Stadtmobiliar
Was für ein Zirkus! Wird Kunst im öffentlichen Raum immer grössenwahnsinniger?

Seilbahnen, Achterbahnen, Karussells – das Stadtmobiliar in vielen Weltmetropolen erinnert immer öfter an einen Rummelplatz. Was steckt hinter den Ungetümen?

Adrian Lobe
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Überdimensionierter Kletterturm: «The Orbit» vor dem Olympiastadion in London.

Überdimensionierter Kletterturm: «The Orbit» vor dem Olympiastadion in London.

KEYSTONE

Was soll das sein? Ein überdimensioniertes Klettergerüst? Eine Achterbahn? Ein verbogener Baukran? Ein Radiomast? Auf den ersten Blick erschliesst sich dem Betrachter nicht, was die rote, spiralförmige Struktur vor dem Londoner Olympiastadion darstellen soll. Bei näherem Hinsehen wird deutlich, was sich hier in den Londoner Himmel reckt.

«The Orbit», wie das stählerne Ungetüm heisst, ist ein 115 Meter hoher Aussichtsturm, um dessen Rumpf sich fast schwerelos, wie eine Geschenkschleife, ein 500 Meter langes, 1500 Tonnen schweres Stahlrohr schraubt. Ein Fahrstuhl führt zu einer ausladenden Aussichtsplattform, die wie ein Diskus anmutet.

Die begehbare Skulptur, die nach ihrem Sponsor, dem aus Indien stammenden Stahlmagnaten Lakshmi Mittal und seinem Konzern, Arcelor Mittal, benannt ist und vom Stadtmarketing als «grösstes Kunstwerk im öffentlichen Raum in Grossbritannien» promotet wird, schuf der in Mumbai geborene Bildhauer Anish Kapoor gemeinsam mit dem Statiker Cecil Balmond.

Die Turnerpreisträger arbeiteten bereits beim Entwurf der riesigen Skulptur «Marsyas» in der Turbinenhalle der Tate Modern zusammen. Den Baustoff für die insgesamt 19,1 Millionen Pfund teure Skulptur lieferte der Stahlriese Arcelor Mittal.

Ikonisches Statement

Londons damaliger Bürgermeister Boris Johnson wollte mit dem Bauwerk pünktlich zu den Olympischen Spielen 2012 ein architektonisches Denkmal setzen. Er und seine Olympia-Ministerin Tessa Jowell waren der Ansicht, dass der Olympia-Park eine Attraktion benötige. Also schrieben sie einen Ideen-Wettbewerb aus.

Laut einem internen Planungsdokument sollte die Skulptur «ein ikonisches Statement über die Turmhaftigkeit» treffen. Die Planer hatten die Vision, ein «epochemachendes» Bauwerk zu errichten, das sich in einer historischen Kontinuität mit dem Empire State Building, Eiffelturm und den Pyramiden einreiht.

Aus den hochfliegenden Plänen wurde nichts – die von Kapoor geschaffene Skulptur konnte sich im Ranking der Stadtbewohner bislang nicht in die dünnluftigen Höhen von Big Ben, Tower Bridge und Nelson-Denkmal einreihen. Als Johnson das Werk bei seiner Einweihung in Augenschein nahm, fühlte er sich an eine Wasserpfeife erinnert.

Der Architekt Doughlas Murphy kritisiert in seinem Buch «Nincompoopolis», dass The Orbit der Ausdruck städtebaulichen Grössenwahns sei, ein Monstrum, das veranschauliche, wie der öffentliche Raum von unsichtbaren Marktkräften überformt und privatisiert werde. «Jeder Versuch, sich der Struktur zu nähern, bringt einen gegen einen Sicherheitszaun und hält einen zurück, als ob das Ding dahinter ein Horchposten oder eine Militärzone aus dem Kalten Krieg wäre.» Der Eingang sei reglementiert und kostenträchtig, die Skulptur das Ergebnis dessen, wenn der «kleine Londoner Junge auf den grossen Stahlkerl trifft», ätzt Murphy.

Auch ästhetisch hat der Autor einiges an der Struktur auszusetzen. Der dekonstruktivistische Ansatz, die Struktur durch Windungen besonders luftig erscheinen und den Turmcharakter zu verwässern, sei albern. Auch die architektonischen Anleihen am unrealisierten Tatlin-Turm im Rahmen der Dritten Internationalen erscheinen allzu offensichtlich. Das Kunstwerk wirke generisch, die Loopings lustlos am Computer als CAD-Modell entworfen. Zudem könne sich das Objekt nicht recht entscheiden, ob es Bauwerk oder Skulptur sein will.

Daran ändert auch nichts, dass der deutsche Objektkünstler Carsten Höller – wie den Rutschturm auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein – eine Riesenrutsche schuf, in der man in 40 Sekunden 76 Meter durch eine teils überglaste Röhre in die Tiefe rutschen kann. Im Gegenteil: Dieser Event-Charakter mache die Stadt immer mehr zu einem Themenpark.

Auch die 150 Millionen teure Skulptur «Vessel», die derzeit nach den Plänen des britischen Architekten Thomas Heatherwick in New York entsteht, ist eine Installation, die sehr stark auf Begehbarkeit und Erlebnis angelegt ist und der gebauten Umgebung die Schau stiehlt.

Für Murphy sind derlei Konstruktionen – etwa der von Siemens errichtete Glaspalast «The Crystal» – «Affronts am Urbanismus» – ein postmodernes Allerlei und der Versuch, die Landschaft bis zur Unkenntlichkeit zu «infantilisieren». Als Paradebeispiel für diesen privatisierten Themenpark-Charakter der Stadt führt der Architekturkritiker die Seilbahn Emirates Air Line an, die ebenfalls zu den Olympischen Spielen 2012 eingeweiht wurde und zwischen den Haltestellen Greenwich Peninsula und Royal Docks die Themse überquert.

Schon vor der Station Emirates Greenwich Peninsula, auf der das Emirates-Logo prangt – die Fluglinie ist gleichsam Sponsor und Namensgeber des Stadions, in dem Arsenal London seine Heimspiele austrägt – fragt sich der Besucher: Ist das eine Tube-Station? Ein Fahrgeschäft? Oder eine PR-Veranstaltung?

Murphy schreibt: «Wenn das ein Verkehrsknoten ist – warum hat es dann die Absperrgitter, die man mit einem Rummelplatz assoziiert? Wenn es eine Attraktion ist – warum hat es dieselben Sperren wie das Tube-Netz? Aber wenn es Teil des öffentlichen Verkehrsnetzes ist – warum werden die Tickets dann als Boarding-Pässe bezeichnet? Und warum trägt das Personal Uniformen wie eine Kabinencrew?»

Reine Touristenattraktion

Der Passagier fühlt sich in dem sterilen Glasgebäude wie in einem Flughafenterminal: Man reiht sich in die durch Absperrbänder getrennte Warteschlange ein, «boardet» eine Kabine und schwebt mit der Seilbahn über die Themse, von wo aus man die Stadt wie in einer Blase durch die verstrebten Glasscheiben sieht.

Das Flugerlebnis – im offiziellen Firmensprech heissen die Fahrten «Flüge» – ist freilich simuliert. Die «Fluglinie» ist zwar ein offizielles Verkehrsmittel, doch dient sie nicht in erster Linie dem Transport, sondern dem Branding – die Seilbahn ist ein Vehikel, den Firmennamen Emirates in die Stadt einzuschreiben.

Kaum ein Londoner nutzt das Verkehrsmittel zum Transport – die Seilbahn ist bloss eine Attraktion für Touristen, die sich für 90 Pfund eine Privatkabine anmieten können, um etwa auf einem «Nachtflug» London in der Nacht aus 90 Meter Höhe zu erleben. Es hat etwas von Disneyland.

Die Seilbahn ist mehr ein Fahrgeschäft als ein Transportmittel in einem Vergnügungspark namens Stadt – wie das Riesenrad auf der Place de la Concorde in Paris oder das Karussell an der Piazza della Repubblica in Florenz, das dort zur Dauereinrichtung wird. Seilbahnen, Achterbahnen, Karussells – das Stadtmobiliar erinnert an einen Rummel.

Und genau darauf will Murphy in seinem Buch hinaus: Indem private Geldgeber Installationen im öffentlichen Raum errichten, wird die Stadt zu einer beliebigen Fläche, deren Attraktionen man wie auf einer Kirmes auf- und abbauen kann.

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