• Heute beginnen in Zürich zum 30. Mal die Tage für Neue Musik. Das Image der Neuen Musik ist miserabel.

Das stimmt, leider. Viele haben den Bezug zur heutigen Kunstmusik verloren. Ist daran nicht auch der kommerzielle Aspekt des Musikbetriebs schuld, weil Veranstalter den Mut nicht haben, Neue Musik zu programmieren? Ein Teufelskreis: Dann hört man sie nicht, was zu noch mehr Vorurteilen führt. Dabei könnte man so viel Bereicherndes entdecken, wenn man sich einfach mit offenen Ohren ins Konzert setzt. Das Sushi hatte anfangs in Europa auch einen schweren Stand.

  • Warum soll ich meine Ohren Quietsch-geräuschen und widerspenstigen Harmonien aussetzen?

Hören ist anstrengend, wenn man Musik aktiv wahrnehmen will. Das muss so sein. Ist ein Musikwerk gelungen und mehr als Unterhaltung, fordert es die aktive Beteiligung der Zuhörer. Und das Wort «anstrengend» muss keinen negativen Beigeschmack haben! Wir nehmen viel Anstrengendes noch so gern auf uns: Sport, Ausbildung, Kinder haben. Die Abneigung dagegen, sich mit Musik anstrengen zu wollen, hat damit zu tun, dass Musik heute zur Entspannung, zur tröstlichen Berieselung missbraucht wird.

  • Wenn zeitgenössische Musik einmal nicht anstrengend ist, gilt sie als schlecht.

Es gibt natürlich Neue Musik, die seicht ist. Aber vieles ist sowohl unterhaltsam als auch tiefgründig. Man könnte gute Musik so definieren: Sie ist handwerklich gekonnt, anregend für den Intellekt und packend für die Emotionen. Es gibt viel Neue Musik, die beispielsweise durch Humor, rhythmische Kraft, Klangwucht und Originalität besticht. Aber ja, eingängig ist sie erst nach ein paarmal hören …

  • Früher strebten Komponisten von Dowland bis Debussy nach Wohlklang. Neue Musik ist nicht schön.

Was heisst schön? Auch etwas Hässliches kann schön sein! Man will ja nicht immer nur Süssigkeiten essen! Wenn man Schönheit nur mit Wohlklang gleichsetzt, befriedigt man das Bedürfnis nach Musik als Narkose, aber nicht mehr. Denken Sie an Beethoven. Gewiss ist bei ihm viel «Schönes», aber auch viel Provokatives und Grauenerregendes. Es ist wichtig für einen Komponisten, das Publikum unterhalten oder einlullen zu wollen, aber ebenso, es zu schockieren oder wachzurütteln. Eine persönliche Anekdote: Ich habe öfters versucht, Musik zu komponieren, die absichtlich nicht schön sein sollte, sondern verwirrend und aneckend. Die Leute fanden sie aber schön— dumm gelaufen.

  • Wieso darf Zeitgenössische Musik keine Melodie haben?

Was ist eine Melodie? Man könnte sie definieren als Spannungsbogen zwischen mehreren Tonhöhen, die nach ästhetischen Prinzipien geordnet sind. Vielleicht müssen unsere Ohren Spass daran ent-
wickeln, Melodien an unerwarteten Orten aufzuspüren. Denn eine Melodie kann auch einfach die Distanz zwischen zwei Tönen sein! Ausserdem gibt es doch
schon Tausende schöne Melodien, müssen dann in jedem Konzert noch mehr vorkommen?

  • Man sagt, in der Neuen Musik sei für jeden Geschmack etwas dabei.

Genau, denn es gibt nicht nur «die Zeitgenössische Musik», sondern es gibt so viele zeitgenössische Musiken wie es Komponistinnen oder Experimentierende gibt.

  • Wie finde ich diese Tage die Komposition, die mir gefällt, ohne mich vorher durch fünf Konzerte mit Kettensägengekreisch durchzukämpfen?

Moment! Vielleicht gefällt Ihnen das Geräusch der Kettensäge! Mir scheint, dass sich beispielsweise das Geräusch des Laubbläsers in der Schweiz grösster Beliebtheit erfreut. Natürlich gibt es keine Garantie, dass Sie ausgerechnet jenes tolle Werk erwischen, das Ihr Leben verändert. Aber warum nicht ein wenig risikofreudig sein? Das sind wir sonst auch: Wir schmeissen uns gern von einer Klippe mit nur einer Schnur um den Fuss, wir spekulieren mit Geld, das nicht existiert. Wenn man verschiedene Sachen ausprobiert, ist die Chance gross, etwas Aufregendes zu entdecken. Übrigens: Wieviel musikalischen Schrott mussten sich Mozarts Zeitgenossen anhören, um zu einem Geniestreich von Mozart zu gelangen?

  • Neue Musik ist elitär. Als seien das codierte Klänge für Eingeweihte.

Das ist aber nichts Neues! Die Musik von Mozart oder Mahler strotzt vor Codes. Musik lebt auch von ihrem Bezug zur Tradition. Nun könnte man das Publikum in drei Gruppen unterteilen: in eine Minderheit, die sehr viele in der Musik versteckte Assoziationen entschlüsselt und dadurch in ein volles «Verständnis» der Musik kommt. Dann eine grosse Gruppe, bei der im Konzert einige Erinnerungen wachgekitzelt werden. Und natürlich gibt es eine Gruppe, die nichts vom Spiel mit Vergangenem mitkriegt. Sie kann die Oberfläche der Musik auch geniessen, indem sie sie spannend, lustig oder schön findet.

  • Wenn man erst im Konzert sitzt, ist Neue Musik fast immer interessant.

Natürlich, weil man sie noch nie gehört hat! Es ist wie Zugfahren mit dem Rücken in Fahrtrichtung: Sie sehen, was gewesen ist, und haben deswegen Erwartungen, was kommen könnte. Aber dann kommt es vielleicht ganz anders, und das ist spannend!

  • Beim Fall der Berliner Mauernicht dabei gewesen? Kein Ticket für die Oscarverleihung? Zeitgenössische Musik ist ein Ticket in die Geschichte ….

… zumal man sich auch noch fabelhaft durch einen Blick ins Internet nach Namen, Werdegang, stilistischer Positionierung und Rezeption der Komponistin oder des Komponisten erkundigen kann. So lässt sich einfach abschätzen, ob der Abend das Zeug zum Skandal hat!

Edward Rushton ist Komponist und Professor für Liedbegleitung. Für das Zürcher Opernhaus und die Bregenzer Festspiele hat er diverse Kammeropern komponiert (u. a. «Harley», «The Shops»). Mit seiner Familie lebt er in Zürich.

Tage für Neue Musik 16. bis 20.11. Diverse Spielorte, www.stadt-zuerich.ch/tfnm