Hungerkur
Von wegen Entgiftung des Körpers: Diäten verkürzen das Leben

Es gibt «Knackpunkte» im Jahresverlauf, an denen besonders oft gefastet wird – nach der opulenten Weihnachtszeit etwa oder vor der Bikini-Saison im Sommer. Doch aktuelle Studien zeigen, dass man sich diese Abspeckpläne sorgfältig überlegen sollte.

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So wurde kürzlich in der New York School of Medicine eine Frau mit Erbrechen und lebensbedrohlicher Atemnot eingeliefert. Ein Labortest ergab: Ihr Blut war vollkommen übersäuert. Auf Nachfragen gab die übergewichtige Frau zu, gerade eine Atkins-Diät durchzuführen. Einen Monat lang hatte sie Nudeln, Brot und andere kohlehydratreiche Lebensmittel von ihrem Speisezettel gestrichen und stattdessen nur von Fleisch, Käse, Salat und Vitaminpillen gelebt.

Ihr Stoffwechsel geriet dadurch aus den Fugen, weil er sich fast nur noch aus Fetten und Eiweissen bedienen konnte. Am Ende kam es zur Ketoazidose, einer lebensbedrohlichen Übersäuerung, die man sonst von Diabetikern kennt. Die Frau hatte Glück und kam gerade noch einmal davon – und als Beispiel für das potenzielle Risiko von Diäten schaffte sie es sogar in die renommierte Fachzeitschrift «The Lancet».

Von wegen Entgiftung...

Immer öfter thematisieren Wissenschafter, wie gefährlich Diäten sein können. Auch wenn man sie weniger extrem betreibt als im geschilderten Fall. Eine langfristige Gewichtsreduktion schafft man mit ihnen offenbar nur im Ausnahmefall – doch ihre schädlichen Effekte sind daher oft umso nachhaltiger.

So kursiert unter Diätanhängern hartnäckig die Entgiftungstheorie, wonach man den Körper durch Kalorienentzug oder radikale Nahrungsumstellung von so genannten Schlackenstoffen befreien könnte. Bei einigen Heilfastenkuren werden sogar zusätzlich Darmspülungen oder Abführmittel zum Entgiften verabreicht. Wissenschaftliche Belege für die Existenz der Schlacken, bei denen es sich mal um die «Abbaustufen der Neutralfette», mal um die «Zwischenprodukte eines unvollständigen Eiweissstoffwechsels» handeln soll, sind jedoch Mangelware.

«Der Körper sammelt keine Schlacken und Abfallprodukte des Stoffwechsels an», betont Caroline Bernet von der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung. Unverwertbare Stoffwechselprodukte scheidet der Organismus vielmehr ständig über Haut, Niere, Darm oder Lunge aus. Könnte er das nicht, wäre der Mensch im Laufe der Evolution schon längst ausgestorben.

Giftstoffe aus Fettdepot ausgelöst

Umgekehrt kann das Abspecken für eine regelrechte Giftdröhnung sorgen. Ein kanadisches Forscherteam entdeckte jetzt in einer Untersuchung an extrem Fettleibigen, die per Magenverkleinerung innerhalb eines Jahres rund 45 Prozent ihres Körpergewichts verloren hatten, deutlich erhöhte Schadstoffwerte im Blut.

«Die chlororganischen Verbindungen nahmen um 388 Prozent zu», berichtet Studienleiter Normand Teasdale von der Laval University in Quebec. Bei Patienten, die sich lediglich einer kalorienreduzierten Diät unterzogen hatten, waren die Giftwerte um 20 bis 50 Prozent erhöht, je nachdem, wie viel Gewicht sie verloren hatten.

Ein Team der südkoreanischen Kyungpook National University untersuchte die langfristigen Gift- und Gewichtsdaten von 1099 Probanden im Alter von über 40 Jahren. Dabei zeigte sich, dass mit jeder Diät die Blutwerte an DDT, Dioxin und den als Weichmacher bekannten Polychlorierten Biphenylen steil nach oben gingen.

«Umgekehrt zeigten die Probanden, die an Körpergewicht zulegten, deutlich niedrigere Werte», berichtet Studienleiter Duk-Hee Lee Lee. Die Dicken können sich also freuen: Sie mögen zwar in besonderem Masse durch Zivilisationskrankheiten wie Diabetes und Infarkte gefährdet sein – doch dafür kursieren in ihrem Blutkreislauf deutlich weniger Gifte.

Der Giftcharakter von Diäten erklärt sich daraus, dass die Fettdepots im Körper evolutionär auch als Zwischenlager für fettlösliche Gifte eingerichtet wurden. Eine Art «Fettquarantäne» für Umweltgifte also. Doch diese Quarantäne wird löchrig, wenn der Körper aufgrund einer Abspeckaktion auf die Fettdepots zurückgreifen muss – und dann gelangen die Gifte ins Blut und von dort aus zu anderen Organen, wo sie durchaus Schaden anrichten können.

So gelten etwa DDT und andere Chlorchemikalien als Auslöser von Krebs, die Weichmacher-Biphenyle können aufgrund ihrer hormonähnlichen Wirkung bei Männern zu Unfruchtbarkeit führen.

Diätgewohnte sterben früher

Unter diesen Vorzeichen fällt es schwer, überhaupt noch an einen lebensverlängernden Effekt von Diäten zu glauben. Und dieser Zweifel wird noch durch eine skandinavische Studie erhärtet, in der man die Lebens-erwartungen und Diätgewohnheiten von knapp 3000 übergewichtigen Zwillingen erfasste.

Das Ergebnis: Die Diät-Probanden zeigten die grösste Sterblichkeit. Und ihr Sterberisiko war selbst dann noch um 86 Prozent höher, wenn ihnen das Abspecken auch tatsächlich gelungen war. Also kein Jo-Jo, das ihre Lebenserwartung verkürzte, sondern eine letzten Endes erfolgreiche Diät.

Epidemiologe Meir Stampfer von der Harvard School of Public Health hegt daher seine Zweifel, was den gesundheitlichen Nutzen von Diäten angeht. Sein Rat: «Am besten achtet man schon in jüngeren Jahren auf sein Gewicht.» Dann brauchte man später auch keine Diät zu riskieren.