Kunst

Warum Solo-Shows im Vormarsch sind

Claude Monet erfüllt alle Kriterien eines Jahrhundertkünstlers. Seine atmosphärischen Meisterwerke, wie hier abgebildet die «Nebel über der Themse», werden in der Fondation Beyeler für Besucherandrang sorgen.

Claude Monet erfüllt alle Kriterien eines Jahrhundertkünstlers. Seine atmosphärischen Meisterwerke, wie hier abgebildet die «Nebel über der Themse», werden in der Fondation Beyeler für Besucherandrang sorgen.

Die Themenschau hat im heutigen Kunstbetrieb einen schweren Stand. Das Kunstjahr kündigt sich mitvorwiegend monografischen Ausstellungen an. Ein Blick in den Schweizer Ausstellungskalender – und darüber hinaus.

Noch bis zum 22. Januar zeigt das Kunstmuseum Lausanne das malerische und fotografische Werk des 1912 verstorbenen schwedischen Schriftstellers August Strindberg. Seinem französischen Zeitgenossen Claude Monet gilt gleich anschliessend in Riehen ein Fest in Licht und Farbe: Die Fondation Beyeler präsentiert anlässlich ihres 20-jährigen Bestehens eine breite Palette an Landschafts- und Stadtimpressionen aus seiner Hand.

Das Kunsthaus Zürich rückt im Frühling mit Ernst Ludwig Kirchner den Schweizer Expressionismus in den Blick, während Chur Andreas Walser, den jung verstorbenen Kirchner-Schüler, in Aussicht stellt – eine Entdeckung am Rand der kunstwissenschaftlichen Hauptströme. Unter dem Titel «Arp Gehr Matisse» stellt das Kunstmuseum St. Gallen den Ostschweizer Ferdinand Gehr, bis Ende Januar noch monografisch im Kunstmuseum Olten zu sehen, in den Kontext der internationalen Avantgarde.

Namen, Namen, Namen

Statistisch dominiert im Kalender 2017 die Einzelausstellung. In Kunsthallen und Kunstvereinen, die es sich zur Aufgabe machen, junge Positionen mit dem internationalen Parkett kurzzuschliessen, neigt der Jahresplan ebenso zur Namensliste wie in Institutionen mit historisch gewachsenen Sammlungen. Die monografische Schau ist auch da die Regel, wo wissenschaftlich qualifiziertes Personal übergreifende Themen aus heutiger Perspektive ausleuchten könnte.

Für den zeitgenössischen Kunstbetrieb liegen die Gründe auf der Hand: Ausstellungen sind eine Ordnung auf Zeit und damit Motivation, Bisheriges zu überprüfen und neue Arbeiten zu realisieren. Namhafte Künstlerinnen und Künstler – nämlich solche, denen der Markt, die Fachwelt und das kunstversierte Publikum eine nachhaltige Bedeutung zuerkennen – stellen in der monografischen Schau ihre Eigenständigkeit unter Beweis. Und schliesslich sind nicht nur die Kreativen auf das Bekenntnis von Institutionen angewiesen, sondern umgekehrt auch Ausstellungshäuser auf den Publikums- und Markterfolg derer, die sie zeigen: In Zeiten, wo Betriebsbudgets von Kürzungen bedroht und betroffen sind, braucht’s Erfolgsgeschichten, finanzielle Mittel und die Nähe zum Markt, der die Bedeutungshoheit künstlerischer Positionen vorzeichnet und manche temporäre Schau direkt oder indirekt mit Produktionsbeiträgen unterstützt.

Kostspielige Gruppenausstellungen

Unabhängig davon, ob sie ein Kapitel der Kunstgeschichte nachzeichnen oder die Kunst auf eine Frage der Gegenwart ansetzen: Vom Konzept über die Vermittlung bis zu den logistischen Verästelungen sind Themen- und Gruppenausstellungen aufwendig und teuer. Umso schöner, wenn sie dennoch zustande kommen – wie in Basel, wo königliche Meisterwerke zu erwarten sind: Nachdem der Gastgeber 2015 zehn wichtige Picassos nach Madrid reisen liess, revanchiert sich der Prado mit Sammlungsstücken erster Güte: Tizian, Zurbarán, Velázquez oder Goya suchen vom April bis in den Spätsommer die Nachbarschaft zu nord- und mitteleuropäischen Bildern ihrer Epoche.

Das Kunstmuseum Bern nimmt den 100. Jahrestag der russischen Oktober-Revolution zum Anlass, Abstraktion und Konstruktivismus auf ihren revolutionären Antrieb zu untersuchen. Nach einer Themenschau zur Liaison zwischen Kunst und Kino lenkt das Aargauer Kunsthaus ab Mai den Blick auf das wenig beachtete Kapitel der Schweizer Pop Art.

Thematische Ausstellungen setzen kritische Distanz voraus. Sie brauchen, wenn sie gelingen wollen, souveräne Inszenierungen und ein Vertrauen, dass sich Kunst auch in unvorhersehbaren Nachbarschaften und unter übergreifenden Fragestellungen bewährt. Das Kunstmuseum Thun verspricht unter dem Titel «Mirror Images» ab Februar mit Kunst und medizinalen Abbildungen eine Sensibilisierung auf Körperbilder. Die Hauptausstellung im Kunstraum Baden nimmt ab Ende April unser liebes Geld in den Blick: «Money makes the world go round». Während Internationalität längst zum Kriterium des Erfolgs geworden ist, fragt die Kunsthalle Zürich ab März mit «Speak, Lokal» nach dem Stellenwert des Lokalen: Sind nicht auch die Bedeutendsten, die Wichtigsten, Anerkanntesten und Teuersten irgendwo lokal daheim?

Auf der Achse von Süd nach Nord

International wird’s hoch zu und hergehen, lädt doch das Jahr 2017 zum grossen Parcours auf der Achse von Süd nach Nord: Die 57. Ausgabe der documenta ortet dieses Jahr nicht nur in Kassel, sondern auch im wirtschaftlich gebeutelten Athen Themen Europas und der Welt. Für die Biennale in Venedig regen sich Kuratoren und Künstlerinnen, das weltweit Dringlichste im aktuellen Schaffen zusammenzuführen. Und im westfälischen Münster stimmt eine Vortragsreihe schon seit Monaten auf die «Skulpturprojekte» ein, die alle zehn Sommer mit Kunst in der Stadt dem öffentlichen Raum neue Diagnosen stellen.

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