Die Frau hat Mut! Mut zur grossen Geste, zu grossen Themen. Einsteins Relativitätstheorie, Planeten-Systeme, ein paar tausend Jahre Erdgeschichte, die Kunsttraditionen oder die Wirklichkeit: Darüber denkt sie nach, liest Physik, Philosophie, Belletristik, recherchiert sich Schritt für Schritt weiter – und schafft es trotzdem, unverkopfte, unmittelbar wirkende Raumskulpturen zu schaffen.

Dank dieser Kombination hat es Alicja Kwade (38) in die Weltliga der Kunst geschafft. Ihre Werke sind an Biennalen und in Museen gefragt, auch weil es sich unter den Kuratoren wohl herumgesprochen hat, dass die gebürtige Polin nicht nur eigenwillige Ideen, sondern – geprägt durch ihre letzten Jahre in Berlin? – auch handwerklich perfekte Arbeit liefert. Und zudem souverän darüber reden kann.

Ins Weltmodell

Vier riesige Arbeiten zeigt sie im Haus Konstruktiv in Zürich. Wie es sich für dieses Museum gehört, hat sie eine geometrisch exakte Konstruktion in die riesige Eingangshalle gestellt. Ein Gittersystem, das jedem Konkreten ein Heimatgefühl vermitteln würde, wären die Varianten, die Verengungen im Grundraster denn systematisch aufgebaut. Sind sie aber nicht. Sondern folgen der Notwendigkeit, die wundersam bunten Steinkugeln (die Planeten nur ähneln) ins Rechteckuniversum einschrauben zu können.

«Diese Systematiken haben schon frühere Künstler praktiziert, so kann ich heute freier damit umgehen», erklärt Alicja Kwade. Wobei ihre Arbeit sehr wohl eine Basis hat. Die liegt zum einen im Gedanken, wie sich ein Quadrat das Universum vorstellt (wie es Edwin Abbott 1884 in seinem Roman «Flatland» (Linienland) beschrieben hat, das entsprechend aus Linien, Quadraten und in der dritten Dimension aus Würfeln besteht. In dem aber runde Elemente oder gar die Dimension der Zeit ausserhalb der Vorstellung lagen. Nicht so für Kwade: Mit 17 Steinkugeln von unterschiedlicher Grösse aus allen Kontinenten und unterschiedlichen geologischen Epochen ergänzt sie Abbotts gedachte Welt. Rational erklärt, aber eben auch sichtbar und beim Gang durch das stabil gebaute, erweiterte «Linienland» als erlebbares Modell einer mehrdimensionalen Welt.

Von Einstein zu Frankenstein

Erst 2015 haben Wissenschafter die Gravitationswellen nachweisen können, die Albert Einstein in seiner Relativitätstheorie berechnet hatte. Die grafischen Modelle der Wissenschafter, die den Urknall simulieren, haben Kwade fasziniert. Mit bronzenen Uhrzeigern (schliesslich verändern die Wellen die Raumzeit) hat sie die sich wolkig ausbreitenden Kräfte nachgebildet. In zwölf luftig-schönen Reliefs, die Windanzeigen auf Meteo-Websites ähneln.

Wer in den dritten Stock hochsteigt, den halb abgedunkelte Raum betritt, meint sich in Frankensteins unheimlichem Labor. Dort, wo der Utopist mithilfe ungeheurer Energien von Blitzen, toten Körpern wieder Leben einzuhauchen hoffte. Es knistert und blitzt eng getaktet, grumselige Töne verursachen ein unbehagliches Gefühl. Doch die Ursache ist harmlos: Was wir sehen und (ungewohnt verstärkt) hören, ist die Arbeit einer gewöhnlichen an- und abschaltenden Neonröhre. Dass Kwade das Labor verdoppelt hat, die beiden Räume durch ein kupfernes Rohr mit trichterförmigen Öffnungen verbindet, verstärkt den Eindruck, in einer gefährlichen alchemistischen Welt gelandet zu sein.

Zur Wirklichkeit

Ein (fast) roher Felsbrocken und 30 000 bedruckte A4-Blätter entpuppen sich als aufschlussreichstes Werk, um Kwades Arbeitsweise auf die Schliche zu kommen. «Gegebenenfalls die Wirklichkeit» nennt es die Künstlerin. Und erklärt es so: Man nehme einen Felsbrocken, lasse jeden Punkt seiner unregelmässigen Oberfläche vermessen (was 30 000 Blätter mit x-y-z-Koordinaten füllt).

Man füttere die Messwerte einer Fräse und lasse sie eine perfekte Kopie des Steines beginnen – stoppe sie aber an gewissen Stellen («nach meiner künstlerischen Empfindung»), sodass ein Fächermuster oder gar rechte Winkel und gerade Flächen stehen bleiben. So entsteht ein Zwitter, der geologische Wirklichkeit, menschliche Bearbeitung und künstlerische Freiheit gleichzeitig in sich trägt. Man muss nicht gleich vom Stein der Weisen reden, aber Alicja Kwade ist damit ein materialisiertes Sinnbild für die künstlerische Aneignung von Wirklichkeit gelungen.

Alicja Kwade. LinienLand Haus Konstruktiv, Zürich, bis 6. Mai.

Gleichzeitig Retrospektive des kinetischen Künstlers Gerhard von Graevenitz.