhältlich sind.

«Wenn das Kino überleben will, muss es auf einen ähnlichen Servicecharakter setzen.» Darunter fallen laut Hope auch simple Dinge wie ein gutes Ticketreservierungssystem und gute Parkiermöglichkeiten.

Das Kinoerlebnis müsse effizienter werden, denn die Hürde, von der eigenen Couch aufzustehen und ein Kino zu besuchen, sei grösser denn je.

Am Ende des Gesprächs richtet der Amazon-Filmchef auch noch einen Ratschlag an die Hollywoodstudios: «Sie müssen endlich begreifen, dass sie sich neuen Dingen nicht verschliessen dürfen. Sie müssen experimentieren und immer wieder neue Stimmen fördern.» Denn von Innovationen würden alle profitieren, Studios, Kinobesitzer, das Publikum.

«Alles ist sich am Ändern: Wie Geschichten erzählt werden, wo sie erzählt werden, auf welche Art sie das Publikum ansprechen… Ich bin überzeugt: Wenn wir uns in fünf Jahren noch mal treffen und darüber sprechen, wie es dem Kino geht, werden wir sagen: Es ist verdammt spannend!»