Die Debatte um die zweite Gotthardröhre ist vor der nahenden Abstimmung omnipräsent – und mit ihr die Frage, wie wichtig der Schweiz das Tessin ist. Der Tessiner Clown Dimitri ist gegen einen zusätzlichen Strassentunnel, ansonsten hört man vor allem den Aufschrei: «Ohne zweite Röhre sind wir abgeschnitten!» und die vorwurfsvolle Frage an die Alpennordseite: «Sind wir euch egal? Habt ihr uns vergessen?»

Auch der Tessiner Autor Alberto Nessi, seit gestern Träger des Schweizer Grand Prix Literatur, hat ein Leben lang gegen das Vergessen angeschrieben. Nebst seiner eigenen Lyrik, Prosa und Essayistik hat er als Herausgeber andere Tessiner Autoren veröffentlicht und eine Literaturgeschichte der italienischsprachigen Schweiz vorgelegt. So hat er den mit 40 000 Franken dotierten Preis doppelt verdient: für sein literarisches Werk und gemäss Bundesamt für Kultur «als Persönlichkeit, die sich auf einzigartige Weise für die Schweizer Literatur einsetzt».

«Das Schreiben entstand bei mir aus einer Verstümmelung, aus einer Schuld und einer Entdeckung», schrieb Nessi 2014 in der «NZZ». «Die Verstümmelung war der Tod des Vaters in meinem fünfzehnten Altersjahr; die Schuld betraf jene einfache Welt, welche ich verlassen hatte, um als Erster meiner Familie den Weg der höheren Bildung einzuschlagen; die Entdeckung bezog sich auf die Existenz einer Wirklichkeit parallel zur alltäglichen.» Das Alltägliche weiss Nessi mit elektrisierender Poesie aufzuladen.

Über Tote und gegen das Vergessen

Als Literaturwissenschafter kehrte er aus Freiburg zurück ins Mendrisiotto, wo er lange Zeit als Lehrer wirkte, um die Poesie ins abgelegene Tal hinein- und seine «Schuld» abzutragen. Und immer wieder schrieb er über die Toten der Heimat, um die Vergangenheit vor dem Vergessen, der Verstümmelung zu bewahren: «Im leuchtenden Staub, der durch die Luke des Dachbodens tropfte, sah ich eine Milchstrasse aus Sonnenstaubkörnern. (...) Jene Staubkörner waren mein Grossvater, der mir einst seine Flucht vor den Geldeintreibern erzählte; mein Vater, vom Hunger zum Kartoffeldieb gemacht.»

Wohnhaft in Bruzella, einem winzigen Ort am Südrand der Schweiz, bewegt sich dieser Autor immer am Rand des Lebens und rückt Menschen vom Rand der Gesellschaft ins Zentrum. Menschen wie den aufmüpfigen Miló, der in den 1930er-Jahren nach Italien ausgeschafft wurde und sich dort zu den Partisanen schlug. «Miló» heisst denn auch Nessis neuer Erzählband. Darin kreist er um jene karge Tessiner Gebirgsregion, wo früher Waren über die Grenze geschmuggelt wurden und heute Menschen – Flüchtlinge, «dazu bestimmt zu verdunsten wie ein Benzinfleck an der Sonne».