Wer Andrew Garfield in einem Film sieht, möchte ihn am liebsten in den Arm nehmen. Der 34-jährige Brite mit amerikanischen Wurzeln spielt mit Vorliebe Typen, die einem leid tun können.

Beispielsweise den Mitgründer von Facebook, der am Ende des Films «The Social Network» von Mark Zuckerberg aufs Abstellgleis geschoben wird. Oder den Sanitäter in «Hacksaw Ridge», der mitten im Kriegsgebiet auf keinen Fall eine Waffe in die Hand nehmen möchte. Oder den Jesuitenpriester in «Silence», der im fernen Japan mit seinem Glauben ringt. Auch sein neuer Kinofilm «Breathe» meint es nicht gut mit ihm.

Filmtrailer «Breathe»

Filmtrailer «Breathe»

Als wir Garfield in Zürich zum Interview treffen, sitzt er da wie ein Häufchen Elend. Gebückter Rücken, Stift in der Hand, sein Blick auf ein paar Kritzeleien gesenkt. «Ich fühle mich heute nicht so wohl», erklärt der Hollywoodstar mit leiser Stimme, «dieser ganze Rummel überwältigt mich manchmal.»

Dieser Rummel begleitet Garfield, seit er zwischen 2012 und 2014 zweimal den Superhelden Spider-Man spielte und weltberühmt wurde. Doch selbst für diese Rolle könnte der Schauspieler einem leid tun, denn sein fest eingeplanter dritter Auftritt kam nie zustande – stattdessen wurde Garfield 2016 durch den 13 Jahre jüngeren Darsteller Tom Holland ersetzt.

So kennt man ihn am besten: Andrew Garfield 2012 in «The Amazing Spider-Man».

So kennt man ihn am besten: Andrew Garfield 2012 in «The Amazing Spider-Man».

«Ich bin darüber nicht unglücklich», gibt Garfield zu. «Ich liebte es, Teil dieses Spider-Man-Universums zu sein, aber was folgte, hat mich in kreativer Hinsicht viel stärker erfüllt.»

«Ich musste weinen»

Garfield meint damit die Freiheit, nun Rollen in Filmen mit kleineren Budgets annehmen zu können, in denen er sich nicht an Spinnennetzen zwischen Hochhäusern umherschwingen muss. Filmen wie «Breathe», der auf einer wahren Geschichte beruht.

Garfield spielt darin Robin Cavendish, einen britischen Unternehmer, der in den Fünfzigern im Alter von 28 Jahren an Kinderlähmung erkrankte und den Rest seines Lebens im Bett bzw. im Rollstuhl verbrachte.

«Breathe», der von Cavendishs eigenem Sohn Jonathan produziert wurde, ist wie ein Werbefilm für Taschentuchhersteller: Bilder in goldenem Licht, ein junges hübsches Paar, ein grosser Schicksalsschlag. Hier bleibt kein Auge trocken – auch nicht jene des Hauptdarstellers: «Schon als ich das Drehbuch las, musste ich weinen.»

Zum Weinen: Robin Cavendish (Andrew Garfield), seine Frau Diana (Claire Foy) und ihr Sohn Jonathan, der heute Filme produziert.

Zum Weinen: Robin Cavendish (Andrew Garfield), seine Frau Diana (Claire Foy) und ihr Sohn Jonathan, der heute Filme produziert.

Da Cavendish halsabwärts gelähmt war, spielt Garfield nur mit dem Gesicht. Stundenlang habe er dafür vor seinem Spiegel geübt, erzählt er. Das Resultat ist ergreifend. «Wenn man keinen Körper mehr hat, füllen sich die Augen von alleine mit Leben. Robin suchte um jeden Preis den Anschluss an seine Umwelt, und seine Augen und sein Gesicht wurden zu seinem Instrument dazu.»

Die Geschichte von Robin Cavendish ist aber auch eine hoffnungsvolle. Cavendish wehrte sich dagegen, für den Rest des Lebens an ein Bett gefesselt zu sein. Zusammen mit einem Oxford-Professor entwickelte er eine batteriebetriebene Beatmungsmaschine, die sich an einem Rollstuhl befestigen liess – was nicht nur Cavendish, sondern auch unzähligen anderen Patienten eine für nicht möglich gehaltene Mobilität ermöglichte.

Garfield bewundert diesen eisernen Willen und sieht in Cavendish ein Vorbild: «Jeder und jede von uns hat mit bestimmten Einschränkungen zu kämpfen. Cavendish führte vor Augen, was möglich ist, wenn wir uns von ihnen zu befreien suchen.»

Hoffnungsvoll: Dank einem neuartigen Rollstuhl konnten Patienten wie Cavendish endlich wieder an die frische Luft.

Hoffnungsvoll: Dank einem neuartigen Rollstuhl konnten Patienten wie Cavendish endlich wieder an die frische Luft.

Robins grosse Stütze war seine Ehefrau Diana (genial dargestellt von Claire Foy). Sie hält selbst in schlimmsten Zeiten zu ihm, zweifelt keine Sekunde an ihrer Liebe und opfert alles für Robin. «Was Diana auf sich nahm, kann man nicht in Worte fassen», sagt Garfield. «Was der Film zeigt, ist, dass wir alle aufeinander angewiesen sind. Nur so können wir dem Leben einen Sinn geben. Wir brauchen einander.»

Sinnieren über die Existenz

Garfield ist für solche Aussagen bekannt, hat den Ruf, in Interviews stets ernst und kontemplativ zu sein. «Ich bin nicht sonderlich gut darin, lustige Anekdoten zu erzählen. Mir ist es viel wohler, über existenzielle Fragen zu sprechen.»

Nach diesem Schema suche er sich auch seine Filmrollen aus. «Ich brauche einen Ort, an dem ich meine Neurosen ausleben und mir über gewisse Dinge den Kopf zerbrechen kann.»

Storytelling, sagt der Schauspieler, sei doch nichts anderes als ein Sinnieren über die menschliche Existenz. «Wenn wir Geschichten erzählen, versuchen wir, dem Leben eine Bedeutung, einen Rahmen zu geben. Um es weniger chaotisch zu machen, um Unsicherheiten abzubauen.»

Andrew Garfield, hier als Stargast am Zurich Film Festival 2017, ist kein Fan des grossen Rummels um seine Person.

Andrew Garfield, hier als Stargast am Zurich Film Festival 2017, ist kein Fan des grossen Rummels um seine Person.

Die leise Intensität, mit der Garfield spricht, steckt auch in jedem seiner Filmauftritte. «Ich habe als Jugendlicher viel Sport getrieben, daher kommt wohl dieser innere Drang, sich einer Sache völlig hinzugeben.» Es ist dieser Drang, der es Garfield erlaubt, seine ungeheure Empfindsamkeit nach aussen zu spiegeln, für das Kinopublikum spürbar zu machen.

Das ist so mitreissend, dass uns die all zu kitschige Inszenierung von «Breathe» kaum stört. Dafür würden wir Garfield gerne in den Arm nehmen – nicht aus Mitleid, sondern aus purer Dankbarkeit.

Breathe (GB 2017) 118 Min. Regie: Andy Serkis. Ab Donnerstag, 19. April im Kino. ★★★☆☆