Drohende Wolken türmten sich am Mittwochabend in immer neuen Formationen über Brienz, dem Ballenberg, der «Glungge». Zwischendurch drängten sich ein Stückchen Blau und zwei, drei Sonnenstrahlen durch die grauen Gebilde: Es war, als hätte ein Maler die Kulisse für das Theater ans Firmament gepinselt, so perfekt war der Himmel in seiner Symbolträchtigkeit über der Premiere von «Ueli der Pächter». Der Himmel wird sich wohl in jeder Vorstellung anders präsentieren, doch stets wichtiger Bestandteil sein vom Ganzen. Denn die Wandelbarkeit des Himmelszeltes gehört unabdingbar zur Faszination Freilichttheater.

Auf dem Ballenberg gesellen sich, wie kaum in einem anderen Freilichttheater, die Landschaft, die Bauten, die Gärten, die Tiere dazu. Aktuell ist es das Haus von Madiswil, das zur «Glungge» aus Gotthelfs Ueli-Romanen wird. In ihr und um sie hatte sich im vorhergehenden Sommer der arme Knecht Ueli durch Fleiss und Rechtschaffenheit einen guten Namen gemacht und bewiesen, dass ein solcher mehr zählt als bares Geld.

Den richtigen Weg aufgezeigt

Heuer nun erfährt Ueli als «Glungge»-Pächter, dass Streben und Ehrgeiz nicht das Mass aller Dinge sind. Dass vielmehr Gefahren in ihnen lauern, die verheerend sein können. Ueli, der sein Bestes geben will, vergisst, wie klein der Weg von der Sparsamkeit zum Geiz ist. Er, der an das Gute im Menschen glaubt, begegnet ihrer Schlechtigkeit und wird selber böse und schlecht.

Gotthelfs Werke «Ueli der Knecht» (1841) und die Fortsetzung «Ueli der Pächter» (1848) gelten als eigentliche Bildungsromane, die den Leser auf den richtigen Weg sowohl hinsichtlich des Geldes wie auch der Ehrfurcht vor Gott führen sollen. 1954 respektive 1955 hatte Franz Schnyder die beiden Romane mit Hannes Schmidhauser und Lilo Pulver verfilmt. Nun wurde der Stoff für den Ballenberg theatralisch umgesetzt. Der in der Schweiz lebende Deutsche Tim Krohn – unter anderem 2013 Autor des Einsiedler Welttheaters und von «Vehsturz» im Landschaftstheater – zeichnet verantwortlich für beide Bühnenfassungen. Es ist wahrlich keine leichte Aufgabe, den Inhalt von über 400 Seiten starken Romanen in einem Theaterstück von 100 Minuten Länge adäquat wiederzugeben.

Nahe an Gotthelf

Er habe, sagt Krohn, sich die Filme nicht angesehen, sich ausschliesslich an die Romanvorlagen gehalten. «Ich habe gestrichen, gestrichen, gestrichen. Nur etwa zehn Sätze, vor allem bei den szenischen Übergängen, stammen von mir. Sonst besteht das ganze Stück aus original Gotthelf-Zitaten.» Trotz der massiven Reduktion des Inhaltes ist es Krohn meisterlich gelungen, das eindrückliche Geschehen zu erzählen.

Aufführung und Ambiente machen den Abend vollends zu einem grossartigen Erlebnis. Das wuchtige Dach mit seinen 160 000 Schindeln scheint die «Glungge» ebenso wie die drohenden Wolken zu bedrängen. Konträr dazu strahlen das Gärtlein, die Schweine im Pferch, die Wiese, die Obstbäume, der Wald im Hintergrund Zuversicht aus. Dazwischen spiegeln die Menschen mit ihren Nöten und Ängsten, mit ihrem Glück und ihrer Trauer das Leben damals – und heute: In Zeiten globaler Finanzkrisen und Börsenkriminalität ist «Ueli der Pächter» aktueller denn je.

Wie schon vor Jahresfrist haben die Bernerin Renate Adam und die Aargauerin Regina Wurster das Stück grossartig und einfallsreich in Szene gesetzt. Szenenwechsel – Wirtshaus, Krankenzimmer, Gerichtssaal – werden mittels Karren raffiniert veranschaulicht. Unter anderem macht ein zerstörerisches Gewitter besonders betroffen und vergnügt eine Schattentheater-Einlage das Publikum, zu dem an der Premiere auch das Ehepaar Blocher gehörte.

Überzeugendes Spiel

Musikalisch untermalt Ben Jeger das Geschehen mit harmonischen, klug durchdachten und wohldosierten Klängen. Im Mittelpunkt aber stehen – gäng wie gäng – die Darstellerinnen und Darsteller in ihren bis ins Detail stimmigen Kostümen. Einmal mehr stehen die sogenannten «Laien» dem Profi-Schauspieler Bernhard Schneider als Ueli in nichts nach. Weder in der Ausstrahlung noch in der differenzierten Intensität des Spiels und der Diktion. Ob im Zorn, in der Liebe, in Gier, Hass, Suff oder Übermut – ob vom Bauern, der Magd, dem Richter, der Quacksalberin gesprochen –, jeder Satz packt den Zuhörer. Und sollte der eine oder andere zwischendurch ob des Oberländer Idioms von Ausserkantonalen nicht gänzlich verstanden werden, so sagen Mimik und Gestik genauso viel wie tausend Worte.