Das jährliche Stelldichein der Schweizer Literaten und Literaturfreunde an den Solothurner Literaturtagen ist das Gegenprogramm zu einer Welt, die mit Siebenmeilenstiefeln in die global kontrollierte, technisierte Zukunft schreitet. In entspannter Atmosphäre wird in Solothurn das Kleine und Überschaubare gefeiert, die kulturelle Vielfalt und Viersprachigkeit wird gehegt und junge Pflänzchen wachsen im Schutz der literarischen Familie heran.

Doch dann gibt es auch Veranstaltungen, die den Blick in vermeintlich literaturfeindliches Terrain wagen. Den Chatbots, der computergesteuerten automatisierten Kommunikation, waren am Rand der diesjährigen 40. Solothurner Literaturtage zwei Veranstaltungen gewidmet. Sprache, mit dem Atem verbunden, gilt gemeinhin als urmenschliche Ausdrucksform. Sie transportiert nicht nur Inhalt, mit ihr werden auch soziale Beziehungen ausgehandelt. Doch seit mehr als 50 Jahren gibt es Versuche, die menschliche Kommunikation maschinell nachzuformen. Man staunt: Der erste Chatbot namens «Eliza» wurde bereits 1966 entwickelt. Das Programm simuliert eine Therapiesitzung und feuerte ausgewählte Begriffe aus einem eingegebenen Text zurück. «Erzähl mir mehr über Deinen Vater», fordert Eliza etwa auf, wenn sie das Wort «Vater» in der Texteingabe erkennt.

Stimmungsbilder der Solothurner Literaturtage: 

«Das Therapiegespräch ist die einfachste Form von Kommunikation», witzelt Bühnenperformer Andreas Storm. Zusammen mit dem Berner Wissenschaftsjournalisten Roland Fischer führte er im Kreuzsaal durch die Geschichte der Missverständnisse in der Kommunikation zwischen Mensch und Maschine. Von Eliza über die maschinelle Übersetzung eines Kunstführers durch die Uffizien bis hin zu Science Fiction Filmscripts, die auf den Korrekturvorschlägen des Smartphones basieren ging der amüsante Ritt. Und auch die brandneue künstliche Intelligenz Google Duplex fand Eingang in den Abriss. Sie kann telefonisch Termine buchen, einen Termin beim Friseur beispielsweise, oder einen Tisch für ein Abendessen. Nachfragen bejaht sie neckisch mit «um-hmmm». Doch was passiert, wenn Google Duplex beim Anruf ihrerseits auf einen digitalen Assistenten im Restaurant trifft?

«Von Anfang an glaubten die Menschen, die Maschinen seien viel klüger, als sie es tatsächlich waren», sagt Roland Fischer. Er hat auch die Zukunftskonferenz an den Literaturtagen kuratiert, die mit Fachleuten aus verschiedenen Perspektiven das Zusammenspiel von Mensch und Maschine in der Kommunikation beleuchtet. «The next hot job in Silicon Valley ist for poets», titelte die Washington Post im August 2016. Dass neuerdings Literaten für die Entwicklung von Bots gefragt sind, war der Ausgangspunkt für den Anlass.

Literarische Figurenzeichnung

Doch wo gibt es Platz für Literatur in der digitalen Welt? Dorothea Martin vom Berliner Verlag Das wilde Dutzend hat sich auf digitales Erzählen spezialisiert. Frei von Vorurteilen stellt sie eine Fiktionalisierung des Alltags auf Social Media fest. Analog zu den Apps und ihren jeweiligen Formaten werde das Erzählen dialogischer, Foto und Video spielten eine grössere Rolle und die einzelne Erzählsequenz werde kürzer, sagt sie. Beat Suter befasst sich an der Zürcher Hochschule der Künste mit Game Culture. Mit künstlicher Intelligenz und literarischen Techniken könne man die Zeichnung jener Figuren verbessern, mit denen man via Player-Figur in Games interagiert, sogenannte NPCs.

Genau diese Möglichkeit hat Jacqueline Feldman beim Chatbot «Kai» entdeckt. Die Autorin aus New York hat im Auftrag einer Bank für diesen Bot getextet, damit er Kunden bei Fragen assistiert. Sich Antworten auf Fragen auszudenken, die am Thema vorbeigehen oder auch Sätze, die den Bot als Bot erkennbar machen, waren für sie dabei eine besondere Freude. «Es gibt durchaus Ähnlichkeiten zur Entwicklung einer literarischen Figur», sagt sie und verweist damit auf den menschlichen oder spielerischen Aspekt des Bots.

Steve Worswick hingegen lenkt den Blick auf die moralisch-ethische Verantwortung. Er hat die mit renommierten Preisen mehrfach ausgezeichneten Figur «Mitsuku» entwickelt. Beim Scannen der Dialoge entdeckte er einmal, wie Mitsuku mit «Oh great, have fun» antwortete, als ein Nutzer schrieb, er werde Selbstmord begehen.

Ethik und Moral werfen viele Fragen auf. Müssen die Bots als solche erkennbar sein? Oder: Warum sind die meisten Chatbots und digitalen Assistenten als Frauenfiguren gezeichnet? Und wie beeinflusst uns der Umgang mit dienstwilligen weiblichen Bots? Eine Diskussion, die sich mit derjenigen um Gewaltspiele und Pornos kurzschliessen lässt.

«ich spreche von discours d’amour (...) bleicher junge, you smile, in your shiny absent eye spiegelt sich meine surveillance seele», schreibt die Spoken-Word Poetin Ariane von Graffenried. Von der robotischen Sexpuppe «Harmony» inspiriert, schrieb sie ein Gedicht für den Anlass und wirft damit eine weitere Frage auf: Was mit all den gesammelten Daten passiert. Gut, haben diese Themen auch Platz an den Literaturtagen.