Kultur

Vom Stammlokal bis zum Herrenhaus: Neues Buch geht den Spuren von Richard Wagner in Luzern nach

Ein prächtiger Text- und Bildband geht bis in den letzten Winkel den «Prachtgemäuern» nach, in denen Wagner in Zürich, Luzern und Venedig lebte. Obwohl Tribschen dabei eine Sonderrolle spielt, wurde auch Luzern keine Wagner-Stadt.

An Selbstbewusstsein hat es Richard Wagner nie gefehlt. «Endlich ein Haus, das meiner würdig ist», soll er ausgerufen haben, als er 1882 in Venedig den Palazzo Veltramin betrat, der am 13.Februar 1883 auch zu seinem Sterbehaus werden sollte.

Hier verbrachte Richard Wagner seinen glücklichsten Lebensabschnitt: Herrenhaus auf Tribschen.

Hier verbrachte Richard Wagner seinen glücklichsten Lebensabschnitt: Herrenhaus auf Tribschen.

In keinem Ort ausserhalb Bayreuths sind Bauten, in denen Wagner gelebt hat, noch heute so zahlreich vorhanden wie dort und in Luzern, Tribschen und Zürich. Diesen Städten ist ein neuer Bild-und Textband gewidmet, den das selbe Team den Bänden «Wandrer heisst mich die Welt» (2019) und «Das Richard Wagner-Festspielhaus in Bayreuth» (2007) folgen lässt.

Wagners fruchtbare Zürcher Jahre

Die Tagebücher von Wagners Ehefrau Cosima, die eine wichtige Quelle des Bandes sind, umfassen die Jahre 1869 bis 1883. Der Bildband setzt 20 Jahre früher ein mit dem Kapitel Zürich 1849-1858, dem sich Luzern 1850 und 1859 sowie Tribschen 1866-1872 anschliessen. Nach diesen je 80 Seiten umfassenden Abschnitten steht fest: Die Zürcher und Luzerner Perioden waren schöpferisch die ergiebigsten in Wagners Schaffenszeit.

Nur heisst der 288-seitige Band «Richard Wagners Prachtgemäuer» in Anlehnung an Loges spöttischen Ausspruch im «Rheingold»: «Das Prachtgemäuer prüft ich selbst». Die Wagner-Wohnstätten waren ja durchaus nicht immer von luxuriösem Charakter. Das zeigt sich bei den sieben Wohnsitzen in Zürich, von denen heute noch das Haus Akazia und die Hinteren und Vorderen Eschenhäuser nahezu unverändert sind.

Das Häuschen, in dem sich das epochemachende Liebesverhältnis mit Mathilde, der Frau des Wagner-Mäzens Otto Wesendonck, abspielte, gibt es nicht mehr, und auch es war ein einfacher Fachwerkbau. Nichtsdestoweniger geht Christian Bührle in seinem Beitrag mit akribischer Genauigkeit Wohn – und Wirkungsstätten bis in die hintersten Winkel nach. Um am Ende bedauernd festzustellen, dass es in Zürich bis heute keine Wagner-Gedenkstätte gibt.

Was bleibt, sind die gewaltigen Teile des Werks, die in der Limmatstadt entstanden sind – wie Teile des Nibelungen-Dramas oder der erste «Tristan»-Akt. Und die künstlerischen Aktivitäten, die bis heute im Musikleben Zürichs nachwirken.

Von Tribschen zum Haus Wahnfried

In Luzern fesselte Wagner die schöne Lage des Landsitzes auf der Tribschener Halbinsel. Von diesem Herrenhaus führt eine direkte Linie zu Bayreuth mit dem Haus Wahnfried, für das Tribschen als Modell diente (die Zürcher freilich behaupten, die Wesendonck-Villa bzw. der Architekt Palladio hätten als Vorbild gedient).

Ansicht der Stadt Luzern vom Richard Wagner Museum aus.

Ansicht der Stadt Luzern vom Richard Wagner Museum aus.

Luzern beansprucht die Vollendung des «Tristan» mit dem dritten Akt im Hotels Schweizerhof (eine Gedenkplakette erinnert daran), die Vollendung der «Meistersinger von Nürnberg», das «Siegfried-Idyll», den dritten «Siegfried»-Akt und den Beginn der «Götterdämmerung». Was Luzern nicht beanspruchen kann: dass Wagner einen Einfluss auf sein Musikleben gehabt hätte, das noch in den Kinderschuhen steckte.

Aber es hat mit dem Wagner-Museum auf Tribschen seit 1933 die einzige Wagner-Gedenkstätte der Schweiz an einem originalen Ort. Ihre initiative Leiterin Katja Fleischer schildert die Aufenthalte in Luzern ebenso lebendig wie die Zeit in Tribschen, wo Wagner dank seinem Gönner König Ludwig II finanzielle Sorgen los war. Sicher mit ein Grund, dass er hier laut eigener Einschätzung seinen glücklichsten Lebensabschnitt verbrachte.

Der Luzerner Beitrag verweist auch auf die Matthäuskirche, wo Cosima und Richard Wagner heirateten und der Sohn Siegfried getauft wurde. Er hält auch fest, wie Tribschen mit Toscaninis Gala-Konzert den Grundstein legte für die Internationalen Musikfestwochen Luzern. Verschwiegen wird, dass es in der Altstadt auch das Stammlokal Wagners gibt, das «Dubeli», das heute das chinesische Restaurant Li-Tai-Pe, aber sonst im Originalzustand ist.

Das Strassenschild des Richard-Wagner-Wegs in Luzern

Das Strassenschild des Richard-Wagner-Wegs in Luzern

«Braune Turbulenzen» im Wagner-Clan

Zu Wort kommt, dass sich im Tribschen-Haus in den dreissiger Jahren bis zum Zweiten Weltkrieg auch Nazi-Überzeugte der Wagner-Familie tummelten. Zu Recht widmet die inzwischen 78-jährige (Schweizer) Wagner-Urenkelin Dagny R. Beidler dem nie als Wagner-­Nachkommen anerkannten Schweizer Wagner-Enkel Franz Wilhelm Beidler einen eigenen Artikel. Schliesslich war er ein entschiedener Gegner des NS-­Regimes, der nie die Chance erhielt, eine Rolle in der Wagner-­Nachfolge zu spielen.

Das umfangreiche Quellenverzeichnis verrät, wie gründlich recherchiert wurde. Aber keine Angst: der Text liest sich leicht und abwechslungsreich, und der Band fordert heraus, darin zu blättern und sich an den prachtvollen, teils historischen, teils aktuellen Aufnahmen zu erfreuen.

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